Sind Nahrungsergänzungsmittel überhaupt sinnvoll?
Ob Vitamine, Mineralien oder Superfood-Kapseln – Nahrungsergänzungsmittel versprechen mehr Energie, Gesundheit und ein längeres Leben. Aber stimmt das wirklich?
Weltweit greifen Millionen Menschen regelmässig zu Supplements – ob zur Stärkung des Immunsystems, zur Verbesserung von Schlaf und Stressresistenz oder zur Unterstützung von Knochen, Muskeln und Nerven. Eingenommen werden die Mittel in konzentrierter Form in abgemessenen kleinen Mengen, beispielsweise in Form von Tabletten, Kapseln oder Flüssigkeiten mit Dosierpipette.
Laut dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) sind Nahrungsergänzungsmittel (NEM) Lebensmittel und keine Heilmittel. Ein Heilmittel (auch Arzneimittel) ist ein Mittel oder eine Behandlung, die darauf abzielt, Krankheiten zu heilen, zu lindern oder die Beschwerden zu reduzieren, wie zum Beispiel Schmerzmittel, Antibiotika und Antidepressiva. Lebensmittel hingegen dienen der Ernährung und Versorgung mit Nährstoffen. Sie sind nicht dazu da, Krankheiten zu behandeln, sondern sollen den Körper allgemein gesund halten, etwa Joghurt, Apfelsaft und Proteinriegel. So betont das BLV, wer sich ausgewogen und abwechslungsreich ernährt, braucht in der Regel keine NEM.
Falstaff hat bei Tanya Ramstöck, Expertin für klinische Psycho-Neuro-Immunologie (kPNI), die in der Praxis «WinOrtho» in Winterthur arbeitet, nachgefragt, für wen NEM überhaupt sinnvoll sind. «Es gibt Menschen mit Polymorphismen – die Variation monogenetisch vererbter Merkmale (keine Gendefekte) – die es nötig machen, gewisse Substanzen in hoher Menge einzunehmen, weil der Körper die Stoffe nicht gut aufnehmen kann oder generell einen erhöhten Bedarf hat», erklärt Ramstöck. Schwangere, Stillende und Sportler:innen zählen beispielsweise dazu. Auch wenn sich der Darm entzündet, entstehen in der Aufnahme von Nährstoffen Engpässe – und eine erhöhte Zufuhr wird sinnvoll.
Typische Mängel
«Wenn wir uns den Nährstoffvorrat als grosses Fass vorstellen und dieses leer ist, weil unser Körper mehr verbraucht als wir zurückführen, reden wir im medizinischen Kontext von einer Therapie und nicht von einer Supplementation.» Als Beispiel nennt Ramstöck den häufig vorkommenden Eisenmangel bei Frauen. Bei jeder Menstruation verlieren Frauen Eisen. Wenn der Körper schon im Mangel ist und nur der tägliche Bedarf aufgefüllt wird, bleibt der Eisenspeicher weiterhin leer oder ungenügend gefüllt. In solchen Fällen gibt man häufig mehrere Infusionen, damit sich der Speicher wieder auffüllen kann.
Ein weiteres Beispiel für gezielte Supplementierung ist Vitamin D. «Wir hier in der Schweiz profitieren sicher von Vitamin D ab Oktober bis Ostern. Auch hier ist es aber wichtig, den Wert vorab zu bestimmen, denn zu viel Vitamin D kann auch schädlich sein», sagt die Expertin. Auch für Menschen mit veganer Ernährung gibt es klare Empfehlungen: Vitamin B12 ist ein Muss. «Die meisten sind sich dessen bewusst und supplementieren das bereits», so Ramstöck. Ohne B12 drohen auf Dauer nämlich ernste neurologische Schäden – doch wer gezielt substituiert, ist gut versorgt.
Was uns gut tut
Wer unsicher ist, welche Nährstoffe ihm fehlen könnten, muss nicht zwingend sofort zum Arzt oder zur Ärztin: «Man kann sich in jeder Apotheke oder Drogerie beraten lassen, wenn man nicht gleich einen Therapeuten oder eine Therapeutin aufsuchen möchte», rät Ramstöck. Einige Apotheken bieten sogar Schnelltests oder Laborkits an, um bestimmte Werte unkompliziert zu überprüfen.
Bevor man sich mit NEM auseinandersetzt, sollte man allerdings zuerst die Grundlagen überprüfen. «Schlaf ist nicht verhandelbar», bekräftigt Ramstöck. Wer regelmässig zu wenig schläft, kann dies mit NEM nicht kompensieren. Auch regelmässige Bewegung ist unerlässlich. Wer sich regelmässig bewegt, profitiert von den Botenstoffen, die der Körper produziert. «Die Muskeln produzieren einen wunderbaren Cocktail namens Myokine – diese hormonähnlichen Botenstoffe wirken antidepressiv, antientzündlich und antidiabetisch.»
Das soziale Umfeld spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. «Ein positives Umfeld beeinflusst unsere Gesundheit positiv», so Ramstöck. Und: Sich in der Natur aufhalten. «Das klingt zuerst etwas esoterisch, aber die Studienlage dazu ist beeindruckend.» Schon 1,5 Stunden im Wald beruhigen unser Stresssystem enorm. Ihr ganz persönlicher Tipp: Aufhören sich zu vergleichen. «Jede:r ist einzigartig und das ist auch gut so. Was wir uns selbst sagen, hat einen grossen Einfluss darauf, wie wir uns fühlen. Unser Gehirn hört uns zu.»
Welches Nahrungsergänzungsmittel ist für Sie unverzichtbar und wieso? Lassen Sie es uns wissen.