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Psychotricks an der Kasse: Wie mich ein Kartenlesegerät zum Trinkgeld zwang

Trinkgeld
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»Möchten Sie Trinkgeld geben?« – Nein? Doch! Denn das Kartenlesegerät hat längst entschieden. Mit diesen perfiden Tricks werden wir neuerdings zum Zahlen gedrängt – und merken es erst, wenn es zu spät ist.

Ein typischer Morgen beim Bäcker: »Ein Croissant und einen Cappuccino zum Mitnehmen, bitte… und mit Karte, bitte«. In Windeseile liegt das Croissant verpackt auf der Theke, »Kaffee kommt gleich«, heißt es noch, bevor meine Karte routiniert zum Lesegerät wandert. Doch das gewohnte »Piep« bleibt aus, ich stutze. Drei blaue Kästen schreien mich regelrecht an: »Trinkgeld wählen« – 10, 15 oder 20 Prozent. Der Kaffee steht mittlerweile vor mir, die Schlange hinter mir wird immer länger. Wie automatisch tippe ich auf 15 Prozent, schnappe mir meinen Kaffee und gehe rüber zur Milch- und Zuckerstation. Noch während ich den Deckel abfriemel frage ich mich: Warum gebe ich eigentlich Trinkgeld – wenn ich doch alles selbst machen muss?

So dürfte es in den letzten Monaten nicht nur mir ergangen sein. Für meinen Teil jedoch war es das erste und letzte Mal, dass ich beim Bäcker oder im Café, Trinkgeld gegeben habe – zumindest dort, wo keine besondere Dienstleistung erbracht wurde – und, dass ich mich von einem Gerät regelrecht dazu drängen haben lasse, mehr zu bezahlen.

Ein kulturelles Phänomen

Nicht falsch verstehen: Ich gebe gern Trinkgeld – wenn es verdient ist. Wenn jemand sich besondere Mühe gibt, wenn der Service über das Übliche hinausgeht oder wenn ich einfach meine Wertschätzung ausdrücken möchte. Denn genau darum geht es doch beim Trinkgeld: Es ist eine freiwillige Geste der Anerkennung. Ob im Restaurant, beim Friseur oder im Taxi – wenn wir mehr bezahlen als gefordert, dann aus Respekt und Dankbarkeit für gute Arbeit.

Eigentlich sollten wir selbst entscheiden, ob und wie viel wir geben. Uneigentlich fällt es uns aber ziemlich schwer, kein Trinkgeld zu geben – selbst wenn der Service enttäuschend war. Oder, wie neuerdings beim Bäcker, gar keiner erbracht wurde, der es wert wäre.

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Aber warum eigentlich? Ein Anruf bei Mira Fauth-Bühler. Sie ist Professorin für Wirtschaftspsychologie & Neuroökonomie an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management in Stuttgart. Sie bestätigt meinen Verdacht: »Trinkgeld zu geben – unabhängig von der erbrachten Leistung – ist so tief in unserer Kultur verankert, dass es zur Gewohnheit geworden ist. Die gesellschaftliche Norm fordert es schlichtweg. Wer nichts gibt, gilt schnell als geizig oder unhöflich – und das möchte niemand«.

Ein perfider Trick

Stimmt! Doch es steckt noch mehr dahinter. Wer sich bewusst dagegen entscheidet, fühlt sich oft unwohl – manchmal sogar regelrecht schuldig. Auch das lässt sich psychologisch erklären. Es ist das sogenannte Gegenseitigkeitsprinzip: Hilfst du mir, helfe ich dir. »Unser unbewusstes, ›schnelles Denken‹ löst den Impuls aus, etwas zurückzugeben – selbst dann, wenn die erbrachte Leistung kaum der Rede wert war«, erklärt Fauth-Bühler.

Wir stehen also – wenn auch unbewusst – unter erheblichem sozialem und psychischem Druck, sobald es ums Trinkgeld geht. Uns wird suggeriert, dass es normal ist in dieser Situation mehr zu geben, auch wenn wir das vielleicht anders empfinden. Kein Wunder also, dass ich in dieser kleinen Stresssituation neulich beim Bäcker reflexartig 15 Prozent ausgewählt habe. Unnormal wollte ich in diesem Moment nämlich auch nicht sein. Ein perfider Trick der Zahlungsdienstleister, die dieses Modell aus Ländern wie den USA, England oder Australien übernommen haben – dort, wo Trinkgeld längst fester Bestandteil des Einkommens ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Die goldene Mitte

Noch entscheidender ist, dass dieser Druck uns anfälliger für einen altbewährten psychologischen Mechanismus macht: der »Tendenz zur Mitte«. Die günstigste Option erscheint uns geizig, die teuerste übertrieben – also wählen wir instinktiv die Mitte, dort fühlen wir uns sicher, vor allem wenn wir dazu noch unter Zeitdruck stehen.

Das wir aber bereits mit der bloßen Auswahlmöglichkeit schon in der ersten psychologischen Falle sitzen, darauf macht mich Fauth-Bühler aufmerksam. Experten sprechen hier vom sogenannten »Nudging« – einem subtilen Schubsen in die gewünschte Richtung. Wir werden indirekt auf ein vermeintliches Fehlverhalten aufmerksam gemacht, und die »richtige« Entscheidung, wird uns gleich mitserviert – natürlich ganz ohne Zwang. Im aktuellen Fall so farblich prägnant, sodass wir in der zeitlichen Not auf die goldene Mitte zielen.

Sieg gegen das Kartenlesegerät

Erst im Nachhinein fangen wir an zu reflektieren, so wie ich, als es bereits zu spät war. Doch selbst Frau Fauth-Bühler, die die psychologischen Mechanismen in solchen Momenten bestens kennt, gibt zu, dass ihr bei einer Reise in die USA ähnliches widerfahren ist. Ihre Lösung: Sich der psychologischen Manipulationsstrategien bewusst werden (was wir hiermit bereits getan haben) und eine eigene Linie finden. »Es hilft, sich im Vorfeld Gedanken zu machen: Wo möchte ich wie viel Trinkgeld geben und unter welchen Bedingungen«, empfiehlt die Expertin. Auch der Austausch mit Freunden und der Familie sei hilfreich. Ich begründe meine Entscheidung zum Beispiel damit, dass ich an der Supermarktkasse auch niemals auf die Idee käme Trinkgeld zu geben.

Generell gilt: In stressigen Momenten sollte man sich nicht unter Druck setzen lassen – weder von der Schlange hinter einem noch von den erwartungsvollen Blicken des Kellners und schon gar nicht von einem Kartenlesegerät. Denn ganz unten, nachdem man sich nochmal dazu entscheiden könnte einen eigenen Betrag einzutippen, wartet auch die Option »Kein Trinkgeld geben«. Und diese bewusste Entscheidung fühlt sich neuerdings viel stärker an, nämlich nach einem Sieg gegen soziale Normen – und vor allem gegen das Kartenlesegerät.


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Anna Wender
Anna Wender
Senior Redakteurin
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