Im Living Hotel De Medici in Düsseldorf wird Kunst unmittelbar erlebbar.
© Christian Behnke
Schlereth über Kunst in Gastronomie/Hotellerie: »Für mich sind die Hotels die Bühne, auf der unsere Teams agieren«
Kunst und Gastronomie beziehungsweise Hotellerie passen für Max Schlereth, Inhaber der Living Hotels, wunderbar zusammen, aber nicht nur als Dekoration. Im Interview spricht er über Kunst als eine Art des Auf-die-Welt-zugehens und auf Dinge und Themen, mit denen man im unternehmerischen Umfeld zu tun hat.
von Alexandra Embacher
24. August 2023
Für Max Schlereth sind Kunst und Kultur Teile der Gesellschaft. Kein Wunder, dass in seinen Living Hotels Kunstgegenstände in den Lobbies, den öffentlichen Räumen sowie den Zimmern präsent sind. Im De Medici Haus in Düsseldorf ist sogar ein Teil der Privatsammlung ausgestellt, Kunst soll erlebbar sein, das Hotel ein Kunstmuseum mimen. Dabei hat der Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph nicht nur die Funktion als Inhaber der Living Hotels inne, sondern zeichnet auch als Präsident der International Society of Mozarteum University Salzburg verantwortlich. Ein Interview über Kunst, die auch durchaus nicht offensichtlich sein muss.
PROFI: Kunst und Gastronomie/Hotellerie: Wie passt das zusammen?
Max Schlereth: Bestens. Nur nicht primär und ausschließlich im Verständnis von »Kunst als Dekoration«. Für mich ist Kunst eine Art des Auf-die-Welt-zugehens und auf Dinge und Themen, mit denen man in seinem unternehmerischen Umfeld zu tun hast.
Dabei kann beziehungsweise sollte man auf zwei Arten Zugang zu dem Hauptgegenstand des eigenen Tuns finden. Es gibt einerseits den klaren, scharfen, analytischen Blick auf die Dinge. Sprich, passen die Inhalte zusammen, steht die Struktur und greifen alle Rädchen ineinander. Dann gibt es den intuitiven, präreflexiven, vorverstandes-mäßigen Zugang. Intuition ist ja etwas zu wissen, ohne das Wissen benennen zu können. Sobald man in einem Umfeld ist, wo alles bekannt ist und sich nicht viel verändert, ist die Intuition vernachlässigbar. Solange aber das Spielfeld nicht definiert ist, ist man ohne Intuition unfähig.

© Christian Schneider
Und wenn nur eines der beiden greift?
Wenn rein das Künstlerische greift, dann ist oftmals nicht vorrangig eine klare Zielorientierung vorhanden, das Thema verflüchtigt sich, es besteht die Möglichkeit, dass wir beim Kumbaya landen (lacht) und dann funktioniert das große Ganze nicht. Die andere Herangehensweise konzentriert sich vorrangig eher auf starre Strukturen, die sich reproduzieren und so auch nicht in the long run überleben, denn wenn sich die Struktur selbst nicht verändert und in sich verhaftet bleibt, dann wird sie irgendwann vom Umfeld geschluckt und zerbricht. Darum braucht es unbedingt beide Pole: die Struktur, die das kurzfristige Überleben sichert und den intuitiven, sich stetig wandelnden Part, der das langfristige, nachhaltige Überleben garantiert.
Kunst ist in diesem Kontext die Essenz des anderen Zugehens auf die Dinge, so dass Mutation und Weiterentwicklung überhaupt erst möglich gemacht werden kann … und letztendlich entscheiden. Wenn man also beide Faktoren zusammennimmt, dann wird ein ganzer Schuh daraus. Denn dann trifft bei der Dienstleistung die unermessliche Vielschichtigkeit eines Menschen auf einen Rahmen. Daraus entsteht Authentizität, die sich wiederum durch die Bühne, also in unserem Fall den Hotels äußert und darüber kommen Kunst und Hotellerie zusammen.
Wie können beide voneinander profitieren?
Einerseits gar nicht, weil es hier ja nicht um Profit geht. Aber zusammen bedingen sie sich. Das eine kann nicht ohne das andere. Darum ist für mich auch Kultur ein Teil der Gesellschaft und das, was die Gesellschaft ausmacht.
Wie wird in den Living Hotels Kunst umgesetzt, wenn nicht gar gelebt?
Kultur ist für mich schon sehr früh da gewesen, weil ich immer von Kunst umgeben war. Darum haben wir durchaus auch Kunstgegenstände in unseren Lobbies, den öffentlichen Räumen sowie in unseren Zimmern – das ist die dekorative Seite. Mit unserem De Medici Haus in Düsseldorf hat unser Vater sogar ein ganzes Hotel gestaltet, in dem ein Teil seiner beträchtlichen Kunstsammlung ausgestellt ist, so dass Kunst ganz ungezwungen und mittelbar erlebbar wird. Das De Medici ist hierzulande das erste Kunstmuseum, in dem man auch schlafen kann und wird darum auch gerne Little Louvre am Rhein genannt.
Für mich ist Kunst ein ästhetisches auf die Welt zugehen. Darum gibt es bei uns innerhalb der Unternehmensgruppe auch keine zig Standards, die die Mitarbeiter:innen auswendig zu lernen haben, ebenso wenig wie klassische Personalbewertungen. Für mich sind die Hotels die Bühne, auf der unsere Teams agieren. Sie sind die Hauptakteur:innen und zusammen mit dem Gast das Stück. Es kommt darauf an, wie und dass wir die Menschen sehen und sie so einsetzen, dass sie mit ihren Fähigkeiten Erfolge erzielen – für sich selbst und das Unternehmen. Man braucht also den Rahmen und das richtige Team, in dem jede/r den Platz hat, der ihm/ihr entspricht. Darum setzen wir auf individuelle Persönlichkeitsentfaltung, führen sogenannte Porträtgespräche und geben unseren Leuten zum Beispiel Schauspielunterricht, so dass sie ihre eigene Person zur Geltung bringen und sich selbst besser entdecken können: nicht beliebig, sondern im Rahmen der Rolle, die jeder spielt. Diese Entwicklung zu sehen, also die zunehmende »Bühnenreife« für jede/n Einzelne:n, für das Miteinander mit den Gästen und wie dadurch die Hotels mit echtem Leben gefüllt werden, das bereitet mir unglaublich viel Freude.

© Christian Behnke
Haben Sie Praxistipps, wie Kunst und Gastronomie/Hotellerie miteinander verbunden werden können?
Eine organische Verbindung entsteht, indem man das Ritualisierte, das Starre wegnimmt und Raum für Entfaltung schafft – nicht so, dass jede:r alles darf, sondern, dass das Hotel als Bühne gesehen wird, auf der die Mitarbeiter:innen wie in einem Stück agieren. Wenn man dann noch versucht, neben dem rationalen auch einen ästhetischen Zugang zu finden, so dass beide Welten ineinander fließen, dann kann hieraus eine sehr schöne und ziemlich unverwechselbare Symbiose entstehen.
Dabei ist mir wichtig, ganz bewusst auf die Menschen als Hauptakteur:innen zu setzen und dabei durchaus auch mal Fehler geschehen zu lassen, weil man daraus einerseits am besten lernt und es so andererseits menschlich bleibt. So können jederzeit unerwartete Begegnungen und Ereignisse entstehen, die das Potential haben Menschen zu berühren – den/die Mitarbeiter:in selbst und den Gast. Anstatt also aus einem Hotel rein eine Galerie zu formen, gefällt mir der Ansatz viel besser, aus dem gegenseitigen Erlebnis auf der Bühne Hotel selbst viele kleine Kunstwerke entstehen zu lassen.
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