Bitteres Jubiläum: Angostura feiert 200 Jahre mit Doppelpremiere
Ohne die Medizin eines deutschen Truppenarztes im Stab Simón Bolívars kommt kaum eine Bar weltweit aus: 1824 wurde Angostura Aromatic Bitter erstmals gemischt – Falstaff war exklusiv bei der 200 Jahr-Gala in Port of Spain.
Viel Glamour lag im »Hyatt Regency Waterfront« der trinidadischen Hauptstadt in der Luft. Wie hochkarätig die Gästeliste der »200th Anniversary Gala« war, zeigte sich bei der Charity-Auktion. Mühelos erzielte die Jubiläumsflasche Rum (Nummer 200 des raren »Cusparia«) nach einem Biergefecht 370.000 Trinidad-Dollar – Bautycoon Sieunarine Coosal sicherte sich das Sammlerstück für umgerechnet 49.000 Euro! Ehe es so weit war, wurde aber im Ballroom des Hotels auf die Geschichte der unverzichtbaren Marke für die globale Barwelt zurückgeblickt.
Ein Schlesier Arzt und der Kaiser
Die Marke hat deutsche Wurzeln. Es war Johann Gottlieb Benjamin Siegert, der im Militär-Spital der venezolanischen Stadt Angostura sein hochprozentiges Tonikum entwickelte. Der Freiheitskämpfer Simón Bolívar hatte den in Schlesien geborenen Arzt nach Südamerika geholt, wo in der von Siegert geführten Apotheke der »Amargo de Angostura« als Mittel gegen Magen- und Darmkrankheiten entstand. Der Export begann bereits zu Lebzeiten Siegerts, die weltweite Expansion trieben dann seine Söhne – vor allem Carlos – nach der Übersiedlung nach Trinidad voran. Er erhielt auch die Auszeichnung des Bitters auf der Weltausstellung 1873 in Wien. Daher zeigt jede Flasche bis heute das Porträt Kaiser Franz Josephs.
Der letzte Siegert, der noch in der Fabrik in Laventille tätig war, sendete seine Grußworte aus England. Gordon Siegert ist der Ur-Urenkel des Gründers und verkaufte seine Anteile 1982. Die lange Geschichte repräsentierte auch das Show-Programm, in dem Jazz-Standards von Samtstimme Ancil Valley ebenso Platz fanden wie die Soca-Rap-Mischung von Viking Ding Dong. Eingeleitet wurden die Ansprachen von einem Mix aus Philharmonie-Orchester und dem National-Instrument Steel Pan. »Wir sind der Rolls Royce der Bitters«, unterstrich sodann der Vorstandsvorsitzende Terrence Bharath die Rolle von »Angostura Holdings Ltd.« für die Barwelt.
Welterfolg vom Rand der Karibik
Der Export in 170 Länder mache die Bitters zu etwas, »das einzigartig in der Unternehmenswelt der Karibik ist«. An den Nahrungsmittel-Ausfuhren Trinidads machen die jährlich 1,8 Mio. Liter Bitters allein acht Prozent des Wertes aus. Entsprechend klar fiel auch das Lob der Handelsministerin vor den 650 Gästen aus: »Es ist der Beweis, dass man Perfektion abfüllen kann«, so Paula Goopee-Scoon, die auch den jüngsten Exporterfolg würdigte: Die ersten zwei Container, die nach China gingen. »Daher ist Angostura auch eine Quelle des Nationalstolzes«, so die Ministerin, die an der Spitze von fünf weiteren Kollegen die Regierung des Inselstaats repräsentierte.
Gefeiert wird der »200er« aber nicht nur in Trinidad. Für Europas Bars wird es eine 200 Jahr-Edition des Angostura Bitters geben. In Schwarz-Gold gehalten, bringt er neue Aromageber mit: Wermut, Muskatnuss und Angelikawurzel. Dazu kommt gereifter Rum als Basis. Dass über Zutaten gesprochen wird, ist in dem auf Geheimhaltung erpichten Unternehmen neu. »Das Mysterium und die Geheimhaltung darum ist für uns weiter wichtig«, erläutert Vorstandsvorsitzender Bharath, dass man bis heute nur mit codierten Namen der Kräuter hantiert. Auch der Import wird dank einer Sondergenehmigung des Zolls ohne Aufschrift des Waren-Namens abgewickelt. »Sie schicken alles durch den Scanner, aber damit haben wir kein Problem«.
Bitter und rar: Jubiläumsabfüllungen
Terrence Bharath enthüllte dann auch die Geburtstagsabfüllung aus der Rum-Produktion in Laventille. »Cusparia« verbindet Rums, die mindestens 21 Jahre lang gereift sind. Passend zum Gründungsjahr ist der 47% vol. starke Rum auf 1.824 Flaschen limitiert. »Cusparia« reifte in ehemaligen Bourbon-, Madeira- und Cognac-Fässern.
Falstaff-Verkostnotiz
In der Nase folgt auf puren Melasse-Duft eine würzige Dreifaltigkeit von eingelegtem Ingwer, Salzmandeln und Zimt, der an »Spekulatius« erinnert. Der Biss zu Beginn lässt deutlich die Dörrzwetschken des Cognac-Finishs erkennen. In zwei weiteren Akten fächert sich im Trinkverlauf die Frucht der Rarität auf: Rote Beeren und Kirsche wechseln sich mit tropischen Früchten ab. Vor allem Guave und Mango sind zu schmecken. Im extrem langen Finale fällt vor allem die Absenz holziger Noten bei dem lange gelagerten Angostura-Rum auf. Mit ein paar Tropfen Wasser wird die Cognac-Note noch stärker, dann gesellen sich auch Trauben-Noten zum fruchtigen Spektrum des »Cusparia«. Komplex, trocken und definitiv nicht nur für Rum-Freunde geeignet!
Und wenn anderswo der Schokolade-Brunnen mit Früchten zu den Dessert-Klassikern am Buffet zählt, musste es bei der Rum-Company schon ein Melasse-Brunnen sein. Vom Pekan Pie bis zur Eis-Creme zog sich der dickflüssige Rum-Rohstoff durch. Noch umlagerter war nur der Stand mit der nationalen Lieblingsspeise »Doubles« – die Teigfladen mit scharfem Kichererbsen-Curry dienten als Mitternachtssnack der Gala. Denn so international die Verwendung der Aromatic Bitters ist: Das »200 Year Anniversary« wurde eine stilechte Trinidad-Feier.
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