So geht nachhaltig einkaufen wirklich
Die Schweizer kaufen in einschlägigen Supermarktketten ein, denn diese sind bequem und vergleichsweise günstig. Dass man auch gut ohne sie auskommen kann, beweisen aber immer mehr alternative Versorgungsmodelle, die nicht nur nachhaltiger, sondern auch überraschend genussvoll sind.
Regional, saisonal, nachhaltig – diese Wörter sind heute in aller Munde. Viele Schweizerinnen und Schweizer würden von sich behaupten, dass sie beim Einkauf Wert auf die Herkunft der Produkte legen. Wenn man genauer hinschaut, zeigt sich jedoch: Die Realität sieht anders aus. 70 Prozent der Einkäufe werden laut Umfragen in den zwei grössten Ketten des Landes getätigt. Auch wenn dort gerne mit «regional und saisonal» geworben wird, spiegelt sich das im Sortiment kaum wider. Es reflektiert selten, was gerade auf unseren Feldern wächst.
Wir haben uns daran gewöhnt, auch im Winter Zucchetti und Tomaten zu essen, und kaufen – abgesehen von einigen saisonalen Spezialitäten wie Spargel – fast immer die gleichen Produkte. Besonders im Winter wächst in der kalten Schweiz wenig, daher wird Ware aus aller Welt importiert. Es überrascht kaum, dass im Ausland produziertes Gemüse und Obst in der Regel einen grösseren CO2-Abdruck hat als das, was auf unseren Höfen angebaut wird. Zudem wird ausländische Ware oft unreif geerntet, um die langen Transportwege zu überstehen – und das meist von unterbezahlten Erntehelfern.
Doch selbst wenn man darauf achtet, im Supermarkt nur einheimische, vielleicht sogar biologisch produzierte Ware zu kaufen, unterstützt man damit Quasi-Monopole, die viel Macht besitzen. Die Supermarktketten können etwa den Produzenten diktieren, was sie in welchen Mengen anbauen sollen, und die Waren zu niedrigen Preisen abnehmen. Am Ende bleibt wenig für die Produzenten, die zudem das gesamte Risiko für eine mögliche Überproduktion tragen: Wird mehr geerntet, als mit dem Supermarkt vereinbart wurde, oder entspricht die Qualität nicht den Vorgaben, bleiben die Bauern darauf sitzen.
Unsere Abhängigkeit vom Supermarkt trägt also zu vielen bekannten Problemen bei: Food Waste, Klimawandel, niedrige Löhne für lokale Bauern und unmenschliche Arbeitsbedingungen für Landarbeiter. Und sie ist genussfeindlich, denn jeder, der einen Garten hat oder schon einmal auf dem Markt eingekauft hat, weiss: Nichts geht über lokale, vollreif geerntete Produkte.
Genussvolle Genossenschaften
Die gute Nachricht ist: Wer sich ein wenig organisiert, kann auch ohne Supermärkte gut leben. In Zürich gibt es zum Beispiel etliche Kooperativen, deren Mitglieder ihre Lebensmittelversorgung selbst organisieren. Mareike Biegert ist Genossenschafterin bei einer solchen Kooperative, Koop. Alle zwei Monate füllen sie und andere Mitglieder ein Bestellformular aus. Nur wenn genügend grosse Mengen der jeweiligen Produkte zusammenkommen, werden diese im Grossformat direkt bei Produzenten und Grossverteilern bestellt – so wird Food Waste verhindert, und Biegert erhält beste Ware zum kleinen Preis.
Einige Tage später findet die Verteilung statt: Die Mitglieder treffen sich im Vereinsraum, bringen Waage und Verpackung selbst mit und füllen aus grossen Säcken Mehl, Linsen, Haferflocken und Co. ab, was ihnen zusteht. «Natürlich ist das komplizierter, als auf dem Heimweg schnell in den Supermarkt zu gehen. Aber mittlerweile plane ich meine Einkäufe anders. Und wenn ich etwas dringend brauche, kann ich ja immer noch in einen Laden gehen», so Biegert.
Etwas unkomplizierter läuft es für die Mitglieder der Genossenschaft Grassrooted. Ihnen gehört der Laden «Rampe 5» im Zürcher Kreis 4. Das Ziel ist, faire und solidarische Landwirtschaft zu fördern und Food Waste zu vermindern. Die Genossenschafterinnen und Genossenschafter finanzieren das Projekt selbst und können mitbestimmen, was angeboten wird. Sie wissen im Gegenzug genau, von welchen Bauern ihre Lebensmittel stammen, und können sicher sein, dass diese eine faire Entlohnung für ihre Arbeit erhalten.
Aber auch Nichtmitglieder können von Grassrooted profitieren: Der Laden ist auch für sie geöffnet, zudem organisiert die Genossenschaft Sammelbestellungen, bei denen spezielle Produkte wie Zitrusfrüchte direkt bei Bio-Produzenten bezogen werden. Mitglied werden lohnt sich trotzdem: Gegen einen Anteilsschein und einen monatlichen Beitrag erhalten Mitglieder 25 Prozent Rabatt auf ihren Einkauf, den sie dank eines Türcodes 24 Stunden am Tag erledigen können.
Vorstandsmitglieder Janina Finger und Julia Huber betonen, dass die Flexibilität, immer einkaufen zu können, nur einen Teil des Reizes ausmacht, der Genossenschaft beizutreten. Vielen geht es auch um das Gemeinschaftsgefühl: «Viele Mitglieder möchten Teil von etwas sein. Hier wird nicht nur eingekauft, sondern auch die Nachbarschaft gepflegt», sagt Finger. Es geht zudem genauso um Genuss wie um Solidarität und Nachhaltigkeit: «Die Produktqualität, die wir anbieten, bekommt man im Supermarkt nicht. Die meisten Früchte und Gemüse, die man bei uns kauft, werden in der Nähe der Stadt angebaut und reif geerntet. So schmecken sie nicht nur besser, sie halten auch viel länger als Supermarktprodukte.»
Gemüse, Eier, Käse
Mit Landwirtschaft kennt sich Grassrooted-Mitglied Julia Huber sehr gut aus. Neben ihrer Rolle im Vorstand der Genossenschaft arbeitet sie auf dem Biohof Huebhof in Schwamendingen. Auch dort kann man aktiv werden: Gegen einen Jahresbeitrag an die Betriebskosten und ein paar Stunden Mitarbeit auf dem Hof erhält man 43-mal im Jahr einen Gemüsekorb, Früchte oder Eier. Dieses Prinzip heisst Solawi, kurz für «solidarische Landwirtschaft».
Es gibt heute viele ähnliche Projekte im Umkreis der Stadt. Auch Milchprodukte kann man aus Solawi beziehen, die Genossenschaft Basimilch stellt aus der Milch von vorbildlich gehaltenen Tieren Käse, Joghurt und Quark her. Vor Kurzem ist das Projekt auf den Herterenhof in Wettingen gezogen, wo die Kühe ihre Hörner behalten und ihre Kälber selbst aufziehen dürfen. Auch hier gibt es ein Abo, das die Mitglieder in verschiedenen Kühlschränken in Baden, Wettingen, Dietikon und Zürich abholen können – gegen einen Anteilsschein, einen Betriebsbeitrag und zwei Arbeitstage pro Jahr.
Nicht nur erhalten Mitglieder durch diese Solawi-Projekte hervorragende Produkte zu einem fairen Preis, sie lernen durch die Arbeit auf den Betrieben auch, wie Landwirtschaft funktioniert, und entwickeln so mehr Wertschätzung für ihre Lebensmittel und deren Saisonalität. Das ist besonders für Familien mit Kindern interessant. So lernt der Nachwuchs, dass Genuss und soziale Verantwortung Hand in Hand gehen können. Wer selbst aktiv werden möchte, kann sich nicht nur bei einem Solawi-Betrieb in der Nähe engagieren, sondern auch selbst eine Kooperative gründen. Koop.cc und pot.ch sind zwei Plattformen, die dabei unterstützen. So macht man den ersten Schritt in Richtung nachhaltige und genussvolle Einkaufszukunft.