Zum Inhalt springen
© Kirchgasser Photography

Au revoir und merci Sven Elverfeld!

Restaurant
Fine Dining
Kritik

Am 21. März 2026 schloss das »AQUA« seine Türen – das Ende einer erstaunlichen Ära. So sehr der Abschied von einem festen Fixstern der Gourmet-Welt schmerzt, umso größer ist der Respekt vor Sven Elverfeld, seinem Mut und seinem Lebenswerk.

Am Samstag war Schluss. Kurz vor Mitternacht verließen die sprichwörtlich letzten Gäste das Restaurant »AQUA« in der Autostadt Wolfsburg, das danach seine Türen für immer schloss. Der 21. März 2026 markiert das Ende einer Ära, die Vollendung eines großartigen Lebenswerkes eines charismatischen Koches, und ein kulinarisches Vermächtnis für Köche und Mitarbeiter, die Sven Elverfeld inspiriert, animiert, motiviert, aber auch kritisiert und korrigiert hat.

Das »AQUA« war sein Meisterstück, ein magischer Ort ähnlich einer Dombaustelle, in der das Große sichtbar ist und herausragt, und dennoch jeden Tag an der Spitze gefeilt und poliert wird. Mit sicherer Hand, mit unaufgeregtem Enthusiasmus, mit Können und Talent, und einer bemerkenswerten Ruhe und Präzision, die das Große über das Großartige erhebt. Sven Elverfeld war so ein Großer, ein Baumeister, ein Koch, der seine Arbeit auf feste Säulen stellte, wohl wissend, dass das Filigrane Bodenhaftung braucht, um der Raffinesse nach oben ausreichend Spielraum und die dafür notwendige Substanz zu geben. Keine leeren Versprechungen oder Blendwerk, wer Kathedralen bauen möchte, muss die Statik beherrschen, die keine Kompromisse zulässt.

Architektur der Aromen

Das »AQUA« war eine Kathedrale, eine Kathedrale der himmelwärts strebenden Kochkunst, eine Ruhmeshalle gefüllt mit einzigartigen Geschmacksbildern und geschmacklichen Erinnerungen für die Ewigkeit. Ein Ort, an dem das Handwerk der Kunst die Hand reichte, um mit dieser Symbiose extravagante kulinarischen Sphären zu erreichen. Alle Gerichte von Sven Elverfeld haben dabei ihre eigene einzigartige Geschichte, durchaus auf der Basis traditioneller Geschmacksbilder.

Dabei von Einfachheit zu reden wird dem Metier, Sven Elverfeld und all seinen Kollegen nicht gerecht. Kochen ist nie einfach. Die erste Kreativleistung des Menschen mag in Zeiten von Hightech in der Küche und einer zunehmenden Industrialisierung von Produkten weniger aufwendig erscheinen. Aber Kochen verlangt immer wieder Phantasie und Vorstellungskraft, setzt Gespür und Feingefühl voraus, lebt von Mut und Pioniergeist, und letztendlich vom handwerklichen Geschick bis hin zur Perfektionierung. Das gilt für einen Kartoffelsalat oder eine Frankfurter Grüne Soße genauso, wie für die karamellisierte Kalamata Olive und das im Sojasud pochierte Eigelb, serviert mit Schwarzem Knoblauch, Champignons und Mais. Sven Elverfeld hat das alles in sich untergebracht: in seinen Ideen, seinem Mut, seinem Handwerk und letztendlich in seinem charismatischen Charakter, der uneitel und entspannt für viele seiner Weggefährten und Mitarbeiter berufliche und menschliche Meilensteine gesetzt hat.

Seine Spuren zur Spitze

Geboren ist Sven Elverfeld in Hanau in dem Jahr, in dem die Studenten auf die Straße gingen und gegen das Bürgertum aufbegehrten. In Sachen Gourmet-Küche steckte die Republik zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen, die Fresswelle des Wirtschaftswunders hatte Spuren hinterlassen. Koch zu werden stand für Sven Elverfeld nach der Schule nicht auf dem Plan, zunächst zog es ihn in die Backstube und er absolvierte in Bruchköbel eine Ausbildung zum Konditor. Doch danach lockte der Herd, die zweite Lehre war am Ende richtungsweisend für sein Leben und seine Karriere.

Die Stationen seiner Wanderjahre waren denn auch die besten Adressen der Zeit: Restaurant Hessler in Maintal-Dörnigheim, Restaurant von Dieter Müller im Schlosshotel Lerbach in Bergisch Gladbach, Schloss Johannisberg unter Dieter Biesler, Restaurant Humperdinck in Frankfurt am Main, und das Gourmet-Restaurant »La Bouillabaisse« auf Kreta. Ende der 1990er Jahre beginnt Elverfelds Karriere bei Ritz-Carlton, zunächst leitet er das Hoteleigene Gourmet-Restaurant »La Baie« in Dubai.

Ein Vierteljahrhundert Exzellenz

Mit dem Jahr 2000 beginnt ein neuer Lebensabschnitt, Elverfeld wechselt nach Wolfsburg und wird Chefkoch im neuen Ritz-Carlton-Restaurant »AQUA« in der Autostadt. Was dann folgt sind Auszeichnungen und Ehrungen: Aufsteiger des Jahres, Koch des Jahres, kreativster Koch des Jahres, und das »AQUA« klettert in der renommierten Hornstein-Liste auf Platz 1. Parallel dazu regnet es Sterne und Hauben, in allen renommierten Restaurant-Guides hält Sven Elverfeld bis heute die Höchstnote. Im Februar dieses Jahres gibt Elverfeld plötzlich bekannt, das Restaurant am 21. März zu schließen. Nach einem Vierteljahrhundert ist für den Ausnahmekoch sein Meisterstück vollendet. Eine persönliche Entscheidung, vor der man, bei allem Bedauern und kulinarischer Traurigkeit, den Hut ziehen muss.

Au revoir Sven Elverfeld und merci für die vielen Augenblicke des geschmacklichen Glücks, den Blick in die Genialität deiner Kochkunst, die unvergessenen Klassiker und Newcomer auf deinen Tellern, und die vielen Momente, in denen die Gäste gespürt haben, dass ein Großer am Herd steht.


Ingo Swoboda
Ingo Swoboda
Gourmetredakteur & Chefredakteur Restaurant & Gasthausguide Deutschland
Mehr zum Thema
1 / 12