Dry January: Ging es beim Trinken nicht mal um Genuss?
Na, noch nüchtern? Irgendwie, so scheint es, haben wir zwischen Disziplin und Genuss ein wenig das Maß verloren. Ein paar Überlegungen, wie man es wieder finden könnte.
Endlich ist der Januar vorbei. Irgendwie muss man den Monat doch etwas bemitleiden, so viel, wie ihm jedes Jahr aufgebürdet wird. All die Vorsätze, all das Scheitern derselben, und neuerdings und vor allem heute: all die Nüchternheit. Genau, die Rede ist vom Dry January, vom trockenen Jänner, diese 31 Tage ohne Alkohol, die jeden Hobby-Asketen offenbar dazu inspiriert, die Öffentlichkeit mit seinen Erfahrungen zu drangsalieren. Die Haut fange an zu strahlen, der Schlaf sei der eines Babys, der Geist so klar wie ein Gebirgssee.
Das passt natürlich ganz wunderbar in eine Gegenwart, die jedes auch noch so vage Zeichen von Selbstdisziplinierung goutiert. Wer ist man heute schon, ohne eine Gratitude-Liste, in die man jeden Morgen einträgt, wofür man dankbar ist, ohne eine Workout-, Skincare- oder Meditiations-Routine oder ohne einen Kalender, der einen Tag für Tag von Termin zu Termin schiebt, immer frisch, immer gleich, immer im Kreis, als wäre man ein vergessener Koffer auf dem Gepäckband. Der Eindruck drängt sich auf: Sisyphus macht jetzt Karriere.
Der Verzicht um des Verzichtes Willen
Nur das Wozu des Ganzen bleibt oft etwas schleierhaft. Klar, man möchte sich gut fühlen, vielleicht auch stolz auf sich sein. Aber läuft man in dieser Selbstzweckhaftigkeit des Verzichts nicht einem Versprechen hinterher, das sich überhaupt nicht erfüllen kann? Der Verzicht um des Verzichtes Willen. Das wirkt wie, wenn man ein Kind fragt, warum es schon wieder alle Wände mit Wachsmalstiften vollgeschmiert hat und es antwortet: Weil halt. Warum nochmal kein Alkohol? Ja, weil.
Nicht falsch verstehen, Disziplin ist etwas Tolles. Es ist fraglos bewundernswert, wenn jemand sich ein Ziel setzt und das dann auch erreicht. Und es lässt sich überhaupt nichts dagegen einwenden, wenn Menschen die Finger von etwas lassen, das ihnen nicht gut tut. Nur scheint hier etwas zu kippen: Vor lauter gesundheitlichen Vorteilen, die unsere saisonalen Wassertrinker auf einmal im Alkoholverzicht entdecken, scheint etwas anderes völlig aus dem Blick zu geraten: Idealerweise trinken wir Alkohol nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern für den Genuss.
Komplizierter Genuss
Laut Zahlen des Gesundheitsministeriums konsumieren 7,9 Millionen Menschen in Deutschland Alkohol in »gesundheitlich riskanter Form«. Das sei der Konsum dann, wenn er psychischen, physischen oder sozialen Schaden anrichte. Im Schnitt trinken die Deutschen 10,6 Liter reinen Alkohol im Jahr, zum Vergleich: Eine Flasche Wein beinhaltet in etwa 72 Gramm reinen Alkohols.
Diese Zahlen zeigen: Genuss geht gar nicht so spielerisch, wie er aussieht. Es ist für viele Menschen so kompliziert, dass es Kurse gibt, in denen man kontrollierten Alkoholkonsum lernen kann – und die Krankenkasse sogar anteilig dafür einspringt.
Es muss sich irgendwie die Waage halten, der Genuss und die Disziplin. Und gerade das scheint das Problem zu sein. Der Chefredakteur des Zeit Magazins, Sascha Chaimowicz veröffentlichte im Rahmen des Dry January einen Text unter dem Titel »Warum ich Alkohol liebe. Ihn aber nicht mehr trinke.« Darin beschreibt er das Schlamassel, das ihn vor fünf Jahren davon überzeugte, trotz seiner Liebe zum Wein, ganz mit dem Trinken aufzuhören. Er habe jede Woche innerlich aushandeln müssen, wie oft er trinke, wie viele Gläser es dann sein dürfen – das habe den Sinn des Trinkens, den Genuss, zerstört.
Nicht die dümmste Idee
Nachvollziehbar, zugegeben. Aber kann genau in dem Aushandeln nicht auch ein gewisses Glück liegen, ja vielleicht sogar ein Genuss: Sich bewusst gegen etwas zu entscheiden, wonach man sich eigentlich sehnt – und es sich dann auch mal zu gönnen, ganz bewusst?
Genuss lebt von Kontrasten. Wer täglich Kaviar isst, der wird ihn nicht mehr in der gleichen Weise zu schätzen wissen, wie jemand, der ihn sich nur zu besonderen Anlässen gönnt. Wer sich dabei erwischt, wie er den inneren Abakus zu Rate zieht, um zu berechnen, wann er wieder trinken darf, der sollte sich vielleicht mal eine Auszeit gönnen, bis der Rechenschieber nicht mehr nötig ist.
Wenn der Griff zum Glas aber keine Routine ist, dann ist er Genuss. Und der ist selbst eine Art des Verzichts. Wenn man sich in einem Café auf die Terrasse setzt, das Glück hat, ein paar der raren Winter-Sonnenstrahlen abzubekommen und dazu einen perfekt temperierten Riesling trinkt, der verzichtet auf etwas. Auf Verpflichtungen, auf Realität, auch auf Ernst. Mit Blick auf die Nachrichtenlage scheint das nicht das Dümmste zu sein, was man tun kann. Und das nur nebenbei: Genuss ist nicht nur gut für unsere Psyche, sondern auch gesundheitsfördernd. Gesetzt er ist echt.
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