576 Beine, 180 Pulsschläge: Die Debütanten des Opernballs
Ein unvergessliches Erlebnis für die Paare, ein beschwingter Gruß an die Welt: Die Eröffnung durch das Jungdamen- und Jungherrenkomitee ist der traditionelle Auftakt des Opernballs. Die Choreograf:innen Maria Angelini-Santner und Christoph Santner wissen, worauf es dabei ankommt.
Kaiser Franz Joseph war empört. Eigentlich hatte er für die »Hofopern-Soirée« am 11. Dezember 1877 Tanzverbot ausgerufen. Aber der Strauss-Kapelle lauschen, ohne sich dazu im Walzertakt drehen? Das hielten die jungen Leute im Publikum nicht aus. Sie drängten auf die freie Fläche vor dem Orchester, animierten auch die gesetzteren Semester zum Mittanzen – und begründeten damit eine Tradition, die zum unverzichtbaren Ritual wurde: die Opernballeröffnung durch junge Debütantinnen und Debütanten, das sogenannte Jungdamen- und Jungherrenkomitee.
»Für uns ist es das schönste Kompliment, wenn sich Paare lange nach dem Opernball bei uns melden, weil sie sich noch einmal für diese einzigartige Erfahrung bedanken wollen«, sagt Maria Angelini-Santner. Zusammen mit ihrem Bruder Christoph choreografiert die Dancing-Star-Jurorin heuer zum sechsten Mal die prunkvolle Eröffnung des Balls. Im Trio mit Organisatorin Susanne Athanasiadis wählen die beiden auch die Kandidat:innen dafür aus: »Wir achten darauf, wie sich das Paar aufstellt, wie es die Fußtechnik beherrscht, wie beide harmonieren, wie der Linkswalzer getanzt wird. Sehr wichtig ist aber auch der sympathische Esprit. Unsere ganze Choreografie lebt ja von der positiven Energie, die die jungen Paare ausstrahlen.«
Zum Debütieren bewerben durfte sich auch dieses Jahr jedes Tanzpaar, das die erforderlichen Eckdaten besaß: also ein Alter von mindestens 17 und maximal 24 Jahren (Herren bis 29 Jahre) und hinreichend viel Geschick im Linkswalzertanzen in der Geraden und in der Kurve. Diesmal rissen sich rekordverdächtige 600 Paare um einen der 144 begehrten Plätze im Rampenlicht. Die Bewerber:innen aus dem Osten des Landes machen zwei Drittel aus und präsentierten ihr Können am 11. Oktober im Gustav-Mahler-Saal. Wer eine weitere Anreise hat – diesmal sind sogar ein Paar aus Kalifornien und eine Debütantin aus Tokio in der Auswahl –, durfte aber auch eine Videobewerbung einschicken. Davon machten 90 Paare Gebrauch. Hat man vor der Jury brilliert, ist man trotzdem noch nicht fix im Fernsehen: »Auf Abruf stehen 16 Reservepaare bereit, weil immer etwas dazwischen kommt – vom gebrochenen Bein beim Skiurlaub bis zum Schwächeanfall kurz vor dem Auftritt.« Und warum gerade 144? Keine Schnapszahl, sondern das mathematische Ergebnis, das aus vier nebeneinander einziehenden Paaren und dem vorhandenen Platz für 36 Reihen resultiert.
Alles Walzer, bitte schön!
»Die diesjährige Choreografie ist eine Herausforderung. Aber wir lieben Herausforderungen«, sagen Maria Angelini-Santner und Christoph Santner. Das Geschwisterpaar, das 2009 den Standardtanz-Staatsmeistertitel der Amateure gewann, setzt diesmal ganz auf Ornamente: »Wir gehen in verschiedene Muster, ausgehend von einer Raute in Spitzen, die sich in Trichter verwandeln und wieder in Rauten zurückverwandeln. Neben dem klassischen Schwarz-Weiß-Wechsel von links nach rechts und von vorne nach hinten wird das für das Publikum im Saal und für die Fernsehzuschauer zu Hause ein eindrucksvolles Bild ergeben.« Weil dazu Strauss’ »Bitte schön!«-Polka erklingt, kommt noch ein spielerisches Element dazu: Der galante Flirt der Jungdamen und -herren (diesmal ist kein gleichgeschlechtliches oder Transgender-Paar in der Auswahl) wird mit vielen Verbeugungen betont. »Unser komplexester Übergang hat 16 Positionen«, sagt Christoph Santner. Und lacht: »Beim ersten Brainstormen für die Choreografie hat jeder von uns so komplexe Bilder im Kopf, dass der andere oft gar nicht folgen kann, obwohl wir so viel gemeinsame Erfahrung teilen.«
Das niedergeschriebene Computerdokument kam schlussendlich auf 25 Seiten. Die werden dann vermutlich monatelang mit den Debütanten einstudiert, oder? »Das wäre den jungen Leuten zeitlich nicht zuzumuten, die gesamte Vorbereitung konzentriert sich auf fünf intensive Proben«, sagt Maria Angelini-Santner. »Wir arbeiten sehr konzentriert und es ist nicht immer lustig, fünf Stunden lang dieselben Schritte zu üben. Aber zwischendurch lockert Christoph alles mit einem Schmäh auf. Am Ende der Proben sind die Paare und wir ein eingeschweißtes Team, das den Event auch wirklich genießen kann.«
Am großen Tag trifft man sich um 18 Uhr in der Staatsoper. Die Damen kommen im schneeweißen Ballkleid mit vorne geschlossenen Schuhen, weißen langen Handschuhen und in die Haare eingearbeitetem Krönchen (das sie bei einer der Hauptproben geschenkt bekamen), die Herren im Frack mit weißer Fliege, weißen Baumwollhandschuhen und Lackschuhen – Piercings sind von allen abzunehmen, Tattoos zu verdecken. »Wir gehen noch einmal locker alles durch, schauen, ob Frack und Tiara gut sitzen, und lassen die Friseure und das Schminkteam vor Ort den letzten Schliff machen. Und dann freuen wir uns auf den Moment«, sagt Maria Angelini-Santner. Für einen gestandenen Fernsehstar mit jahrelanger Turniererfahrung sagt sich das allerdings leichter als für die Debütant:innen, die zum ersten Mal im ganz großen Scheinwerferlicht stehen – und meist mit riesigem Lampenfieber zu kämpfen haben.
Leider, sagen die Santners, gibt es auf dem Opernball wie im richtigen Leben keinen geheimen Abschneider zum Ziel: »Egal, ob du den Opernball eröffnest, eine Prüfung bestehen willst oder eine wichtige Präsentation hast: Du musst genug geübt haben und fundiert vorbereitet sein. Dann kannst du die Nervosität loslassen und den Event ganz locker genießen.«
190
Sekunden dauert die Fächer-Polonaise, also der Einzug des Eröffnungskomitees.
600
Paare waren beim Vortanzen.
320
Debütant:innen bilden das Eröffnungskomitee – 144 Paare eröffnen, 16 stehen als Reserve bereit.
7
Minuten dauerte die Choreografie des Eröffnungskomitees 2025
125
Tage vor dem Opernball fand das Vortanzen für das Eröffnungskomitee statt
16
Nationen sind die Heimatländer der diesjährigen Debütant:innen
32
Stunden Probezeit sind für die Eröffnungschoreografie veranschlagt
350
Kristalle glitzern in der diesjährigen Swarovski-Tiara der Debütantinnen
1
Stunde vor Eröffnung erhalten die Debütantinnen ihre Blumensträuße
5, 6, 7, 8 …
ist die Zahlenreihe, die die Debütant:innen bei den Proben am häufigsten hören