Gastronom Billy Wagner: »Trinkgeld ist nicht nur eine nette Geste«
Viele Gäste empfinden Trinkgeld-Vorschläge am Kartenlesegerät als Manipulation. Doch was oft vergessen wird: Trinkgeld ist ein zentraler Pfeiler der deutschen Gastronomie, ohne würde sie kaum funktionieren. Billy Wagner vom Berliner »Nobelhart & Schmutzig« erklärt, warum.
Kaum ein Thema erhitzt die Gemüter beim Restaurantbesuch so sehr wie das Trinkgeld. Besonders seit Kartenlesegeräte beim Bezahlen ungefragt 10, 15 oder 20 Prozent Zuschlag vorschlagen. Was für viele Gäste nach Manipulation klingt – auch in der Falstaff-Redaktion entstand nach Einführung der Geräte das Gefühl, regelrecht zum Geben gedrängt zu werden – ist für die Gastronomie längst mehr als nur eine Frage der Höflichkeit. »Ihr Trinkgeld ist nicht nur eine nette Geste, sondern subventioniert die Preise in der Gastronomie«, schreibt Billy Wagner, Gastgeber im Berliner Restaurant »Nobelhart & Schmutzig«, auf seiner Website.
Wenn der Service nicht ganz so toll war, dann müssen (und sollten!) Sie kein Trinkgeld geben.
Die meisten Gäste betrachten Trinkgeld als Ausdruck von Dankbarkeit für guten Service. In Wirklichkeit ist es ein zentraler Bestandteil des Einkommens. »Gastronomie ist beim Grundgehalt ein Niedriglohnsektor. Erst die zusätzlichen 25 bis 50 Prozent machen daraus ein Einkommen, das den Job überhaupt attraktiv macht«, betont Wagner. Selbst Betriebe, die überdurchschnittlich zahlen und zusätzliche Benefits bieten, könnten ohne Trinkgeld kaum konkurrenzfähige Arbeitsbedingungen schaffen.
Historisch gewachsene Strukturen
Dass Trinkgeld so stark ins Gewicht fällt, liegt an der Preisarchitektur der Branche. Kalkulationen im Gastgewerbe sind traditionell auf niedrige Personalkosten ausgelegt – früher, weil Familienangehörige oder Bedienstete unbezahlt mitarbeiteten. Heute wirkt sich der Unterschied zwischen Lokalen mit fair geregelten 40-Stunden-Wochen und jenen, in denen Angestellte »ackern, bis nichts mehr geht«, direkt auf die Preise aus. »Ohne Trinkgeld wären sowohl die Kaffeebude an der Ecke als auch das Sterne-Menü deutlich teurer«, sagt Wagner, der schon mit dem Gedanken gespielt hat, im »Nobelhart & Schmutzig«, Trinkgeld komplett abzuschaffen und in den Lohn einzupreisen. »Wir hätten vielleicht gut bezahlte Mitarbeitende gehabt, aber nicht genügend Gäste«, so Wagner. Denn die Preise wären im direkten Vergleich zu anderen Häusern schlicht zu hoch gewesen.
Trinkgeld ist damit nicht nur Ausdruck von Wertschätzung, sondern ein unverzichtbarer Baustein der deutschen Gastronomie, ein Tatsache, die bei vielen Gästen in Vergessenheit gerät . Trotzdem sollte es niemals zur Pflicht werden. Wagner bringt es auf den Punkt: »Wenn der Service nicht ganz so toll war, dann müssen (und sollten!) Sie kein Trinkgeld geben.«
10969 Berlin
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