Antientzündliche Ernährung: Kann man sich wirklich gesund essen?
Kann Ernährung wirklich heilen? Ernährungs- und Darmgesundheitsberaterin Carlotta Polzer ist überzeugt: Die richtige Wahl der Lebensmittel kann chronische Entzündungen eindämmen und das Wohlbefinden nachhaltig verbessern. Im Interview erklärt sie, worauf es ankommt – und warum strikte Verbote oft mehr schaden als nützen.
Falstaff: Frau Polzer, am 4. April erscheint Ihr erstes Buch, »Gesund gekocht«. Es geht aber nicht nur einfach um gesunde Ernährung.
Carlotta Polzer: Antientzündliche Ernährung mag abstrakt klingen, hat aber großen Einfluss auf die Gesundheit. Bestimmte Lebensmittel fördern chronische Entzündungen, die mit Autoimmun- und Hauterkrankungen wie Rheuma und Neurodermitis, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder chronischer Erschöpfung zusammenhängen können, während andere entzündungshemmend wirken und den Körper unterstützen. Vielen wird die Wirkung der Ernährung erst bewusst, wenn sie sich mit Nährstoffen befassen. So spielen Antioxidantien wie Vitamin C (Beeren, Paprika) und Vitamin E (Olivenöl) zum Beispiel eine wichtige Rolle beim Schutz unserer Zellen vor schädlichen Auswirkungen von freien Radikalen – das ist echte Biochemie im Körper.
Das haben Sie selbst erlebt…
Ja, ich leide seit meiner Kindheit an Neurodermitis. Im Erwachsenenalter wurde es immer schlimmer. Kortison brachte langfristig keine Besserung. Also begann ich, mich intensiv mit Alternativen zu beschäftigen – und geriet in eine Spirale. Ich hatte zeitweise Angst vor Lebensmitteln, aus Sorge, sie könnten meine Haut verschlimmern – Orthorexie nennt man das, also einen zwanghaft gesunden Lebensstil. Ich habe irgendwann nur noch mit Wasser gebraten, weil ich mich nicht mehr getraut habe, Öl zu benutzen. Heute habe ich diese Ängste nicht mehr und eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin gemacht.
Wir möchten mit unserem Buch für bunte, pflanzenbetonte Ernährung begeistern – aber stehen gleichzeitig für einen entspannten Umgang mit dem, was täglich auf dem Teller landet.
Welche Lebensmittel sind besonders entzündungsfördernd?
Zucker, stark verarbeitete Lebensmittel, frittierte Speisen mit Transfetten, Alkohol oder Schweinefleisch. Positiv wirken dagegen viel Gemüse, Beeren, hochwertige Fette wie Olivenöl, Nüsse und Mandeln, Omega-3-Fettsäuren, Hülsenfrüchte oder auch Ballaststoffe und fermentierte Lebensmittel, weil sie die Darmgesundheit unterstützen.
Heißt das, Sie verzichten konsequent auf Zucker?
Nein, ich reduziere ihn jedoch bewusst. Ich merke bis heute extrem an meiner Haut, wenn ich zu viel Zucker konsumiere. Letztlich geht es aber nicht um Verbote, sondern eine langfristige Balance, die zu den eigenen Bedürfnissen passt.
Viele greifen zu Ersatzprodukten mit Zuckerersatz wie Xylit oder Erythrit – ist das sinnvoll?
»Zuckerfrei« heißt oft nur, dass Zuckerersatzstoffe oder künstliche Süßstoffe (Aspartam) drinstecken, von denen einige Menschen Verdauungsprobleme bekommen. Sie beeinflussen den Blutzuckerspiegel zwar kaum und enthalten weniger Kalorien, aber ich bin insgesamt für einen bewussten Umgang mit jeder Art von freiem Zucker.
Carlottas Favoriten
Natürliche Entzündungshemmer
Was ist schlimmer für den Körper, Zucker oder Stress?
Beides kann problematisch sein, aber es kommt auf die Dosis an. Stress hat enorme Auswirkungen – nicht nur auf das Wohlbefinden, sondern auch unseren Körper, wie die Haut oder unseren Magen-Darm-Trakt. Chronischer Stress beeinflusst den Hormonhaushalt, schwächt das Immunsystem und kann sogar Entzündungen fördern.
Ihr Buch trägt den Untertitel »Dein Essen ist die beste Medizin!« – kann man sich wirklich gesund essen oder gibt es Grenzen?
Ernährung kann enorm viel bewirken – aber natürlich gibt es Grenzen. Es geht nicht um ein Entweder-oder – Medizin ist wichtig, doch auch die Ernährung spielt eine zentrale Rolle. Immerhin sitzen rund 80 Prozent unserer Immunzellen im Darm! Ein bewusster Lebensstil kann bestehende Beschwerden lindern oder viele Krankheiten vielleicht sogar verhindern. Ich wünschte, ich hätte früher gewusst, wie stark die Ernährung das Wohlbefinden beeinflusst. In akuten Phasen meiner Krankheit brauchte ich auch Kortison-Salben – allein mit Ernährung wäre das nicht gegangen. Doch sie kann entscheidend zur Gesundheit beitragen und verdient mehr Aufmerksamkeit.
Die 3 Darm-Achsen
Wie der Darm unser Leben beeinflusst
Darm-Haut-Achse
Forschungen zeigen, dass Haut und Darm über die Darm-Haut-Achse miteinander kommunizieren. Ein Ungleichgewicht im Mikrobiom kann entzündliche Hauterkrankungen wie Neurodermitis oder Akne begünstigen. Zudem kann eine gestörte Darmbarriere (Leaky Gut) schädliche Stoffe und Bakterien in den Blutkreislauf lassen, was Entzündungen verstärkt und die Haut betrifft. Interessant: Die Haut ist neben Leber, Nieren und Lunge ein weiteres wichtiges Entgiftungsorgan.
Darm-Hirn-Achse
Der Darm beeinflusst unser Wohlbefinden über die sogenannte Darm-Hirn-Achse, auch als »Bauchgehirn« bekannt. Studien zeigen, dass er unsere Gefühlswelt, Hirnaktivität und sogar die Entstehung neurologischer Erkrankungen beeinflusst. Gleichzeitig wirken sich Stress und Ängste negativ auf beide Systeme aus. Da im Darm ein Großteil des Glückshormons Serotonin produziert wird, kann eine gestörte Darmflora mit Stimmungsschwankungen, Schlafproblemen und Ängsten verbunden sein. Unser Essverhalten spielt daher eine entscheidende Rolle für die Psyche.
Darm-Leber-Achse
Die Leber baut Nahrungsbestandteile, Giftstoffe und Medikamente ab und verarbeitet Nährstoffe sowie Signalmoleküle. Eine gesunde Darmbarriere sorgt dafür, dass nur wenige Bestandteile in den Blutkreislauf gelangen. Ist diese jedoch gestört, steigt die Belastung für die Leber, was Entzündungen begünstigen kann. Eine schlecht funktionierende Leber kann wiederum Darmerkrankungen fördern.
Gibt es eine Faustregel, die den Einstieg in die antientzündliche Ernährung erleichtert?
Die 80/20-Regel ist sehr hilfreich: 80 Prozent bewusst gesund essen, 20 Prozent Platz für anderes, was vielleicht den alten Gewohnheiten entspricht. Ich bin mit der Zeit automatisch bei 90/10 gelandet. Natürlich gibt es Erkrankungen, bei denen man strenger sein muss, aber für viele Menschen ist Balance wichtiger als strikte Verbote – Ernährung sollte keine zusätzliche Belastung, sondern alltagstauglich sein und Freude bereiten.
In Ihrem Buch räumen sie auch mit Ernährungsmythen auf. Welcher Mythos ärgert Sie besonders?
Die Flut an fragwürdigen Trends – ob »Cortisol Detox«, extreme Fleisch-Diäten oder die Verteufelung von Kohlenhydraten, dabei sind Haferflocken oder Quinoa Beispiele für komplexe Kohlenhydrate, die wertvoll für unsere Gesundheit sind. Auch den pauschalen Glutenverzicht sehe ich kritisch: Klar, bei Glutenunverträglichkeit oder Zöliakie macht es Sinn. Gesunde Ernährung ist aber individuell und sollte ausgewogen sein, nicht dogmatisch.