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Champagner– Ikone der Feierkultur und Sinnbild prickelnder Inszenierung.

Champagner– Ikone der Feierkultur und Sinnbild prickelnder Inszenierung.
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Champagner: Der Wein, der die Popkultur erfand

Schaumwein Special 2025
Schaumwein
Kultur

Ob Krönung oder Klubnacht, Kunstikone oder Kitsch – Champagner verkörpert Luxus, Revolution und Popkultur. Wie ein Getränk zum Symbol für Aufstieg, Rebellion und Stil wurde – und warum der Schaum nie aus der Mode kommt.

Champagner war und ist mehr als ein Getränk. Er war die erste Form von Popkultur, die die Bürger – denn natürlich konnten sich vor 200 Jahren nur Bürger Schampus leisten – sofort verstanden: köpfen, einschenken, trinken. Ein Luxus, der wie ein Reflex funktioniert: Korken knallt, Blasen steigen, der Raum wirkt größer, heller, wichtiger, die Menschen im Raum interessanter, auch wenn sie es nicht sind. Dass jährlich rund 300 Millionen Flaschen die Keller der Champagne verlassen, stört die Exklusivität nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Massenware mit Einmaligkeitspose – die vielleicht brillan­teste Maskerade der Genusswelt.

Ökonomisch ist und bleibt Champagner eine perfekte Inszenierung. Nüchtern betrachtet: eine Gelddruckmaschine mit großem Output und hohen Margen. Die Marken legen das Gold in Etiketten, Rituale und Geschichten. Doch die Technik dahinter bleibt ernst: Cuvetieren als Kunst, die zweite Gärung als Geduldsspiel, das Hefelager als Komponist der Textur. Die Dosage ist kein Zuckertrick, sondern das letzte Stimmgerät, das Säure, Druck und Tiefe in eine gemeinsame Tonart bringt. Dass ausgerechnet diese hochpräzise Methodik so lässig wirkt, gehört zu den unterschätzten Paradoxien dieses Getränks.

Von Klöstern und Königen

Die Geschichte beginnt prosaisch: römische Reben, klösterliche Disziplin, königliche Tafeln. Ein kühles Klima, das die Säure konserviert und eine feine Linie zeichnet. Im 17. Jahrhundert gerät die Flaschengärung zunächst zufällig in die Welt – in England, wo stärkere Glasflaschen und Kork­verschlüsse Experimente ermöglichten, ebenso wie in Frankreich, wo Mönche das Spiel mit der Kohlensäure begannen. Im 19. Jahrhundert perfektionieren große Häuser das Verfahren: die zweite Gärung in der Flasche, Tirage, lange Lagerung auf der Hefe, Autolyse, dann das Degorgieren und die Dosage – eine Choreografie aus Geduld und Präzision. Die Remuage, das Rütteln der Flaschen auf dem Pupitre, schafft Klarheit im Glas und Mythos in den Köpfen. So entsteht nicht nur ein Wein, sondern ein Bild: die Méthode Champenoise als manufakturhafte Magie – die erste Markenmethodik der Genussgeschichte.

Revolution mit Perlage

Dass ausgerechnet die Französische Revolution, die erste popkulturelle Massenbewegung, diesen Luxus nicht vernichtete, sondern befeuerte, ist eine historische Pointe. Danton soll Champagner geliebt haben – damals noch aus Schalen, als Signal, dass Vergnügen und Umsturz vereinbar sind. Die neue Zeit wählte nicht Wasser, sie wählte das Prickelnde. Und am anderen Ende des Atlantiks notierte ein Mann seine Verkostungsnotizen – die ersten über Champagner überhaupt –, der die Aufklärung in die Politik übersetzt: Thomas Jefferson. Als amerikanischer Gesandter in Paris verliebte er sich in die Weine Frankreichs – besonders in den Champagner. Mit seinem toskanischen Freund Filippo Mazzei baute er Handelsnetze auf und verschiffte nicht nur Flaschen, sondern die Idee von Lebensfreude. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts war die junge Republik einer der wichtigsten Märkte.

Vintage-Flyer für die Promotion von Champagner.
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Vintage-Flyer für die Promotion von Champagner.

Vom Wilden Westen zur Clubkultur

Champagner reiste mit dem Fortschritt: Er floss bei der Vereinigung der Eisenbahnlinien, die den Osten mit dem eroberten Westen verbanden, bei Weltausstellungen und politischen Banketten. Auch im Wilden Westen knallte es gelegentlich im Salon und im Glas – zwischen Bourbon und Pokerkarten stand plötzlich eine Flasche Schampus. Hollywood hat diese Reibung geliebt: das feine Perlenspiel im rauen Setting. Und die Gegenwart setzt diesen Effekt fort – nur dass der Salon heute ein Club in Dubai, Miami oder Berlin ist. In den VIP-Logen der Techno-Tempel stapeln sich Magnumflaschen, jede zweite mit Leuchtstick im Hals, damit auch das hinterste Smartphone noch mitfilmen kann. Der Schampus ist dabei längst nicht mehr nur Dom Pérignon oder Cristal, Marken wie Armand de Brignac oder Krug stehen im Instagram-Feed neben Mode, Tattoos und Selfies.

Auch Sport hat Champagner in die Moderne katapultiert: In der Formel 1, im Radsport oder beim America’s Cup wird der Sieger mit einer Dusche aus Schaum geweiht – ein Ritual, das Millionen Menschen im Fernsehen sehen. Hier geht es weniger um den Geschmack als um das Bild: Der Sieg riecht nach Kohlensäure und klebt auf der Haut.

Mythen, Marken, Mönche

Aus dem amerikanischen Bürgerkrieg wiederum stammt die hartnäckige Anekdote, nach der Unterhändler der Konföderierten bei der Nordstaatenarmee eine Kiste Champagner kauften – Luxus als zivilisierter Waffenstillstand. Plausibel genug, um wahr zu sein.

Popkultur lebt von Symbolen, und Champagner liefert sie am Fließband: Schiffstaufen, bei denen eine Flasche am Bug zerschellt – der Schaum wie der Rauch einer neuen Zeit. Kino und Fernsehen haben Champagner zur Requisite des Begehrens erhoben: »Pretty Woman« mit Erdbeeren im Schaumbad, »Diamonds Are Forever«, wo James Bond über den Dom Pérignon 1959 philosophiert. Bond wusste, dass Marke hier Mythos bedeutet.

Dom Pérignon selbst, der benediktinische Kellermeister, dem man die Erfindung zuschreibt, war wohl eher der Veredler als der Erfinder. Die Legende, er habe »die Sterne getrunken«, ist trotzdem zu gut, um sie zu verwerfen. Und sie passt: In einer protestantischen Umgebung hätte man aus dieser Sinnlichkeit vermutlich eine Pflichtübung gemacht – in der Champagne wurde daraus ein Fest.

Aus klösterlichen Experimenten wurde ein globales Phänomen: Champagner glänzt heute in Insta-Feeds und auf den Dancefloors.
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Aus klösterlichen Experimenten wurde ein globales Phänomen: Champagner glänzt heute in Insta-Feeds und auf den Dancefloors.

Sex, Schaum und Selbstbestimmung

Die Kunstgeschichte griff früh zu. In der Belle Époque glitzern Flaschen auf Plakaten von Alphonse Mucha und Leonetto Cappiello, Toulouse-Lautrec lässt Gläser im Varieté klirren, Manet stellt sie ins Bild wie tragbare Lichter (»Bar aux Folies-Bergère«). Später macht Andy Warhol aus der Flasche ein Pop Icon, Robert Rauschenberg collagiert Hochglanz mit Alltagsresten – wie eine Nacht nach dem Fest auf Leinwand.

Britpop lieferte mit »Champagne Supernova« den wohl schönsten Titel, Jean-Paul Goude mit Kim Kardashian das ikonische Bild.

Die Zwanzigerjahre gaben dem Schampus Sex: Flapper-Kleider, Jazz, entblößtes Knie. Champagner wurde zum Aphrodisiakum und Symbol weiblicher Selbstbestimmung. Frauen tranken öffentlich, elegant, ungeniert – nicht um zu gefallen, sondern um zu feiern. Rosé-Champagner hat diesen Platz heute übernommen.

Ikone und Gegenbild

Champagner liebt Kontraste: Er passt zu Krönungen und Küchenpartys, zu Nobelpreisverleihungen und Polterabenden. Die legendäre Coupe – angeblich einer Aristokratinnenbrust nachempfunden – ist wohl Unsinn, zeigt aber, wie bereitwillig das Publikum Erotik ins Glas projiziert. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erobern Rap und R ’n’ B die Szene: Flaschen als Statussymbol, Labels als Refrains, VIP-Lounges als flüssige Bühnenbilder. Vulgär vielleicht – doch Popkultur leiht sich das sichtbarste aller Getränke, um noch sichtbarer zu sein.

Und heute? Pétillant Naturel – Pét Nat – beansprucht das Gegenfeld. Die Méthode Ancestrale kommt ohne zweite, kontrollierte Flaschengärung aus – keine Dosage, kein Degorgieren, wenig Filter. Das Ergebnis ist trüber, wilder, direkter, Indie-Bastard-Rock neben dem Brit-Pop-Champagner.

Popkultur ist kein Nullsummenspiel. Sie braucht die Ikone im Eiskübel und die ungeschminkte Gärung im Hefenebel. Die eine Seite liefert Glanz und roten Teppich, die andere rauen Charme. Champagner war die erste kaufbare Popkultur – und ist es bis heute. Die Sterne im Glas sind geblieben, nur die Playlist hat gewechselt.


Erschienen in
Falstaff Sparkling Special 2025

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Manfred Klimek
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