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Schon der Name des Städtchens ist sympathisch: Weingarten. Es sind aber auch vor allem der historische Wartturm oder eine Einkehr im Walk´schen Haus, die die Besucher anlocken.

Schon der Name des Städtchens ist sympathisch: Weingarten. Es sind aber auch vor allem der historische Wartturm oder eine Einkehr im Walk´schen Haus, die die Besucher anlocken.
© Sina Ettmer Photography / Shutterstock

Im Genießerländle: Baden-Württemberg

Deutschland
Baden-Württemberg
Kulinarik

In Baden-Württemberg wird in der Küche nicht nur traditionsgemäß gekocht, sondern auch traditionsgemäß getüftelt: kreativ, beherzt vorwärtsgewandt - und dabei immer mit beiden Beinen auf dem Boden versierten Handwerks.

Allein wegen der Küche soll laut des »Guide Michelin« die Anreise in ein Drei-Sterne-­Restaurant lohnen. Eines von zwei in ­Baden-Württemberg gibt es im ­Nordschwarzwälder »Hotel Bareiss«, das »Restaurant Bareiss«, aber Hand aufs Herz: Drei-Sterne-Restaurants sind ja eine tolle Sache, aber auch allein wegen der schwäbischen Apfelküchle mit Vanillesoße lohnt hier die Anreise – obwohl die Spezialität in den rustikalen »­Dorfstuben« des Hotels aufgetischt wird.

In den mit Kuckucksuhren geschmückten Bauernstuben lassen sich ohnehin bei einem Blick aufs Menü einige Schlüsse über die Landesküche ziehen. Etwa folgender: Man möchte am liebsten alles essen. Da gibt es Maultaschen, Rahmschnitzel, Rostbraten, knusprige Bauernenten, dazu Schupfnudeln, Kartoffelsalat, handgeschabte Spätzle oder geschmälzte Serviettenknödel, die man sein Lebtag nicht mehr vergisst.

Auch Trugschlüsse lassen sich in den »Dorfstuben« ziehen. Beispielsweise, dass einen hier – und nur hier – die ­ganze Welt für lange Zeit gernhaben kann. ­Dabei ist dieses Gefühl symptomatisch für den Schwarzwald im Speziellen und für ­Baden-Württemberg im Allgemeinen.

Im Südschwarzwald lassen sich bei Pils, Bauernbrot, Rauchforellen und Schinkenplatten die Feste feiern, wie sie fallen. Am Bodensee kann man bei Saibling in Mandelbutter dem Sonnenuntergang zusehen – bei Föhn stanzen sogar die Alpen ihre Kulisse in den Horizont. Auf der ­Schwäbischen Alb lassen sich Höhlen und Schlösser besichtigen und die Tage mit Soulfood wie »Leisa, Spätzle und Saitenwürstle« oder »Sauren Bohnen mit Hefeknöpfle« beschließen – dazu ein »Viertele« Wein?

Städtetrips nach Freiburg, Stuttgart oder Heidelberg werden immer auch zu einem kulinarischen Sightseeing – und welcher Feinschmecker hat nicht die einstige Kaderschmiede »Hotel-Restaurant Erbprinz« in Ettlingen auf seiner Bucket List vermerkt? Oder das »Restaurant Schwarzer Adler« am Kaiserstuhl, wo sich mit der feinen Küche und dem sagenumwobenen Weinkeller eine Kernfusion des deutsch-französischen Hochgenusses erleben lässt!

Im »Bistro Margarete« in Karlsruhe gibt es Kalbfleischküchle oder Käs’spätzle. Koch Thorsten Bender, der auch das Zwei-Sterne-Restaurant »Sein« betreibt, geht auf dem Menü aber auch fremd, mit »­Himmel und Äd«, Cordon bleu oder Bayerisch Creme: »Im Bistro sitzen oft drei Generationen beieinander, da soll jeder finden, was er gern hat«, sagt er – auch das ist ein Grund für die bunte Landesküche.

Keine Frage: Wer Stillstand und Einkehr sucht – die Tradition zweifelsohne bietet –, kommt in Baden-Württemberg zur Ruhe. Aber Geschichte schreibt sich fort, die Zeit ist im Fluss, und das verleiht dieser Ecke des Landes eine geradezu pulsierende Energie. Kopfüber können sich entdeckungsfreudige Genießer in die Strömung der Esskultur stürzen.

Köchinnen und Köche verpacken Wildfleisch-Pattys in Burgerbrötchen. Imbisse werfen Spätzle in Woks und bereiten damit Asiapfannen zu. Wildenten verschwinden in ­vietnamesischen Phos, Wildschweine werden zu Chop-Suey verarbeitet. In Freiamt nahe der Rheinischen Tiefebene experimentiert Michael Wickert in seiner Fischräucherei »Glut & ­Späne« mit dem Rauch von Erlen-, Buchen-, Eichen-, Kiefern- oder Kirschholzspänen und lässt Verwegenheiten wie Lachs-Pastrami entstehen.

70 Sternerestaurants zählt der »Guide ­Michelin« in Baden-Württemberg, viele suchen nach individuellem Ausdruck und Eigenständigkeit. Im »Jacobi« in Freiburg werden warme »Laugenweckle« als ­Brotgang serviert, mit Zwiebelöl und -butter. 180 Kilometer Luftlinie entfernt kommt im Restaurant »Ursprung« im Hotel »Widmann’s Alb.leben« ­Ostälber Lammrücken mit Couscous, gedörrter Wassermelone und Fichtensprossen auf die Teller. »Alles aus regionalen Zutaten«, sagt Andreas Widmann.

In der Nordschwarzwälder Feriengemeinde Baiersbronn (wozu auch das »Restaurant Bareiss« gehört) könnte ein Sternehopping durch gleich vier Restaurants veranstaltet werden – und doch ist das alles zu kurz gegriffen, denn allein in dem »Sternedorf« gibt es kulinarisch so viel mehr zu entdecken: etwa Betty’s BonBon Manufaktur, wo die promovierte Biochemikerin Bettina Buchthal Handwerksnaschereien herstellt. Keine 500 Meter entfernt steht Wanderkoch Friedrich Klumpp am Herd seines »Hotel-Gasthofs Rosengarten«, wenn er nicht gerade in Wald und Flur nach Zutaten sucht, nach Gundermann, Mädesüß oder Giersch. Bärwurz nennt Klumpp das »Maggi der Wiese«, er bereitet daraus Kräuterbutter für Forellengerichte zu – was ist da nur los im Ländle?

Man kann natürlich behaupten, dass in Zeiten, in denen sich auch kleine Gastrobetriebe immer mehr mit dem Griff zu Fertigware vereinheitlichen, die Konturen einer beherzten, traditionellen Handwerksküche deutlicher hervortreten. Aber die Jahrhunderte des Wandels haben auch in der Landesküche ihre Spuren hinterlassen: Grenzquerelen und Kriege, Streitigkeiten und Versöhnung, Handel und Austausch, Migration und ­Innovation, Adel und Bauernstand, Arm und Reich, Prunk und Genügsamkeit, ­Protestantismus in Württemberg oder Katholizismus in Baden – die sprudelnden Einnahmen aus dem Tourismus nicht zu vergessen.

Baiersbronn in Baden-Württemberg
© OlgaL20 / Shutterstock.com
Baiersbronn in Baden-Württemberg

»Es gibt sicher typisch badische und württembergische Gerichte, aber ­vereinfacht gesagt gab es eine Küche des Bauernstandes sowie eine Küche des Klerus und der absolutistischen Fürsten. Diese zwei Strömungen vereinte das ­aufstrebende Bürgertum langsam in der Mitte des 19. Jahrhunderts«, sagt Markus ­Herbener, Historiker und Doktor für Wald- und Forstgeschichte an der Universität Freiburg.

Die Küche der Lehnsherren, Geistlichen und Adeligen zeichnete sich laut Herbener vor allem durch ihre Fleischlastigkeit aus. Von Hochwild, Rindern und Kälbern wurde aber nicht nur viel, sondern vor allem die edlen Teile gegessen, zubereitet nach französischem Vorbild – das süddeutsche »Böfflamott« ist etwa nichts anderes als das französische »bœuf à la mode« oder badische Hechtklößchen in Flusskrebssoße, in Frankreich besser bekannt als »quenelles de brochet sauce Nantua«.

Der Bauernstand hatte genügsam zu sein. Ihm waren Innereien, Niederwild oder ­Ziegen vorbehalten. Abwechslung von der – oft pflanzlichen – Alltagskost gab es an Fest- und Feiertagen. Gutes Essen war auch ein Ausbruch aus der Routine, etwa bei einem alljährlichen Schlachtfest, wo die übers Jahr gemästete Sau ihr Leben ließ. Die schnell verderblichen Fleischteile wurden sofort gegessen: Leber und Hirn, auch Blut natürlich. Alles andere wurde für die Wintermonate durch Räuchern oder Pökeln konserviert.

Das süddeutsche »Böfflamott« mit Kartoffelklößen.
© Shutterstock
Das süddeutsche »Böfflamott« mit Kartoffelklößen.

Noch heute steht in den Wintermonaten die »Metzelsupp« auf allerhand Speisekarten des Landes. Traditionell gehören zu dem Gericht Kesselfleisch, Blut- und Leber­würste mit Sauerkraut und Spätzle, besonders fein auch mit süßem Erbsenpüree. Die Spezialität findet sich in Gasthäusern in den Weinanbaugebieten der Rheinischen Tiefebene oder in Besenwirtschaften auf der Alb. Selbst Musikvereine oder die Feuerwehr richten in Rathäusern noch gerne »Saukopfessen« aus. Wer die Möglichkeit hat, sollte zugreifen, denn obwohl das Gericht eher ein alljährliches Highlight der einfachen Landbevölkerung war, ist es eine deftige Köstlichkeit – auch wenn danach nur noch für Verdauungsschnaps im ­Magen Platz bleibt.

Wobei diese authentische, bisweilen derb wirkende Küche lange auch von den Baden-Württembergern geschmäht wurde: »Vor 45 Jahren hätte ich nicht einmal ein Lamm auf die Karte setzen können, das hätte der Schwabe nicht angerührt. Das Fleisch hatte den Ruf von stinkendem Hammel. Heute läuft es ausgezeichnet«, sagt Vincent Klink. Aber auch mit Innereien ist der aus Funk und Fernsehen bekannte Koch nicht zimperlich. Aktuell gibt es in seinem »Restaurant ­Wielandshöhe« in Stuttgart etwa Zicklein-Leberwurst und -Braten oder Salat mit gerösteten Kalbskopfwürfeln, außerdem natürlich Kutteln – das »schwäbische Heiligtum«, wie Klink sagt – oder »schwäbische ­Austern«: Weinbergschnecken.

Lässt sich die Küche von Baden und von Württemberg eigentlich sauber voneinander trennen? »Der Boden formt den Menschen«, sagt Klink, »und der Badener lebt klimatisch mit der Rheinischen Tiefebene in einer gesegneten Landschaft, hat also gute Produkte. Hinzu kommt die Nähe zu Frankreich, weswegen die ­traditionelle ­badische Küche etwas frankophiler, vielleicht etwas besser ist«, sagt Klink.

Markus Herbener ist seinerseits überzeugt, dass die Schwaben die besseren Maultaschen machen würden … Zwei hochbrisante Aussagen für einen Schwaben und einen Badener, aber mal ehrlich: Mit mehr Achtung und Wohlwollen können sich einst verstrittene Völker ja wohl nicht gegenübertreten. Ja. Auch das ist ein Grund für die blühende Esskultur in ­Baden-Württemberg.

Hotels

****** Brenners Park-Hotel & Spa

Sicherlich eine der mondänsten Residenzen in Baden-Württemberg, was auch dem Millionärsstädtchen Baden-Baden geschuldet ist. Das aktuell geschlossene »Fritz & Felix«-Restaurant mit dem Eyecatcher eines Charcoa-Grills wird im Sommer 2025 wiedereröffnet.
Ludwig-Wilhelm-Platz 4, 76530 Baden-Baden, T: +49 7221 9000
oetkercollection.com

***** Hotel-Restaurant Erbprinz

Hotellegende und Kaderschmiede – hier standen schon Witzigmann, Haeberlin oder Eiermann am Herd! Die Grundsteine des Hauses wurden Ende des 18. Jahrhunderts gelegt. 1967 erhielt der »Erbprinz« als erstes deutsches Gourmetrestaurant einen Michelin-Stern.
Rheinstraße 1, 76275 Ettlingen, T: +49 7243 322-0
erbprinz.de

***** Der europäische Hof

Eines der besten Häuser am Platz und seit dem Jahr 1865 familiengeführt. In den altehrwürdigen Mauern lässt sich aber nicht nur hochwertig logieren, sondern auch hochwertig dinieren. Beim Städtetrip lockt eine Stippvisite zum Tea-Time-Arrangement.
Friedrich-Ebert-Anlage 1, 69117 Heidelberg, T: +49 6221 515-0
europaeischerhof.com

***** Genusshotel Sackmann

Frischer Wind hat im »Genusshotel Sackmann« nicht nur mit Nico und Daniel -Sackmann – den Söhnen von Koch und Hotelier Jörg Sackmann – Einzug gehalten: Mit einem umfassenden Umbau wurden die Weichen für die Zukunft des Nordschwarzwälder Domizils gestellt.
Murgtalstraße 602, 72270 Baiersbronn, T: +49 7447 2890
hotel-sackmann.de

Romantik Hotel Spielweg

Idyllisch im Münstertal liegt der Familienbetrieb. Besonders die Wildgerichte – mit Tieren teils aus eigener Jagd – bringen Viktoria und Johannes Fuchs mit traditionsverliebter Präzision, aber mit auch verwegener Kreativität auf die Teller.
Spielweg 61, 79244 Münstertal, T: +49 7636 7090
spielweg.com

Widmann's Alb.Leben

Modernes, stylishes Hotel auf der Schwäbischen Alb nahe der bayerischen Landesgrenze. Wer gerne traditionell essen möchte, ist im »Gasthaus Löwen« gut aufgehoben. Kreative Sterneküche aus Regionalzutaten bietet das Restaurant »Ursprung«.
Struthstraße 17, 89551 Königsbronn, T: +49 7328 9627-0
widmanns-albleben.de

Restaurants

Schwarzer Adler

Ein Lokal, umweht von der kulinarischen Geschichte Deutschlands. Irma Keller erkochte hier im Jahr 1969 einen Stern, mit badisch-französischer Küche. Manche Gourmets reisen auch nur wegen des legendären Weinkellers an.
Badbergstraße 23, 79235 Oberbergen, T: +49 7662 9330-10
franz-keller.de

Wielandshöhe

Im Ländle gelten Koch Vincent Klink und sein Lokal gleichermaßen als Institutionen. Tradition und Handwerk werden hochgehalten, auch ganze Tiere bezogen und verwertet, weswegen auch Fans von Kutteln, Kalbskopf oder Leber hier gerne einkehren.
Alte Weinsteige 71, 70597 Stuttgart, T: +49 711 6408848
wielandshoehe.de

Jacobi

Beherzte Sterneküche im Herzen der Altstadt. Beim Warenbezug setzen Koch Christoph Kaiser und sein Team auf Region und Saison. Ein Menü ist ein Erlebnis, es gibt aber auch Tage, an denen À-la-carte- und Bistrogerichte angeboten werden.
Herrenstraße 43, 79098 Freiburg im Breisgau, T: +49 761 38030
jacobi-freiburg.de

Gasthof zum Bad

In der Region ist der rustikale Gasthof wegen seiner frischen, gutbürgerlichen Küche ein Begriff. Vor allem in den Herbst- und Wintermonaten wird aber auch gelegentlich eine Schlachtplatte aufgetischt, die von Einheimischen gefeiert wird.
Talstraße 81, 72250 Freudenstadt, T: +49 7441 3157
gasthof-bad-freudenstadt.de

Dorfstuben

Die Qualität der badisch-schwäbischen Regionalküche ist über die Grenzen des Schwarzwaldes hinaus bekannt. Neben Klassikern gibt es Forellengerichte mit Fischen aus der eigenen Zucht sowie eine Vesperkarte mit Wurstsalat, Schinken oder Flammkuchen.
Hermine-Bareiss-Weg 1, 72270 Baiersbronn, T: +49 7442 470
bareiss.com

Bistro Margarete

Thorsten Bender, Küchenchef des Zwei-Sterne-Restaurants »Sein«, setzt hier sein Augenmerk auf deutsches Soulfood für die ganze Familie: Cordon bleu, Rehragout oder Käsespätzle, aber auch Saumagen-Carpaccio locken manche Genießer an.
Scheffelstraße 55, 76135 Karlsruhe, T: +49 721 40244773
bistro-margarete.de


 

Erschienen in
Falstaff Magazin Österreich Nr. 5/2025

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Hannes Finkbeiner
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