Bewegung im Blick: Franz Grabmayrs Opernball-Kunstwerk
Franz Grabmayr (1927-2015) bannte den Tanz der Elemente auf die Leinwand. Seine Motive fand er auch auf der Bühne der Staatsoper. Nun ist das Rampenlicht auf ihn gerichtet: Seine »Rote Felsenwand« ist das diesjährige Opernball-Kunstwerk, das zugunsten »Österreich hilft Österreich« versteigert wird.
Fanz Grabmayr lebte in zwei Jahreszeiten: Wenn die Kälte im Waldviertel einbrach, tauschte der Künstler sein Freiluftatelier zwischen lichtgefluteten Steinbrüchen gegen die Kulissen der Staatsoper. Verlor die Landschaft im Winter an Farbe und fror das Naturschauspiel ein, folgte sein Pinselstrich dem Tanz – im Ballettsaal, auf der Bühne oder in seinem Atelier im Karl-Marx-Hof. Der gebürtige Kärntner pendelte in seinen Schaffensjahren zwischen ländlichem Rückzug und kulturellem Parkett, wo er sich als Beobachter in Stellung brachte – still, aber dafür umso kraftvoller im kreativen Ausdruck.
Eine ganze Dekade, von 1972 bis 1982, verbrachte er die kalte Jahreshälfte malend in den Probenräumen des Balletts. Abends versteckte er sich während der Vorstellung zwischen den Vorhängen der Bühnengassen, wo er schnellen Striches die Sprünge, Pirouetten und Arabesken in Farbe einfing. Die vielen Papierarbeiten, die während dieser Jahre an der Oper entstanden, sind die künstlerische Kehrseite zu seinen schweren, üppig aufgetragenen Landschaftsbildern: leichthändig mit Tusche oder in Aquarellfarben gemalt, fing er den Körper in Bewegung ein. Diese »Tanzbilder« sind auch Zeugnis einer kreativen Nähe zur Staatsoper, die ihresgleichen sucht. Nun kehrt Franz Grabmayr zurück an das Haus am Ring – nur dass er diesmal vor den Vorhang tritt. Das diesjährige Plakat des Opernballs lodert im energischen Farbspiel, das der Materialkünstler Franz Grabmayr bis ins hohe Alter auf die Leinwand bannte. »Bis über 80 hat er gearbeitet, und das intensiv. Er hatte eine irrsinnige Kraft«, erzählt Jakob Grabmayr, Sohn und Nachlassverwalter des Künstlers.
TANZ DER ELEMENTE
»Rote Felsenwand«, eine seiner letzten großformatigen Pleinairmalereien (110x160), dient nicht nur als Grundlage für das Opernballsujet. Die Familie des 2015 verstorbenen Künstlers hat der Wiener Staatsoper das Werk für die Benefiz-Auktion zugunsten »Österreich hilft Österreich« zur Verfügung gestellt. »Die ›Rote Felsenwand‹ zählt zweifelsohne zu den bedeutendsten Meisterwerken von Franz Grabmayr«, schreibt der ehemalige Albertina-Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder. Das Bild markiere den »Höhe- und Endpunkt seines Schaffens«. Es kommt nicht oft vor, dass das Spätwerk eines Künstlers von einer solchen Bildgewalt und Urgenz strotzt. Fast so, als hätte Grabmayr verlorene Jahre aufholen wollen. Neben seinem Studium an der Akademie der bildenden Künste beim Expressionisten Herbert Boeckl arbeitete er als Hauptschullehrer, bevor sich erst ab der Lebensmitte ganz der Kunst widmete.
UNBÄNDIGE SCHAFFENSKRAFT
Der aus einer Bergbauernfamilie stammende Kärntner zog sich wieder in die Einfachheit des Landes zurück. Unmittelbar den Elementen ausgesetzt, arbeitete er in der Natur an monumentalen Leinwänden, welche ihn nicht nur wegen ihres Formats, sondern auch aufgrund des zähen Farbauftrags vor einen körperlichen Kraftakt stellten.
Leinwand und Farbkübel wurden auf einem »fahrbaren Atelier« auf einem Traktoranhänger auf das Feld gebracht. An dem Steinbruch in der Nähe von Zwettl konnte sich Grabmayr über Jahre nicht sattsehen. »Das Sonnenlicht hat die Felsenwand zum Leuchten gebracht und sie permanent verändert. Es war ein Motiv, das ihn fasziniert hat«. Mit Spachteln trug er ein viskoses, selbst angerichtetes Farbgemisch aus Leinöl, Eiern, Sand und Pigment auf seine Leinwände auf. Gesteinsmehl gab der Masse noch mehr Volumen, um dem Farbanstrich Körper zu verleihen. Rund 50 Kilo wiegt die »Rote Felsenwand« und der Blick auf das Profil des Bildes zeigt auch, warum: zentimeterdicke Farbüberlagerungen geben dem Werk Reliefcharakter. Dieses Feuerwerk aus kräftigem Pigment, ekstatischem Gestus und Plastizität veranschaulicht, warum das Schaffen Grabmayrs nun endlich auch auf der großen Bühne des österreichischen Künstlerkanons reüssiert.
Franz Grabmayrs »Rote Felsenwand« kann im Dorotheum besichtigt werden. Die Online-Auktion läuft bis 5. März 2025, 20 Uhr. Der Rufpreis beträgt 50.000 Euro. Der Reinerlös geht zur Gänze an »Österreich hilft Österreich«.