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Ruhrgebiet-Original: Warum der Taxiteller nichts in München verloren hat

Essen/Ruhrgebiet
Snack

Currywurst und Pommes mit Gyros, Tzatziki und Zwiebeln: Der Taxiteller ist Kult im Ruhrpott. Jetzt entdeckt der Rest Deutschlands ihn – bedauerlicher Weise! Über die unfreiwillige Gentrifizierung eines ehrlichen Imbissgerichts.

Sobald das Feuilleton großer Wochenzeitungen philosophisch über das Ruhrgebiet schreibt, ist Skepsis angebracht. Doch spätestens, wenn in München-Schwabing ein Imbissklassiker aus dem Pott angeboten wird, sollte man beide Augenbrauen hochziehen. 

Aber von vorne: Ausgerechnet in München, das 15 Sternerestaurants zählt – zwei davon sogar mit drei Sternen –, kann man seit Kurzem Taxiteller essen. Auf einen Taxiteller gehören Pommes mit ordentlich Mayo, Currywurst, Gyros, Tzatziki und Zwiebeln. Erfunden wurde er irgendwo im Pott in den 1980er-Jahren für einen Taxifahrer, der nach Schichtende Kohldampf hatte. Der Imbissbetreiber kratzte die letzten Reste zusammen, geboren war das fettige Kultgericht – so will es die Legende. 

Ambiente: Plastikstuhl und Pils

Seither bekommt man den Taxiteller bei jedem Griechen von Duisburg bis Dortmund. Er ist eine kulinarische Offenbarung, so wie für viele Herbert Grönemeyer ein Stimmwunder ist (nämlich gar nicht, aber seine Musik ist trotzdem toll). Für einen Taxiteller ist man im Optimalfall sehr hungrig, sehr betrunken oder sehr verkatert. Man verspeist ihn auf einem weißen Plastikstuhl an einem Tisch mit PVC-Tischdecke oder an einem etwas schmierigen, schlecht abgewischten Stehtisch mit Krümeln drauf. Man muss ihn mit Cola oder einem kühlen Pils hinunterspülen.

Der Taxiteller hilft bei der Aufregung vor dem Stadion oder den ganz großen Gefühlen danach – Frust und Euphorie gleichermaßen. Er ist nicht raffiniert, er hat keinen kulinarischen Twist. Vegetarisch-veganer Gyros-Ersatz ist das höchste der zugelassenen Gefühle. Aber der Taxiteller erfüllt seinen Zweck: Er ist lecker und macht satt. Und: Er ist gelebte Integration. Deutsche Currywurst und Gyros, populär gemacht durch griechische Gastarbeiter, vereint unter einem fettigen Berg aus Pommes. Integrationsdebatte beendet auf der Speisekarte. Typisch Ruhrgebiet halt.

 

Auf den Geschmack gekommen

Doch seit einem guten Jahr verschiebt sich der Taxiteller-Äquator stetig. Der verlässliche Garant für nächtliches Sodbrennen hat nationale und sogar internationale Berühmtheit erreicht. Zahlreiche Zeitungen berichteten über ihn. Die Zeit sinnierte: »Der Taxiteller will nichts beweisen, nichts verbessern. Er ist einfach da.« Und der Musiker Jim E. Brown, der auf Instagram regelmäßig lokale Spezialitäten aus aller Welt verkostet und mit britischem Humor über diese herzieht, kam zu dem simplen Urteil: »It’s lovely.«

Schuld am Taxiteller-Hype sind vor allem Leute wie Brown. Oder allgemein gesprochen: Social Media. Der Instagram-Account taxi_teller beispielsweise testet und bewertet Imbisse und zählt knapp 20.000 Follower. Comedians wie Ryko und Jan Schlappen, selbsternannte »Stimmen des Ruhrpotts«, zelebrieren das Gericht auf ihren Kanälen. Imbisse locken mit XXL-Tellern und gehen damit regelmäßig viral. Die Folge des Hypes: Der Taxiteller steht auf Speisekarten von Halle an der Saale (die Unimensa bietet ihn an) bis nach München-Schwabing (ein familiengeführter Imbiss nahm ihn auf Wunsch eines Food-Influencers auf die Speisekarte). Es kann nicht mehr lange dauern, bis das Hotel »Adlon« in Berlin neben Currywurst und Döner auch den Taxiteller führen wird.

Gegenentwurf zum Fine Dining

Es wäre die endgültige Gentrifizierung eines Gerichts, das für alles steht, wofür Sternehotels wie das »Adlon« oder Stadtteile wie München-Schwabing nicht stehen. Taxiteller meint draußen zusammenstehen und sich den Bauch vollschlagen, nicht dinieren. Mittach, nicht Lunch. Schnell und kostengünstig. Der Taxiteller ist das Soulfood einer Region, in der man für den Begriff Soulfood ausgelacht werden würde.

Er fügt sich perfekt ein in den Dreiklang aus missglücktem Strukturwandel, dramatischem Fußball (Meister der Herzen! Pokalsiege! Aufstiege! Abstiege!) und herzlicher Unhöflichkeit. Er ist der pragmatische Gegenentwurf zu Fine Dining oder Matcha-Trinken nach dem Pilates, zu Szeneclubs wie dem P1 oder Berghain. Der Taxiteller will nicht cool oder exklusiv sein, er ist einfach nur ein deftiges Gericht, das schwer im Magen liegt.

Andernorts mag er ein ironischer Social-Media-Trend sein, der vorübergehen wird. Denn Ruhrpott-Romantik lässt sich in Stadtteilen mit Sternegastronomie, Edelhotels oder Rekordmeistern nicht reproduzieren. Im Pott wird er ein fettiger Imbissklassiker bleiben. Nicht mehr und nicht weniger.


Greta Linde
Autor
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