Baguette-Krise in Frankreich: Ist den Franzosen der Appetit vergangen?
Während kürzlich die italienische Küche zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe ernannt wurde, scheint ein anderes Kulturgut zu wanken: das französische Baguette. Auf dieses haben die Franzosen anscheinend weniger Appetit.
Kaum ein Lebensmittel ist so eng mit einer Nation verwoben wie das Baguette mit Frankreich. Es fungiert als Frühstück, Mittagessen und Abendbrot zugleich: morgens als Träger für Butter und Konfitüre, mittags als Art Sandwich und abends als Partner zu Schmorgerichten und Saucen. Wer zum Einkaufen geht, kommt an der Boulangerie nicht vorbei.
Doch dieses – etwas klischeegetriebene – Ritual scheint zu bröckeln. Zwar wurde das Baguette 2022 zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe erklärt, doch ausgerechnet diese Ehrung soll im Alltag an Bedeutung verlieren. Laut der Fachzeitschrift Les Nouvelles de la Boulangerie-Pâtisserie ist der Konsum nämlich seit Jahren rückläufig. Während früher rund 140 Gramm Brot pro Person und Tag gegessen wurden, liegt der Wert inzwischen deutlich niedriger – bei etwas über 100 Gramm.
Gesundheit schlägt Tradition
Der Grund liegt nicht in der mangelnden Liebe zum Kulturgut, sondern in den veränderten Prioritäten. Frankreich isst bewusster und daher weniger Weißmehl-lastig. Hingegen rücken Vollkorn, Saaten und Sauerteig mehr in den Vordergrund. Was lange als rustikal oder gar provinziell galt, hat sich zum neuen Ernährungsideal entwickelt. Ballaststoffe, Mineralstoffe und ein stabilerer Blutzuckerspiegel zählen zu den Argumenten, gegen die das Weißbrot nur schwer ankommt.
Hinzu kommt ein wachsendes Bewusstsein für Lebensmittelverschwendung. Das Baguette altert schneller und wird rasch hart. Viele Haushalte kennen das Problem und lösen es pragmatisch, indem sie zu Broten greifen, die mehrere Tage halten.
Eine Frage der Generation
Auffällig ist, dass vor allem jüngere Generationen das Baguette anders nutzen als früher. Es wird weiterhin geschätzt, jedoch weniger als tägliches Grundnahrungsmittel. Stattdessen ist es häufig mit Wochenenden, Familienbesuchen oder besonderen Mahlzeiten verbunden. Zudem wird insgesamt vermehrt außer Haus gegessen. Der Rückgang des Kochens im Alltag reduziert automatisch den Bedarf an Brot als universelle Beilage.
Parallel zum sinkenden Baguette-Absatz gewinnen neue Bäckereikonzepte an Bedeutung. Sogenannte »Neobäcker« setzen auf Sauerteig, alte Getreidesorten und handwerkliche Herstellungsverfahren. Ihre Produkte gelten als hochwertig, länger haltbar und ernährungsphysiologisch vorteilhafter. Diese Entwicklung verändert den Markt nachhaltig. Das klassische Baguette bleibt präsent, steht jedoch stärker im Wettbewerb mit alternativen Brotsorten, die besser zu aktuellen Konsumgewohnheiten passen.
Anpassung ohne Identitätsverlust?
Als Reaktion auf den Rückgang werden verschiedene Lösungsansätze diskutiert. Dazu gehören kleinere Baguette-Formate, um Abfall zu reduzieren, sowie Varianten mit Vollkornmehl oder Sauerteig, um neue Zielgruppen anzusprechen. Diese Ansätze könnten dazu beitragen, das Baguette stärker an heutige Ernährungsgewohnheiten anzupassen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie weit Veränderungen gehen können, ohne den Klassiker grundlegend zu verändern.