Ode an die »Haaße«: Das Fotoalbum der Wiener Würstelstände
In prominenter Besetzung feierte man bei Radatz im Zweiten Bezirk die Wurstkultur: Die Neuauflage von Stefan Oláhs »Fünfundneunzig Wiener Würstelstände« passt zur laufenden Bewerbung als immaterielles Weltkulturerbe.
Der Zeitpunkt war perfekt. Denn längst ist der 2013 erstmals aufgelegte Würstelstand-Bildband Stefan Oláhs vergriffen. »>Fünfundneunzig Wiener Würstelstände< wurde teils um utopische Summen von 90 Euro und mehr gehandelt«, so der Fotograf. Doch der Würstelstand als Thema hat auch durch die mögliche Aufnahme in die Liste des UNESCO-Kulturerbes neuen Drive bekommen. Darum bemüht sich ja ein Verein bekannter Standler wie Patricia Pölzl (»eh scho wuarscht«), René Kachlir (»Zum scharfen René«) und Josef Bitzinger (»Bitzinger an der Oper«). Letzterer war auch in die Radatz-Filiale am Karmelitermarkt gekommen, wo prominent auf die neue Auflage von Oláhs Buch angestoßen wurde. Das 160 Seiten starke Opus ist im Verlag Anton Pustet erschienen und kostet 28 Euro.
Die »infra-ordinären« Stadtmöbel
Tourismus-Staatssekretärin Susanne Kraus-Winkler, Schauspieler Hanno Pöschl, MAK-Direktorin Lilli Hollein, Steak-Meister Michael Grossauer (»El Gaucho«), Käse-Guru Christian Pöhl oder Fleischer-Innungsmeister Horst Stierschneider folgten dem Ruf des Würstelstands. »Der gehört zu Wien wie der Heurige und das Kaffeehaus«, unterstrich Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, »an den Würstelständen wird geredet, gelacht und das Leben geteilt«. Diese soziale Rolle, die über das reine Verköstigen hinausgeht, bekräftigte Hausherr Franz Radatz, der mit Co-Geschäftsführer Thomas Zedrosser die Neuauflage unterstützt hatte: »Der Würstelstand ist eine Oase, wo der Schmäh rennt und der Geschmack der Stadt genossen werden kann.«
Neben den 95 Porträts der Standln aus ganz Wien findet sich auch ein kulturhistorischer Essay von Sebastian Hackenschmidt und ein Kurz-Beitrag des »Eat Art«-Künstlers Daniel Spoerri im Band. Kunsthistoriker Hackenschmidt hat u. a. die Erwähnungen des Würstelstands in Parlamentsdebatten und der Literatur (Jura Soyfer, H.C.Artmann) gesammelt. Für ihn sind die Würstelstände aber auch ein »infra-ordinäres« Stadtmobiliar; man kann sie leicht übersehen und doch haben sie eine wesentliche Funktion.
Fotografiert hat sie Stefan Oláh auch bewusst im Zusammenspiel mit den städtischen Strukturen – Kabelführungen der Straßenbahnen sind zu sehen, Gäste aber nie. »Ohne Romantik« hielt er die »Hot 95«, so der englische Titel des zweisprachigen Buchs, fest.
Standl-Stars auch für Zuhause
»Wo man in Wien habert und der Schmäh rennt«, wie Franz Radatz jun. den Würstelstand charakterisierte, liefert sein Familienunternehmen oft auch das geschmackliche Fundament. Und so sorgten Waldviertler, Bratwurst und natürlich die Käsekrainer – eine Erfindung seines 2022 verstorbenen Vaters – für die Verpflegung bei der Buch-Vorstellung. Und von Radatz kam auch eine kleine, flankierende Publikation. Christian Seiler stellt in der Broschüre »Die großen sechs Wiener Würstelstand Würstel« vor. Anekdoten und Herkunft von Klobasse, Debreziner, Frankfurter, Käsekrainer, Waldviertler und Bratwurst gibt es für Kunden nachzulesen.
Wer sich die »Haaße« auch daheim schmecken lassen will, kann das mit die »Fünf vom Würstelstand« tun. Diese Kollektion an Spezialitäten (550 Gramm) umfasst Waldviertler, Burenwurst, Käsekrainer, Bratwurst und scharfe Käsekrainer. Damit man – ganz wienerisch gesagt – auch daheim »seinen Senf dazugeben kann«.