»Ox & Klee« × Eightyards: Sieht so totes Fine Dining aus?
»Fine Dining is dead«, sagt Daniel Gottschlich – und lässt sein Team künftig in recycelten Designerstoffen auftreten. Das Kölner Zwei-Sterne-Restaurant kooperiert dafür mit der Hugo-Boss-Tochter Eightyards. Ist das das Ende der klassischen Haute Cuisine – oder nur ihr neues Gewand?
Lenny Kravitz’ Rock ’n’ Roll Is Dead ist keine zufällige Wahl. Der Song dröhnt durch die Bar des »Ox & Klee« in Köln, als Falstaff Koch des Jahres Daniel Gottschlich ans Mikrofon tritt. Champagner wird eingeschenkt, Gläser klirren, Gäste lachen – wie es sich im Fine-Dining eben gehört. Dann wiederholt der Zwei-Sterne-Koch aber den Satz, der seit Wochen in der deutschen Gastroszene nachhallt: »Fine Dining is dead«. Das mache genauso wenig Sinn wie Kravitz’ Aussage von 1996 – solle aber, genau wie der Song, ein Weckruf sein.
Der Satz provoziert – und lädt zum Missverständnis ein. Denn tot ist hier nicht die Qualität, nicht die Präzision, nicht die kulinarische Handschrift. Tot ist, so Gottschlich, das starre System dahinter. »Wir wussten, wir müssen etwas ändern« – nicht nur für sich selbst, sondern für die Gastronomie insgesamt. Dazu gehöre auch die Auflösung der strikten Trennung zwischen Küche und Service: »Diese Hierarchien passen nicht mehr in unsere Zeit«, sagt er.
Teil einer Einheit
Doch was zunächst wie ein kalkulierter Tabubruch klingt, erweist sich an diesem Abend als struktureller Umbau zu einem neuen Erscheinungsbild. Aber keine Angst, eine Kernsanierung des Restaurants steht nicht an! Im »Ox & Klee« verschwimmen künftig bewusst andere Grenzen. Köchinnen und Köche treten an die Tische, erklären Gerichte selbst, servieren, beantworten Fragen. Der Service agiert nicht mehr als vermittelnde Instanz, sondern als Teil eines gemeinsamen Auftritts. »Wir wollten unbedingt diese Einheit schaffen«, sagt Gottschlich. »Dass man überhaupt keine Trennung mehr hat. Jeder hat das gleiche Shirt. Das ist ein Statement.«
Und genau hier beginnt die zweite Ebene dieser Geschichte.
Shirts aus Stoffresten
Seit dem 10. Februar 2026 ist die Partnerschaft offiziell: Eightyards, Tochter des Hugo-Boss-Konzerns, stattet künftig das gesamte Team des Restaurants aus. Das Unternehmen mit Sitz in Metzingen hat seine operative Tätigkeit im Januar 2025 aufgenommen mit dem Anspruch, Materialüberhänge branchenübergreifend neu zu denken. Für Eightyards ist das Projekt zugleich ein Showcase: Wie sich textile Überhänge nicht nur in der Mode, sondern auch in anderen Branchen sinnvoll einsetzen lassen.
Eightyards versteht sich als Schnittstelle für Re-, Up- und Downcycling. Statt Stoffreste, die im Hause Hugo Boss übrig bleiben, zu entsorgen, werden sie in neue Produkte überführt – limitiert, ressourcenschonend, funktional. Für das »Ox & Klee« entstanden gebrandete Shirts aus hochwertigen Überhangmaterialien. Keine Nachproduktion, keine künstliche Skalierung. Es wird verarbeitet, was vorhanden ist. Auf dem Rücken prangt das neue Motto: Fine Dining is dead.
Eine Uniform für alle
Für Gottschlich ist das mehr als eine modische Kooperation. »Wir sind nicht hundert Prozent nachhaltig«, räumt er ein, »aber wir wollen Bewusstsein schaffen.« Dass es ihm um mehr als Symbolik geht, soll auch der Abend der Präsentation zeigen: Apfelschalen aus dem Dessert werden im Aperitif weiterverarbeitet. Statt klassischer weißer Stoffservietten liegen Modelle aus ehemaligen Anzugsstoffen auf den Tischen.
Klare Linien, funktionale Schnitte – und dennoch modisch. Für den Sternekoch selbst wurde zusätzlich ein individuelles »Bühnen-Outfit« entworfen: Hose, Hemd, Weste, Sakko – ebenfalls aus Überhangstoffen gefertigt.
Und die Kulinarik? Die bleibt gleich. Auch die zwei Michelin-Sterne bleiben – genauso wie die Präzision, mit der Gottschlich seine Menüs auf Basis der sechs Geschmacksdimensionen komponiert – süß, sauer, salzig, bitter, umami, fett.
Tot ist hier nichts
Was sich ändert, ist die Atmosphäre. Kein impliziter Dresscode mehr. Keine stille Ehrfurcht. »Jeder ist willkommen. Jeder darf kommen, wie er will«, sagt Gottschlich. Fine Dining soll kein elitäres Ritual mehr sein, sondern ein Erlebnis für alle.
Ob sich ein Branchenimage, Hierarchien allein durch identische Shirts und neue Abläufe dauerhaft auflösen lassen, wird sich im Alltag zeigen. Als Signal jedoch ist die Botschaft klar: Das Wort »dead« meint keinen Abgesang, sondern einen Befreiungsschlag. Weg vom formalen Korsett, hin zu einem zeitgemäßen Verständnis von Spitzengastronomie. Qualität ja – Distanz nein. Luxus ja – aber mit Haltung. Tot ist hier nichts. Es verändert nur seine Form.