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Die Schweiz ist ein Gin-Paradies

Gin
Schweiz
Alkohol

Klar, der Gin-Markt ist oberflächlich betrachtet vor allem von internationalen Marken geprägt. Doch ein Blick auf die Schweizer Brenner offenbart eine beeindruckende Vielfalt, die man im Auge haben sollte.

Nach einer Dekade des Gins, in dem die Kategorie gefühlt nur eine Richtung kannte – die nach oben – werden manche Zweifler mittlerweile nicht mehr müde, langsam den Abgesang auf den beliebten Wacholderschnaps anzustimmen. Allzu attraktiv erscheinen globale Trends wie die zu Tequila oder leichten Aperitivos, als dass der zur Genüge gehypte Gin diesen noch etwas zu entgegnen hätte. Doch für Grabesglocken ist es zweifelsfrei ein wenig zu früh, denn das, was den Gin über die Jahre so erfolgreich gemacht hat, sind seine Anpassungsfähigkeit und seine aromatische Vielfalt. Und die beweist er aktuell wieder eindrucksvoll.

Zugegeben, die Unkenrufer haben in einem Punkt recht: das noch vor kurzem praktizierte Versteigen in immer exotischere Geschmacksprofile, die von fruchtig-beerig, süss, vanillig bis hin zu salzig-algig reichen können (wobei das Spektrum noch viel grösßer ist), scheint ein Ding der Vergangenheit zu sein. Es wird wieder klassischer, der Wacholder darf seine Hauptrolle einnehmen, das übertriebene Gehabe um einen schlichten Zweiteiler wie den Gin & Tonic klingt merklich ab. Und das ist gut so, denn es entspannt die Bestellung an der Bar ungemein und bringt uns wieder näher an die Wurzeln dieses eigentlich so einfachen Liquids.

Begonnen hat die Geschichte des Gins einst mit einem Mann namens Lucas Bols. 1575 brannte der Niederländer am Rande Amsterdams einen Wacholderschnaps, der eine für den Magen beruhigende Wirkung haben sollte. Dieses ursprünglich als Arznei entwickelte Getränk ging als Genever in die Geschichte ein und ist bis heute fest in der Kultur der Niederlande verankert. Der Genever aber gilt allgemein als der Vorläufer des Gins, waren es doch die Engländer, die ihn seinerzeit in großen Mengen importierten und später adaptierten.

Allerdings hat klassischer Genever mit einem Dry Gin, wie man ihn heute kennt, wenig zu tun. Die großen und bekannten englischen Gin-Marken, die bis zum Beginn des Gin-Hypes Ende der Nullerjahre den Markt quasi alleine bespielten, entstanden im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Brennereien wie »Gordon’s« oder »Tanqueray« zählen damit zu den ältesten Vertretern am Markt. Erst im Jahr 2000 betrat mit »Hendrick’s« ein Anbieter die Bühne, der die Welt des Gins aufrütteln und den folgenden Hype massgeblich initiieren sollte. Neben internationalen Marken, die nach wie vor das größte Stück des Gin-Kuchens für sich beanspruchen, waren es bald kleinere »Boutique-Brands« mit lokalem oder regionalem Fokus, die die Gunst der Genießer gewannen. Und hier beginnt sie, die moderne Erfolgsgeschichte des Schweizer Gins.

Gin war ein ursprünglich zur Arznei entwickeltes Getränk.
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Gin war ein ursprünglich zur Arznei entwickeltes Getränk.

Von den Eliten in die Bars

Die Geschichte des Gins in der Schweiz begann freilich nicht erst in den frühen 2000ern, denn die Nation hat immerhin eine lange Spirituosentradition und war bis ins späte 19. Jahrhundert vor allem für die Produktion von Absinth berühmt. Gin war in der Schweiz hingegen lange Zeit nicht sonderlich weit verbreitet.

Wein, Bier, Obstbrände und im Laufe der Zeit eben auch der Absinth dominierten die lokale Trinkkultur. Erst im 20. Jahrhundert, einhergehend mit der wachsenden Popularität von Cocktails in den 20er-Jahren, begann Gin in der Schweiz Fuss zu fassen. Vor allem der wohlhabenderen Elite muss man dies zugutehalten, denn sie war es, die ihre auf vielen Reisen ins Ausland gewonnene Inspiration mit ins Land brachte und begann, Gin in noblen Züricher und Genfer Bars zu verlangen.

Der Wendepunkt: Schweizer Gin-Boom

In den Nachkriegsjahren gestaltete sich das Bild hierzulande aber recht ähnlich wie im Rest Europas. Wenige Marken bestimmten einen überschaubaren Markt, Innovation gab es wenig bis keine. Ein echter Wendepunkt kam erst Anfang des Jahrtausends durch die Craft-Spirituosen-Bewegung, die in den USA und Grossbritannien begann, und nach und nach auch in die Schweiz überschwappte. Seit den frühen 2000er-Jahren erlebte Gin eine Renaissance und die Schweiz begann, ihre eigene, neue Gin-Tradition zu entwickeln. Treibend hinter diesem Aufschwung war das wachsende Interesse an handwerklich hergestellten Produkten, lokalen Zutaten und der Wunsch nach einer Alternative zu den etablierten globalen Marken.

Doch erst im Jahr 2014 ging in der Schweiz die erste reine Gin-Brennerei an den Start. In Basel erblickte damals der »Gin Nginious!« das Licht der Welt. Nur ein Jahr später folgte in Zürich die »Turicum Distillery«. Die beiden Inhaber Merlin Kofler und Oliver Honegger hatten die Idee, einen Gin zwar in England zu entwickeln, doch er sollte die Seele Zürichs in sich tragen. Für ihren »Turicum London Dry Gin« setzen sie unter anderem auf Lindenblüten und Schweizer Fichtenspitzen, was ihnen bei der »Falstaff Spirits Trophy« satte 92 Punkte einbrachte.

Ebenfalls aus Zürich stammt der ebenso erfolgreiche »ZH Züri Gin« der Brennerei Erismann. Seit fünf Generationen bilden die Veredelung von Früchten und das Herstellen von Edelbränden das Kerngeschäft der Brennerei, Ende der Zehnerjahre entdeckte man dann die spannende Welt des Gins. Die Idee entstand laut Brennmeister Hans Erismann nach einem Blick in die eigene Tenn, auf deren Boden oft eine dicke Heublumenschicht gelegen habe. Ein Gin aus der Artenvielfalt einer Wiese und der Blütenpracht eines Holunderbaums sollte es also werden – herausgekommen ist der »ZH Züri Gin«, der 2020 von Falstaff mit 93 Punkten bewertet wurde. Hans Erismann ist aber nur ein alteingesessener Brenner, der den Gin-Trend aufgegriffen und auf Schweizer Art interpretiert hat.

Die Schweiz war bis ins späte 19. Jahrhundert hinein für die Produktion von Absinth berühmt.
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Die Schweiz war bis ins späte 19. Jahrhundert hinein für die Produktion von Absinth berühmt.

Mit Appenzeller Alpenbitter stellte ein eigentlich für Kräuterlikör international bekanntes Unternehmen bereits zu Beginn des Schweizer Hypes einen Gin vor, das es recht schnell über die Landesgrenzen schaffte: den »Gin 27«.  Die traditionsreiche Schweizer Brennerei entwickelte den Dry Gin zusammen mit den drei Züricher Bartendern Peter Roth, Christian Heiss und Markus Blattner, die diesen vor allem auf seine Bartauglichkeit hin optimierten. In seiner Urform verleihen Botanicals wie Wacholder, Koriander, Zimt, Muskat, Kardamom, Orangen- sowie Zitronenschale, Süssholz und Veilchenwurzel dem 43-prozentigen Gin seinen Geschmack. Ein besonderer regionaler Einschlag folgte dann später mit weiteren Variationen des «Gin 27«, darunter deR »Gin 27 Soul of Wood Old Tom Gin«, für den der Dry Gin mit einer für das Appenzellerland typischen Zutat kombiniert wird: Tannenschösslinge.

Gin-Fans, denen ein Gin aus einem Unternehmen wie Appenzeller aber nicht mehr »craftig« genug ist, werden hingegen am Fusse des Züricher Üetlibergs fündig. Dort betreiben Nadine Wassmer und Christian Loepfe die Larix & Achillea-Brennerei, in der Gins in reiner Handarbeit, unfiltriert (Achtung: Louché-Effekt) und in Kleinstserie von rund 100 Flaschen pro Batch produziert werden. Die beiden Gründer betreiben die Destille weitestgehend als Hobby und lassen sich von Kräutern und Zutaten inspirieren, die sie auf Reisen oder Wanderungen finden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Ihr »Fibonacci N-1 London Dry Gin« holte sich in der »Falstaff Spirits Trophy 2023« mit 96 Punkten den ersten Platz in der Kategorie London Dry Gin und ließ namhafte internationale Konkurrenz hinter sich. Wer also eine echte Perle der Schweiz sucht, wird hier fündig.

All diese Beispiele zeigen exemplarisch, was den Schweizer Gin auszeichnet: die Verwendung lokaler Zutaten. Schweizer Brenner experimentieren mit einer Vielzahl von Botanicals, die in den Alpen und den umliegenden Regionen zu finden sind. Und diese Kräuter und Pflanzen, die oft biologisch und nachhaltig angebaut werden, sorgen für eine ganz besondere Note, die die Schweizer Gins auch international zur gefragten Spezialitäten machen.


Erschienen in
Falstaff Schweiz Jubiläum 2024

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Alexander Thürer
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