Ein Meilenstein für Erstes und Großes Gewächs
Die Politik möchte, dass die Begriffe »Erstes Gewächs« und »Großes Gewächs« gesetzlich geregelt werden: Dann werden diese vom VDP etablierten Bezeichnungen auch anderen Erzeugern offen stehen. Falstaff sprach mit VDP-Präsident Steffen Christmann über die Fortschritte im Entscheidungsprozess.
Falstaff: Herr Christmann, der VDP und der deutsche Weinbauverband haben in den letzten Tagen Pressemitteilungen veröffentlicht, in denen es klingt, als sei im Ringen um die zukünftige Fassung der Ersten und Großen Gewächse ein Durchbruch erzielt worden. Der VDP spricht von »Fortschritte(n) auf dem Weg zur rechtlichen Grundlage herkunftsbezogener (…) Erster und Großer Gewächse«, und der Weinbauverband von einem »entscheidenden Schritt zur Sicherstellung erfolgreich etablierter Herkunftsbegriffe«. Ist das schon der ganz große Konsens?
Steffen Christmann: Ich würde es als Meilenstein bezeichnen – und zwar im eigentlichen Sinn des Wortes. Zu einem Meilenstein gehört auch, dass man noch nicht am Ziel ist. Aber man kennt den schon zurückgelegten Weg, und man weiß, dass man für den Moment auf dem richtigen Weg ist, um sein Ziel zu erreichen.
Nun obliegt die Ausgestaltung ja den regionalen Schutzgemeinschaften. Kann es denn nicht sein, dass nun die eine oder andere Region beispielsweise beschließen wird, ein Großes Gewächs müsse gar kein Einzellagenwein sein?
In dem Entwurf der Weinverordnung steht klar drin, dass die Herkunft der Ersten und Großen Gewächse eine klassifizierte Lage oder Gewann sein muss. Und er gibt auch Kriterien für die Klassifikation vor: die Reputation der Lage und ihre ökonomische Relevanz, auch die Historie. Sehr wichtig ist uns auch das Grundprinzip, dass die Erzeuger von Ersten und Großen Gewächsen das Regelwerk bestimmen werden.
Wäre es nicht besser, die Kriterien kämen ganz von außen? Bei den Klassifikationen in Burgund und Bordeaux waren es am Anfang ja auch Händler und Buchautoren, die die einschlägigen Listen verfasst haben.
Die Ausschüsse in den Schutzgemeinschaften sollen auch aus externen Fachleuten bestehen, etwa aus Wissenschaft und Weinkritik. Aber wir möchten auch hier das Grundprinzip der EU verwirklicht sehen: Die Erzeuger eines Produktes bestimmen die Anforderungen – und nicht die Erzeuger ganz anderer Weine. Das System, das wir jetzt auf den Weg gebracht haben, ist in gewisser Hinsicht vielleicht sogar besser als die Klassifikation, beispielsweise im Burgund, weil es eine zweistufige Anerkennung enthält – zuerst muss die Lage klassifiziert sein, aber auch der Erzeuger muss sich unter Beweis stellen. Sein Wein muss eine hohe Reputation aufweisen und er muss fünf Jahrgänge seines EGs/GGs vorstellen.
Das verhindert vermutlich, dass sich auch mediokre Weine GG nennen dürfen, wie es in Burgund durchaus bei manchen Grands Crus der Fall sein kann. Aber wird das System dann nicht zu restriktiv für junge Betriebe?
Das sehe ich nicht so, Weinbau ist halt ein langsames Geschäft, und bis ein Weingut von sich reden macht, hat es ja sicher auch schon fünf gute Jahrgänge gekeltert. Das ging mir auch nicht anders, als ich jung ins Weingut eingestiegen bin. Bei all dem wissen wir als VDP aber auch selbst um unsere Schwächen und wissen gerade deshalb, wie schwer es ist, diese Produkte und diese Kategorie immer seriöser und besser zu machen. Daher sehen wir auch recht klar die Probleme, die entstehen, wenn das EG/GG für alle offen ist.
Wie sehen Sie den zeitlichen Fahrplan?
Es ist eher unwahrscheinlich, dass das Kabinett im Januar noch etwas beschließt. Ganz ausgeschlossen ist das zwar auch nicht, aber selbst wenn: Dann muss erst der Prozess in den Regionen beginnen, die Schutzgemeinschaften müssen die Leute für ihre Gremien auswählen, das nächste Bundeskabinett muss dann weitermachen; vielleicht geht das Regelwerk erst Ende nächsten Jahres durch den Bundesrat, dann erst kommen die Diskussion in den Expertengruppen in Gang. Ich nehme an, dass der Prozess in den Regionen wohl erst 2026 beginnen und die ernsthafte Etablierung auch einige Zeit in Anspruch nehmen wird.
Das klingt noch nach einem weiten Weg.
Wie gesagt, wir sind an einem Meilenstein. Die Konsultationen im deutschen Weinbauverband, in dem der VDP ja ebenfalls Mitglied ist, haben drei Jahre gedauert und waren positiv. Wir und vor allem die Kollegen verstehen uns heute viel besser. Aber jetzt kommen natürlich noch Fragen wie: Was tun Kellereien und Genossenschaften und wie reagiert die Politik? Ich bin aber zuversichtlich. Staatspolitisch denkende Menschen werden merken, dass es fatal wäre, wenn eines der wenigen erfolgreichen Modelle im deutschen Weinbau den Hang runter rutscht.
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