Weltfrauentag: Diese Schweizer Winzerinnen prägen den Bio-Weinbau
Zum Weltfrauentag am 8. März rückt Falstaff vier Wegbereiterinnen des Schweizer Bio-Weinbaus ins Rampenlicht. Noémie Graff, Nadine Besson-Strasser, Valentina Andrei und Sarah Besse zeigen, dass Bioweinbau keine Modeerscheinung ist, sondern eine gestaltende Kraft, die eine neue, beobachtende Beziehung zur Natur etabliert.
Über Jahrzehnte war der Weinbau von männlichen Rollenbildern und einer Logik der Kontrolle geprägt. Im Bio- und Naturweinbau hat sich allerdings ein Gegenentwurf dazu entwickelt. Hier etablierten sich in den letzten Jahrzehnten neue Arbeitsweisen und ein verändertes Qualitätsverständnis. An vorderster Front dabei: Schweizer Winzerinnen. Sie wollen die Natur nicht mit Pestiziden, Reinzuchthefe und chemischen Zusatzstoffen dominieren, sondern mit ihr zusammenarbeiten. Wir haben vier Bio-Winzerinnen nach ihrer Haltung, ihrer Intuition und ihrer Sicht auf Feminismus im Weinberg befragt.
Haltung statt Kontrolle
«Wir wollen den Wein nicht ‹machen›, sondern seinen Werdeprozess begleiten», sagt Nadine Besson-Strasser. Ihr Konzept des «kontrollierten Nichtstuns» verlangt Mut, Geduld und ein Augenmerk für Klima und Boden. Auch Noémie Graff spricht davon, «den Puls jedes Jahrgangs zu fühlen und seine Identität zu suchen, ohne ihm den Weg aufzuzwingen». Für Valentina Andrei wiederum zählen vor allem «Terroir und Authentizität» – jedes Jahr, sagt sie, erzählt seine eigene Geschichte. Sarah Besse begreift ihre Weine gar als «Kunstwerk» eines «ultra-sensorischen Museums», das Erinnerungen weckt und Geniesser:innen auf eine Reise mitnimmt. Was sie verbindet, ist ein Qualitätsverständnis, das auf Aufmerksamkeit und Beziehung setzt – und nicht auf maximale Steuerung.
Intuition als Methode
Diese Haltung zeigt sich im Alltag ganz konkret. Statt auf technische Protokolle zu vertrauen, verlassen sich diese Winzerinnen stark auf ihre Beobachtungsgabe und ihr Gespür. «Man ist sich nie sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben», gibt Valentina Andrei zu. «Ich verlasse mich viel auf meinen Instinkt – und das funktioniert ... manchmal.» Auch Sarah Besse beschreibt ihre Entscheidungen als intuitiv: «Ich lasse meine Einschätzung häufig über Nacht reifen, bevor ich am nächsten Tag mit einem guten Gefühl entscheide.» Nadine Besson-Strasser betont die Bedeutung des genauen Beobachtens, sei es im Weinberg oder im Keller. Manche Schritte erforderten Fingerspitzengefühl, und vor allem Zeit. Für sie ist Intuition Teil der Professionalität.
Qualität entsteht im Weinberg
Im Zentrum ihres Arbeitens steht der Weinberg. «Ein guter Wein entsteht im Weinberg», sagt Valentina Andrei. Entsprechend gross ist dort ihre Aufmerksamkeit – «manchmal vielleicht sogar übertrieben gross». Im Keller greift sie so wenig wie möglich ein. Die biodynamische Landwirtschaft werde noch immer belächelt und als Hokuspokus abgetan, sagt Besson-Strasser. «Dabei zeigen Versuche eindeutig, wie stark die Bodenaktivität zunimmt – eine entscheidende Basis für Gärungen ohne künstliche Hilfsstoffe». Sarah Besse geht jede Woche durch ihre Parzellen, studiert Flora und Boden. Von der Ernte bis Weihnachten verkostet sie ihre Weine täglich. Noémie Graff ist überzeugt, dass «der Mensch hinter den Maschinen und Produkten oft unterschätzt wird» – insbesondere seine Geduld und Akribie. Qualität, so ihre Überzeugung, ist kein technisches Resultat, sondern das Ergebnis beständiger Aufmerksamkeit.
Bio-Weinbau als feministischer Raum?
Nadine Besson-Strasser sieht weibliche Netzwerke und Vorbilder als treibende Kraft, oft geprägt von Müttern, die «das Beste für ihre Kinder wollen». Ihre Mentorin Marie-Thérèse Chappaz habe viele inspiriert, neue Wege wie die Biodynamie zu gehen. Sarah Besse spricht von einem «bewussten» Raum, der echtes Zuhören gegenüber der Erde verlange. Für Noémie Graff steht die Verbindung zwischen Mensch und Natur im Vordergrund. Das Verständnis natürlicher Zyklen und der Respekt vor dem Leben und der Artenvielfalt sind für sie die Grundlage für einen gesunden Lebensraum. Valentina Andrei, die in der totalitären kommunistischen Diktatur Rumäniens aufgewachsen ist, interpretiert das Thema durch die Linse von Minderheitenerfahrungen – als Suche nach Freiheit und Selbstbestimmung.
Vielleicht geht es weniger um Feminismus als Label als um eine Verschiebung der Werte: weg von Kontrolle, hin zu Beziehung. Diese vier Winzerinnen zeigen, dass Weinbau mehr ist als Technik und Ertragsoptimierung. Biologischer Weinbau versteht sich als Dialog mit der Natur, getragen von Haltung, Intuition und Demut. Damit prägen diese Winzerinnen ein zukunftsweisendes Verständnis davon, was es heisst, guten Wein zu machen.