Angeber aus dem Supermarkt: Kann Honig wirklich alles?
Honig ist weit mehr als ein Brotaufstrich. Aber ist er wirklich ein Alleskönner – oder bleibt der medizinische Hype und die Versprechungen der Schönheitsindustrie bloß süße Illusion?
Wenn die ersten frostigen Morgen den Winter ankündigen, ziehen sich Deutschlands Bienen in ihre Stöcke zurück. Nach einem außergewöhnlich fleißigen Sommer freuen sich die Imker:innen dieses Jahr über Rekordernten: 37,5 Kilo Honig pro Bienenvolk – fast sechs Kilo mehr als im Vorjahr und der höchste Wert seit Beginn der Statistik 2011. Für die Bienen war das Wetter perfekt. Sonnig, aber feucht genug, um Blütennektar in Hülle und Fülle zu sammeln. Für den Konsumenten bedeutet das: süßes Gold im Glas, das nicht nur den Gaumen erfreut, sondern längst als kleines Allheilmittel gilt.
Natürliche Power
Honig kann weitaus mehr, als nur Tee süßen. Schon Hippokrates schwärmte von seinen heilenden Eigenschaften. Heute bestätigen moderne Studien, dass Honig bis zu 200 bioaktive Substanzen enthält – von Enzymen über Aminosäuren bis hin zu Antioxidantien. Ob bei Erkältungen, Atemwegsinfekten, Magenbeschwerden oder kleinen Wunden: Honig wirkt antibakteriell, entzündungshemmend und unterstützend für das Immunsystem. Aber Achtung: Trinkt man den Honig tatsächlich in seinem Tee, sollte dieser nicht kochend heiß sein. Sonst wird die Glucoseoxidase gestoppt und die antibakterielle Wirkung kann sich nicht entfalten. Darum sollte der Honig erst hinzugegeben werden, wenn der Tee auf eine lauwarme Temperatur abgekühlt ist.
Im Regal in ausgewählten Supermärkten könnte man eine bestimmte Sorte als Superheld unter den Honigen bezeichnen: Manuka aus Neuseeland. Nur in den abgelegenen Bergregionen wächst die Südseemyrte, deren Nektar einen Honig entstehen lässt, der dank seines hohen Methylglyoxal-Gehalts (MGO) bis zu hundertfach stärker antibakteriell wirkt als herkömmlicher Blütenhonig. Fachärzt:innen für Naturheilverfahren setzen Manuka-Honig bei Magenschleimhautentzündungen, Zahnfleischproblemen oder kleinen Verletzungen ein – teilweise als Ersatz für Antibiotika. Ein Esslöffel morgens auf nüchternen Magen, zwei Minuten im Mund zergehen lassen – so soll die heilende Wirkung am besten wirken. Doch der Preis für dieses flüssige Heilmittel bleibt hoch: Ein Glas mit mittlerem MGO-Wert kostet rund 30 Euro. Kein Wunder, die Imker müssen die Bienen oft per Hubschrauber oder Allradfahrzeuge zu den entlegenen Sträuchern bringen. Nicht zu vergessen, der lange Handelsweg bis in die deutschen Supermärkte.
Medizin, die schmeckt
Honig hat jedoch nicht nur medizinisches Potenzial, sondern auch kulinarisches. In der Spitzenküche wird er als geschmacklicher Joker eingesetzt, von karamellisierten Desserts über fein abgestimmte Dressings bis hin zu Käsebegleitungen oder Cocktails mit Honig. In der Patisserie ist er ein unverzichtbarer Partner, der Süße mit einer Tiefe verbindet, die Zucker niemals erreicht. Verschiedene Sorten wie mild-blumiger Akazienhonig oder kräftiger Waldhonig bieten eine Palette, die Gourmets und Hobbyköche gleichermaßen begeistert.
Und wer denkt, Honig bleibe nur in der Küche oder dem Medizinschrank, irrt. Kosmetikmarken wie beetiful cosmetics aus Frankfurt setzen auf Honig als natürliches Schönheitselixier. Gründerin der Marke, Katrin Otto, hat eine Honigmaske aus eigenem Bedürfnis entwickelt: »Meine Tochter hatte direkt nach der Geburt starke Hautprobleme, erste Anzeichen von Neurodermitis. Die Cremes aus Apotheke und ärztliche Empfehlungen brachten leider nur begrenzte Linderung. Mein Mann ist Imker, wir hatten also stets reinen, unbehandelten Honig aus eigener Gewinnung im Haus. Aus einem sehr instinktiven, beinahe traditionellen Impuls heraus begannen wir, diesen pur auf die betroffenen Hautstellen aufzutragen. Es war klebrig, unpraktisch, aber erstaunlich wirksam.«
Trotz der Effektivität war das Auftragen des rohen Honigs keine dauerhafte Lösung. »Die Haare klebten im Gesicht, die Bettwäsche litt«, erinnert sich Katrin Otto. Also begann sie zu experimentieren – in ihrer eigenen Küche und zunächst ausschließlich für den Eigenverbrauch. Das Ergebnis? Ein Erfolgsrezept, das sie später mit einer erfahrenen Naturkosmetik-Expertin perfektionierte.
»Was Honig für mich so außergewöhnlich macht, ist diese einzigartige Verbindung aus Feuchtigkeit, Regeneration der Zellen und Schutz, die kein synthetischer Wirkstoff vollständig nachbilden kann. Er pflegt, ohne die Haut abhängig zu machen, und hilft ihr dabei, wieder ins eigene Gleichgewicht zu finden.« Auch hier seien Enzyme, Vitamine, Spurenelemente, Polyphenole und starke Antioxidantien dafür verantwortlich, dass der Honig als Inhaltsstoff antibakteriell bei Unreinheiten wirkt, Rötungen vorbeugt, die Schutzflora der Haut unterstützt und die Zellregeneration fördert.
Hochstapler unter den Honigen
Doch Vorsicht: Nicht jeder Honig, der glänzt, hält, was er verspricht – vor allem im Supermarkt. Ein erheblicher Teil der importierten Ware ist gestreckt oder gepanscht, häufig mit Sirup aus Mais, Weizen oder Zucker. Lokale Imker hingegen liefern Honig, der nicht nur aromatisch überzeugt, sondern auch die wertvollen Inhaltsstoffe bewahrt, die den Unterschied zwischen echtem Naturerzeugnis und bloßem Zuckerwasser ausmachen.
Am Ende bleibt die Frage: Kann Honig wirklich alles? Vielleicht nicht alles, aber er kommt ziemlich nah ran. Ob als Heilmittel, Süßungsmittel oder Beauty-Booster – Honig verbindet Genuss mit Nutzen. Die Bezeichnung als »Superfood« hat er sich jedenfalls verdient.