Insekten essen: »Eine Heuschrecke ist nicht unappetitlicher als eine Krabbe«
Seit Anfang Februar ist UV-behandeltes Mehlwurmpulver in der EU zugelassen. Müssen wir jetzt befürchten, dass uns heimlich Insekten ins Essen gemischt werden? Quatsch, sagt Insektenkoch und -Experte Folke Dammann – und erklärt, warum wir trotzdem Insekten essen sollten, wie wir den Ekel überwinden können und wie sie sogar nach Schokocrossies schmecken können.
Falstaff: Herr Dammann, Sie haben 2013 die Firma Snack-Insects gegründet, um essbare Insekten auf den europäischen Markt zu bringen und über deren Vorteile aufzuklären. Was hat Sie dazu bewegt?
Folke Dammann: Vor 13 Jahren stieß ich zufällig auf einen Bericht über Insekten als nachhaltige Proteinquelle – ein damals noch völlig neues Thema in Europa. Die Vorteile waren sofort ersichtlich: Insekten benötigen deutlich weniger Wasser und Futter als herkömmliche Tiere und sind extrem ressourcenschonend. Ich wollte dieses Potenzial nutzen, um Insekten als Lebensmittel in Europa zu etablieren – auch wenn viele Menschen anfangs Berührungsängste hatten.
Wenn nicht sogar Ekel. Woher rührt diese Abneigung, obwohl Insekten in vielen anderen Ländern ganz alltäglich auf dem Speiseplan stehen?
Der Ekel ist kulturell bedingt. In der Antike waren Insekten noch völlig alltäglich und auch Maikäfersuppe war noch vor rund 120 Jahren eine Delikatesse. Heute wird die Idee, Insekten zu essen, häufig mit Mutproben oder Shows wie dem Dschungelcamp in Verbindung gebracht, was das Vorurteil verstärkt.
Es wird so dargestellt, als würden Insekten heimlich in unsere Lebensmittel gemischt – das ist absoluter Quatsch.
Welche Tipps haben Sie, um diese Hemmschwellen zu überwinden?
Der Einstieg muss einfach und schmackhaft gestaltet werden – beispielsweise mit Schokolade, die die äußere Struktur der Insekten überdeckt. Wenn der Geschmack überzeugt, sind viele bereit, auch eine geröstete oder gewürzte Grille zu probieren. Man muss sich nur mal eine Krabbe anschauen – die sieht nicht unbedingt appetitlicher aus als eine Heuschrecke, aber auch sie haben wir zu schätzen gelernt.
Mit der Zulassung von UV-behandeltem Mehlwurmpulver Anfang Februar rückt die Rolle von Insekten in unserer Ernährung erneut ins Rampenlicht. Was bedeutet das überhaupt für Verbraucher?
Erst einmal nichts. Insekten sind seit 2018 in der EU zugelassen, die neue Verordnung erleichtert nur deren Einsatz in der Lebensmittelindustrie. Es wird fälschlicherweise oft so dargestellt, als würden Insekten heimlich in unsere Lebensmittel gemischt – das ist absoluter Quatsch, auch wirtschaftlich. Insektenmehl ist viel teurer ist als normales Getreidemehl.
Warum sollten wir dann überhaupt Insekten essen?
Insekten sind extrem ressourcenschonend. Als wechselwarme Tiere benötigen sie keine Energie zur Temperaturregulierung und können daher mit weniger Futter mehr Körpermasse aufbauen als Hühner, Schweine oder Rinder. Ihr Wasserverbrauch ist minimal, die Zucht nimmt wenig Platz ein und sie entspricht gleichzeitig ihrem natürlichen Verhalten. Durch Temperaturabsenkung fallen sie in Winterstarre und sterben beim Einfrieren schmerzfrei – viel humaner als die Haltung von Nutztieren. Es ist falsch, Insekten von unserem Speiseplan auszuschließen, sie sind eine sinnvolle Ergänzung und ein wichtiges Puzzleteil in der Zukunft unserer Ernährung.
Dennoch bleibt die Verfügbarkeit von Insektenprodukten im Supermarkt gering.
2018, mit der Einführung der Novel-Food-Verordnung, nahmen Supermärkte erstmals Insektenprodukte ins Sortiment auf, und das Interesse der Verbraucher stieg. Die Pandemie stoppte diesen Trend jedoch – die Angst vor »exotischen« Lebensmitteln wuchs. Seither hat sich der Bestand in Supermärkten nicht erholt, obwohl in Biomärkten vereinzelt Produkte erhältlich sind.
Wo finden Verbraucher heute bereits Insektenprodukte, und schmeckt man den Unterschied?
Insektenprotein wird zunehmend in Sportnahrung wie Proteinshakes und Fitnessriegeln sowie in Brotbackmischungen, Nudeln und Crackern eingesetzt, um den Proteingehalt zu erhöhen. Der Geschmack ist nussig und unaufdringlich – man würde nie denken: Oh, da ist bestimmt ein Mehlwurm drin. Besonders geröstete Mehlwürmer mit Schokolade überzogen, erinnern an Schokocrossies.
Gibt es Risiken, die Verbraucher bezüglich Allergien beachten sollten?
Menschen, die auf Hausstaubmilben oder Schalentieren allergisch reagieren, sollten vorsichtig sein. Insektenprodukte sind jedoch klar gekennzeichnet – ähnlich wie Produkte mit Erdnüssen. Ich habe aber noch nie von einem konkreten Fall gehört, in dem jemand auf Insektenprodukte reagiert hat.
Wie sehen Sie die Zukunft von Insekten in der Ernährung? Wird es in fünf bis zehn Jahren normal sein, Insektenprodukte zu konsumieren?
Ich bin optimistisch. Auch wenn der Preis nach wie vor das größte Hindernis bleibt, hat die Aufklärung bereits viel bewegt. Konsumgewohnheiten ändern sich schnell, wie das Beispiel Sushi zeigt: Vor 30 Jahren hätte niemand gedacht, dass roher Fisch so weit verbreitet sein würde. Die Akzeptanz für »rohe« Insekten wie knusprige Heuschrecken wird schwieriger zu erreichen sein, aber getrocknete, gewürzte Varianten wie Grillen oder Mehlwürmer sind ein guter Einstieg und erinnern gar an Chips. Ich rate, sich weltweit umzusehen – Insekten sind überall ein normales Nahrungsmittel. Wenn wir Krabben, Muscheln und Schnecken akzeptieren, sollten wir auch Mehlwürmer probieren.
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