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Schaumwein: reizende Bläschen

Schaumwein Special 2025
Schaumwein
Wein

Schaumwein boomt seit Jahren und ist damit eine große Ausnahme im schrumpfenden Alkoholmarkt. Was der prickelnde Wein hat, was Spirituosen oder Stillweine nicht haben? Ja, Blasen – und die machen ihn für uns Menschen unwiderstehlich.

Champagner geht immer – alleine diese populäre Aussage führt einem vor Augen, dass Schaumweine bei vielen Menschen einen ganz besonderen Stellenwert haben. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: 2024 war für viele Schaumweinkategorien – von Cava über Crémant bis Prosecco – ein neues Rekordjahr, ganz so wie die Jahre zuvor. Italien als größter Schaumweinproduzent alleine erreichte 2024 ein historisches Hoch von 1,015 Milliarden verkauften Flaschen, was einem Wachstum von acht Prozent gegenüber 2023 entspricht. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass der weltweite Weinkonsum sich 2024 auf dem niedrigsten Niveau seit 1961 befand.

Konservativ geschätzt wurden 2024 weltweit rund 1,75 Milliarden Flaschen Schaumwein verkauft respektive entkorkt – geht man davon aus, dass alle davon 0,75-Liter-Flaschen waren, hätte also jeder der rund 8,3 Milliarden Erdenbürger ein Gläschen Sprudel bekommen, und einige sogar zwei … obschon knapp die Hälfte der Menschheit aus kulturellen oder religiösen Gründen ohnehin nichts trinkt.

Und auch die Entwicklungen hierzulande können den Schaumwein nicht aufhalten: Ob Dry January, Gesundheitstrends oder Null-Promille-Politik – all diese Schreckgespenster des Weingenusses scheinen am Schaumwein spurlos vorüberzugehen. Natürlich: Als anspruchsvolle:r Genießer:in muss man relativieren, es sind vor allem günstige Schaumweinkategorien, die seit Jahren auf der Überholspur sind. Champagner hatte 2024 ein schweres Jahr: Mengenmäßig büßte die Kategorie etwa zehn, umsatzmäßig fünf Prozent ein. Im Vergleich mit anderen Luxusweinen steht der Prickler aus Nordfrankreich aber immer noch hervorragend da.

Spritz-Trend Als Multiplikator

Woher also kommt dieser Boom, dieser immense Durst nach blubberndem Wein? Als wichtigen Grund dafür hört man oft, dass Schaumwein ein festliches Getränk ist und in besonderen Momenten genossen wird, in denen sich auch gesundheitsbewusste Menschen noch etwas gönnen. Das mag durchaus sein, doch kann ich mir die eingangs erläuterten Zahlen damit längst nicht erklären. Als Grund für den Boom einfacherer Schaumweine, insbesondere Prosecco, wird unter anderem der Spritz-Trend immer wieder ins Feld geführt – und da kommen wir der Sache schon näher.

Schaumwein ist eben nicht nur reiner Wein, sondern auch eine wichtige Zutat in Drinks und Cocktails – ein Lifestylegetränk. Ein Getränk, das uns auf ganz besondere Weise stimuliert. Im wahrsten Sinne des Wortes, wie ich kürzlich bei einem Symposium in Spanien erfahren durfte, zu dem Gramona, eines der renommiertesten Schaumweingüter des Landes, eingeladen hatte. Einer der Beiträge an diesem Tag beeindruckte mich nachhaltig: Der französische Neurowissenschaftler Gabriel Lepousez erklärte, wie Schaumwein und sprudelnde Getränke allgemein sich auf unser Gehirn auswirken und lieferte dabei ein wichtiges Puzzleteil für die Erklärung des Schaumweinbooms.

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Multisensorisches Getränk

Lepousez arbeitet am Institut Pasteur in Paris. Neben trockener Neurowissenschaft beschäftigt er sich auch schon lange mit der Weinverkostung – und bringt die beiden Welten zusammen. Wie er erklärte, beinhaltet die Wirkung der Kohlensäure auf unser Nervensystem viel mehr als ein banales Prickeln: Kohlensäure stimuliert uns auf allen Ebenen. Zunächst wäre da das charakteristische Prickeln, das den TRPA1-Rezeptor aktiviert, einen spezialisierten Ionenkanal, der eine entscheidende Rolle in der Schmerzwahrnehmung spielt. Ohne zu tief in die Neurowissenschaft einzutauchen: Der Schaumweingenuss löst nicht nur Glücksgefühle aus, sondern aktiviert auch die Schmerzwahrnehmung, genauso wie scharfe Speisen oder Gewürze wie Senf oder Wasabi.

Lepousez ging sogar so weit festzustellen, dass der Schaumweingenuss alle unsere Sinne auf ganz eigene Weise anregt: Begonnen beim Hörsinn, mit dem charakteristischen Ploppen des Korkens wenn wir die Flasche öffnen, dem Zischen beim Öffnen und dem leisen Prickeln der Bläschen, wenn wir den Wein eingießen. Anschließend sehen wir den aufsteigenden Bläschen zu, wie sie zur Oberfläche steigen und platzen. Dabei werden wie bei einem Zerstäuber feine Mikroaerosole freigesetzt, die die Aromen förmlich zur Nase katapultieren und vor dem ersten Hineinriechen eine messbar erhöhte Hirnaktivität auslösen.

Wenn wir den Schaumwein schließlich trinken, kommt der erwähnte TRPA1-Rezeptor ins Spiel, der eben für ein brennendes, stechendes Schmerzsignal sorgt, das in dieser schwachen Form als erfrischend und erweckend wahrgenommen wird. Schließlich ertasten wir zwischen Zunge und Gaumen die feine Schaumschicht aus Bläschen, die Textur und Fülle des Weines, was für einen weiteren sensorischen Kick sorgt. Ein einfaches Glas Schaumwein regt uns also auf vielerlei Ebenen an, und nach Gabriel Lepousez’ Vortrag bin ich überzeugt davon, dass das multisensorische Erlebnis eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Puzzleteil des Schaumweinbooms ist. Ich bin der beste Beweis dafür: Wer die beschriebene Abfolge von Sinneswahrnehmungen einmal genossen hat, will sie immer wieder erleben.


Erschienen in
Falstaff Sparkling Special 2025

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Benjamin Herzog
Benjamin Herzog
Chefredaktion Schweiz
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