Dessert-Menü in der »V-andy Bar«: Betthupferl mit Gulaschgewürz-Popcorn
Um kreative Konzepte ist das Team vom »Votum« und »Schorse« im hannoverschen Leineschloss nicht verlegen. Seit Ende Februar setzt die neue »V-andy Bar« auf ein Dessert-Menü mit überraschenden Aromen und einer Weinbegleitung, die dem Betthupferl eine ganz neue Bedeutung verleiht.
Wer sich spätabends noch einen Genussmoment beschert, indem er im Pyjama an die Süßigkeitenschublade schleicht, der kommt in der am 20. Februar eröffneten »V-andy Bar« im Leineschloss in Hannover voll auf seine Kost. Den Pyjama sollte man vorher zwar ausziehen, einen Schlips muss man sich aber nicht umbinden. Das neue gastronomische Konzept wurde um den wuchtigen Bartresen im Leineschloss im Niedersächsischen Landtag gestrickt, zu dem auch das Zweisterne-Restaurant »Votum« und das französisch inspirierte »Schorse« gehören. Ab 21 Uhr lässt sich an der Theke (die Platz für acht bis maximal zehn Personen bietet) ein Dessert-Menü (65 Euro) mit acht größeren und kleineren Servings buchen. Eineinhalb bis zwei Stunden sollten eingeplant werden.
Da wird etwa mit einem Champagnersorbet in einer Art Zitronen-Ingwer-Alkopop begonnen, zum Knabbern gibt es ein Schälchen mit Popcorn, das mit Gulaschgewürz verfeinert wurde. Die Zähne kleben nach der Gangfolge also nicht zusammen. Spannend auch ein komplexes Gericht mit fermentiertem Reis als karamellisiertem Schaum und cremigem Eis. Umspielt wird die Kreation mit edelbitteren Schokoladenstückchen, Clou sind aber die Fischaromen. Da klatscht das Team um Küchenchef Benjamin Gallein freilich keine Makrele aufs Eis, sondern zieht dem Geschmack mit Bonitoflocken und Fischsoße salzig-deftige Tiefgründigkeit ein, die man nicht zwingend mariner Herkunft zuordnet.
Kulinarischer Fußabdruck gesucht
Was vielleicht am Eröffnungsabend noch auffällt, ist das Spektrum des Niveaus. Da stehen sich kreative Wohlfühlküche und komplexes Fine-Dining gegenüber. Etwa eine wunderbar krosse Waffel mit fermentierten Blaubeeren, köstlichem Vanilleeis sowie salzigem Speckcrumble und Speckkaramell oder eine Crème Brûlée von der ungestopften Gänseleber mit geräucherter Mandarine, Chicorée und gehobelter Gänseleber. Letzteres ist ein Gericht aus dem Zweisterne-Restaurant »Votum«, das merkt man. Grandios auch die Petit Fours wie Himbeer-Windbeutel oder Canelé mit Mohn-Creme. Da gilt es der »V-andy Bar« noch stärker einen eigenen, kulinarischen Fußabdruck zu verpassen. Zu schärfen gilt es auch noch den kommunikativen Charakter, sollen die Gäste nicht nur den Köchen bei der Arbeit zusehen. Das sind alles noch Kinderkrankheiten und kein Beinbruch: »Wir müssen die Abläufe noch besser integrieren, das sollten wir zwei bis drei Wochen im Griff haben«, sagt »Votum«-Küchenchef Benjamin Gallein.
Bemerkenswert ist auch vielmehr, wie das Leineschloss-Team immer wieder konzeptionelle Räume erkennt und freilegt. Das »Dessert Dining« an der Bar erinnert natürlich an das Berliner »Coda« – in dem übrigens »Votum«-Souschef Heiner Pingel viele Jahre arbeitete. Aber in Kombination mit »Schorse« und »Votum« tritt mehr und mehr das hochwertige Gesamtpaket zu Tage, mit dem hier konsequent die Eintrittsschwelle in die Welt des Fine Dining zu senken versucht wird. Exemplarisch sei das dreigängige 99 Euro-Menü genannt, dass nach einem dreimonatigen Probelauf im letzten Sommer fest ins Programm übernommen wurde, denn die Nachfrage ist ungebrochen hoch.
Weinbegleitung für die Bettschwere
Die »V-andy Bar« kann wiederrum auch für Gäste des »Schorse« spannend sein, die vielleicht dort zu Abend essen und für ein ausführliches Dessert samt Absacker an die Bar wechseln. Als Weinbegleitung hat Sommelier Jonas Gohlke eine kleine Auswahl zusammengestellt, darunter fruchtsüße, teils rare und gereifte Weine wie ein 2013er Erdener Prälat Riesling Auslese vom Weingut Dr. Hermann (0,1l – 17,80 Euro) oder ein 2023er Riesling Kabinett vom Weingut Christian Klein (0,1l – 8,80 Euro). Wobei dann doch zu so später Stunde und den acht Desserthäppchen ein erfrischendes Glas trockener Champagner die richtige Wahl scheint – das weckt nochmals auf, bevor endgültig die Bettschwere durchschlägt.
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