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SACHSEN WÄHLT: EIN STIMMUNGSBILD AUS DER LANDWIRTSCHAFT

Sachsen
Politik
Landwirtschaft

Sachsen wählt am Sonntag einen neuen Landtag. Wie ergeht es einer Agrarunternehmerin und einem Metzgermeister dort? Welche Sorgen und Nöte haben sie? Und in welcher Stimmung treten sie an die Wahlurne? Eine Spurensuche.

Immer wieder muss Ines Senger an diesem Freitagnachmittag ihre Lippen zusammenpressen, sagt Sätze wie: »Ich kann Ihnen die Frage nicht so beantworten, wie ich sie gerne beantworten würde.« Die Vorstandsvorsitzende der Agrarproduktion »Am Bärenstein« Struppen eG sitzt auf dem Hof ihrer Obstscheune in Krietzschwitz, Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, und schaut vor der anstehenden Landtagswahl in Sachsen mit gemischten Gefühlen auf die Zukunft des Unternehmens.

»Wir Landwirte denken in Jahreszeiten. Wenn ich in einem Monat eine Rahmenbedingung habe, die mir einen Teil meiner Produktion infrage stellt, kann ich das auf das ganze Jahr gesehen nicht wieder gut machen.« Jeder rede darüber, welche Ausfälle es durch den Frostschaden im Weinanbau gebe. Keiner rede aber darüber, wie sich die Situation der Landwirte darstelle. »Ich weiß nicht, ob man nicht möchte, dass man das wahrnimmt«, sagt Senger. Sie moniert die nicht vorhandene Planungssicherheit bei Marktpreisen. »Jeder Handwerksbetrieb nimmt nur Aufträge an, wenn er weiß, was er dafür bekommt«, sagt Senger. Die Lage dahingehend bei Landwirten? Schwierig.

 

Ich gehe mit dem Gedanken an die Wahl heran, dass ich keine Partei finde, die die Landwirtschaft wirklich vertritt.

 

Sie ist eine Frau der klaren Worte. Das formuliert so ähnlich auch eine Mitarbeiterin des Unternehmens, als wir für ein Gespräch mit Senger anfragen. Sie prangert die Politik in Berlin und Brüssel an. In ein paar Tagen ist Landtagswahl in Sachsen. Man traut sich fast gar nicht zu fragen, ob sie mit euphorischen oder gedämpften Gefühlen an die Wahlurne trete. Man ahnt die Antwort bereits. »Ich gehe mit dem Gedanken an die Wahl heran, dass ich keine Partei finde, die die Landwirtschaft wirklich vertritt.«

Boden – Tier – Pflanze – Boden

Senger legt nach, als ob sie Restzweifel hätte, dass das nicht deutlich genug war. »Das stimmt einfach, es ist so!« Senger stört es, dass in der Politik immerzu nur geredet werde, was man in der Zukunft alles besser machen möchte. Die Gegenwart? Da unternehme von den Politikern kaum jemand etwas.

Also hat es Senger einfach selbst gemacht. Sie konzentriert sich auf die Rahmenbedingungen, die sie sich mit ihrem Team aus rund 70 Mitarbeitern selbst geschaffen hat. Man bewirtschaftet 1550 Hektar, seit sechs Jahren zehn Prozent davon im Öko-Anbau. Darauf werden beispielsweise Roggen, Lupine, Erbsen, Mais, Futterrüben oder auch Lein angebaut. In ihrem landwirtschaftlichen Unternehmen gilt der Kreislauf: Boden – Tier – Pflanze – Boden.

Zu geringe Nachfrage

»Wir sind zu 100 Prozent im Landwirtschaftsschutzgebiet, ein Drittel davon ist Grünlandanteil«, sagt Senger sichtlich stolz. Sie ist davon überzeugt, dass langfristig nur der beschriebene Kreislauf funktionieren werde. Senger will zudem Identität in der Region schaffen und ausschließlich einen Marktplatz für regionale Produkte anbieten. Allerdings gibt es auch da ein Problem.

»Wenn ich Produkte produziere, brauche ich auch einen Markt dafür«. Bei der pflanzlichen Produktion sei die Verkaufsstruktur im konventionellen Bereich durchaus komfortabel. Im Bio-Bereich, der immerhin zehn Prozent der Hektarfläche von Sengers Unternehmen ausmacht, sei die Wertschöpfungskette dagegen in Sachsen nie entwickelt worden. Zu geringe Nachfrage. In Sengers Augen auch deshalb, weil man sich diese Produkte als Konsument leisten können muss.

Ein Lichtblick

Natürlich schaue der Kunde inzwischen genauer ins Portemonnaie. »Jede Preisspirale hat auch mal ihr Ende. Wir bewegen uns hier im ländlichen Raum, da ist die Kaufkraft einfach begrenzt«, sagt Senger. Das Absatzverhältnis zwischen Rind- und Schweinefleisch habe sich verändert. Es werde mehr Rind, dafür weniger Schwein gekauft. In den Ställen von Sengers Unternehmen stehen insgesamt 1500 Rinder, dazu leben rund 525 Schweine auf den Höfen. Sorgen, dass Fleisch gänzlich von unseren Tellern verschwinde, macht sich Sänger nicht. »Ich sehe positiv in die Zukunft, dass die Kunden wertschätzen, was wir hier tun.« Ein Lichtblick. Immerhin.

 

Jemanden zu finden, der sein ganzes Leben lang in ein und derselben Firma bleibt, ist heutzutage so gut wie nicht mehr möglich.

 

Es bleibt aber eine weitere Herausforderung: geeignete Fachkräfte zu finden. Senger hat in den letzten Jahren viel Kraft in diese Thematik gesteckt. Zurzeit bilde das Unternehmen neun Azubis in fünf verschiedenen Berufen aus. Sengers Hoffnung: Dass die Auszubildenden dem Unternehmen erhalten bleiben. Die Chancen darauf: mittelmäßig. »Jemanden zu finden, der sein ganzes Leben lang in ein und derselben Firma bleibt, ist heutzutage so gut wie nicht mehr möglich.«

In Familienhand

Einer, der bisher immer geblieben ist, ist Alex Kirpal. Für das familieneigene Landgasthaus »Heiterer Blick«, von dessen Terrasse aus man im sächsischen Sebnitz Teile des Elbsandsteingebirges betrachten kann, ist der 28-jährige Metzgermeister nahezu unverzichtbar.

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Er, der als Sachsens bester Lehrling 2020 sogar ein Stipendium für seinen Meister bekam, ist der Einzige, der Teilstücke des Tieres zerlegen und daraus bratfertiges Fleisch oder geräucherte Wurst für die Metzgerei und Gaststätte machen kann.

Seit 1909 ist der Betrieb in Familienhand, Mutter Anja bewirtet mit ihrem Team die Gäste, während der Junior tagtäglich seiner Lieblingsaufgabe nachgeht: Fleisch zerlegen. »Man muss wissen, wo der Knochen entlang geht und filigran arbeiten. Das mag ich.« Heute muss er noch Hirschkeulen auslösen. Gestern hat er bereits Leberwurst, Bratwurst, Bierschinken und Knacker hergestellt.

Sorgen beim Thema Fachkräfte

Ohne Kirpal wird es schwierig. Der Vater arbeitet nicht im Unternehmen und außer ihm hat das Zerlegen hier keiner gelernt. Sorgen macht er sich deshalb besonders beim Thema Fachkräfte. »Die Politik sollte mehr Anreize schaffen, ein Handwerk zu erlernen. Ich hatte auch überlegt, ob ich in die Industrie gehe, wo ich mehr Geld bekomme. Man sollte zumindest das Ausbildungsgehalt bei allen Lehrlingen angleichen«, sagt Kirpal.

Erwartungen an die bevorstehende Landtagswahl hat er aber nicht allzu viele. »Es wäre schön für uns, wenn die mittelständischen Unternehmen ein bisschen mehr unterstützt werden würden.« Kirpal spricht vor allem die Bürokratie an, die einen im Betrieb tagtäglich aufhalte.

Wählen muss man

Bei den letzten Landtagswahlen, 2019, hat Kirpal sich »null interessiert«, welche Pläne die Politik habe. Klar, er sei wählen gegangen, das müsse man. Diesmal hat sich die Stimmung etwas gedreht. Vor der Europawahl hat er sich mit Freunden getroffen. Gemeinsam haben sie über die Ideen einzelner Parteien gesprochen.

Kirpal tritt nicht mit überbordender Euphorie an die Wahlurne am Sonntag. Was im sächsischen Landtag in Dresden über gewisse Themen gedacht wird, interessiert Kirpal inzwischen dann aber doch.


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Robin Schmidt
Autor
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