Die Sieger der Pinot Noir Trophy Schweiz 2025
Pinot Noir ist nicht nur die meistangebaute Traubensorte der Schweiz – die Schweizer Winzerinnen und Winzer kommen mit der grazilen Burgunderin auch überdurchschnittlich gut zurecht. Das beweisen die Top-Qualitäten, die hierzulande zu finden sind. Die diesjährige Falstaff Pinot Noir Trophy etwa wird von einer Doppelspitze mit je 97 Punkten angeführt.
Mit rund 3.649 Hektaren Rebfläche ist Pinot Noir heute die unangefochtene Nummer eins unter den Schweizer Rebsorten. Ein Titel, den sich die Sorte in den letzten zwei Jahrzehnten hart erkämpft hat. Um die Jahrtausendwende noch knapp hinter Chasselas liegend, überholte Pinot Noir die weisse Schweizer Paradesorte im Jahr 2014 und baute ihren Vorsprung seither kontinuierlich aus. Während Chasselas von etwa 4.200 Hektaren im Jahr 2000 auf heute 3.444 Hektaren schrumpfte – ein Rückgang von rund 18 Prozent –, entwickelte sich Pinot Noir deutlich stabiler. Rund sechs Prozent betrug ihr Rückgang im gleichen Zeitraum. Bringt man diese Entwicklung in Relation zur allgemeinen Schrumpfung der Schweizer Rebfläche von rund 1,6 Prozent in zehn Jahren, zeigt sich, dass er zwar moderater als bei anderen Sorten ist – aber dennoch bemerkenswert.
Qualität statt Quantität
Der Rückgang der Pinot-Noir-Rebfläche ist keineswegs Ausdruck einer Krise, sondern vielmehr ein Zeichen eines Paradigmenwechsels: Qualität vor Quantität, lautet heute die Devise. Die Zeiten, in denen aus Pinot Noir – respektive Blauburgunder – zum grössten Teil einfache Landweine hergestellt wurden, sind längst vorbei. Hinzu kommt in letzter Zeit der Erfolg der pilzwiderstandsfähigen Sorten, die oft zugunsten des anfälligen Pinot Noir zum Zuge kommen – insbesondere die Sorte Divico gewinnt Jahr für Jahr an Terrain. Doch wie ein Blick auf die Falstaff-Verkostungen zeigt, erreichen die Piwi-Sorten längst nicht die Qualität klassischer Sorten wie Pinot Noir. Vielleicht müssen sie das auch nicht, wenn sie an Stelle von Reben gepflanzt werden, aus deren Ernte die besagten Landweine entstanden sind.
Die diesjährige Falstaff Pinot Noir Trophy unterstreicht eindrucksvoll, welche Spitzenleistungen Schweizer Winzer mit der Sorte Pinot Noir erzielen. Gleich zwei Weine teilen sich mit je 97 Punkten den ersten Platz – rekordverdächtig! Der Pur Sang 2022 der Domaine de Chambleau aus Neuenburg ist ein Wein, der seit Jahren zur absoluten Spitze der Schweizer Pinots Noirs gehört. Louis-Philippe und Valérie Burgat, die das malerische Gut oberhalb von Colombier bewirtschaften, haben sich in den letzten anderthalb Jahrzehnten einen Namen als Pinot-Noir-Spezialisten gemacht. Louis-Philippe und Valérie Burgat haben nach der Übernahme des Weingutes 2001 entschieden, nicht mehr länger an die Genossenschaft zu liefern, sondern die Weine selbst zu keltern und auszubauen – eine Entscheidung, die sich als goldrichtig erwiesen hat. Der Pur Sang, benannt nach dem französischen Begriff für Vollblut, ist das Aushängeschild des Hauses: ein Wein von aussergewöhnlicher Eleganz bei hoher Dichte und Kraft. Als Teil der Mémoire des Vins Suisses hat dieser auch schon mehrfach sein überdurchschnittliches Reifepotenzial unter Beweis gestellt.
Ebenbürtig präsentiert sich der Pinot Noir Barrique 2023 von Lüthi Weinbau aus Männedorf am Zürichsee. Rico und Susan Lüthi bewirtschaften gerade einmal zwei Hektaren Rebland an den Stäfner Top-Lagen Ueriker Risi, Sternenhalde und Lattenberg – doch was auf dieser kleinen Fläche entsteht, sucht seinesgleichen. Jeder Arbeitsschritt wird in sorgfältiger Handarbeit ausgeführt, vom Rebberg bis in den Keller. 2023 wurden die Lüthis am Mondial du Pinot mit dem Gran Maestro Award ausgezeichnet, der für Stilistik, Konstanz und Qualität von drei aufeinanderfolgenden Jahrgängen verliehen wird. Ihr aktueller Barrique-Pinot mit 97 Punkten bestätigt diese Auszeichnung eindrucksvoll: ein Wein von filigraner Eleganz, mit perfekt reifer Frucht und subtiler, harmonischer Struktur.
Auf dem zweiten Platz folgt eine echte Überraschung: Der Pinot Noir Fergettli 2024 von Clos Vert. Das junge Trio Helena Hebing, Noel Urwyler und Thomas Wehrlin gründete ihren Betrieb erst im Frühjahr 2024 und machen bereits mit einem Erstling von sich reden. Die Trauben für den Pinot Noir Fergettli stammen von über 30-jährigen Reben mit reduziertem Ertrag aus der Steillage Fergettli in Twann am Bielersee. Die Arbeit in dieser Steillage ist laut Aussage der Weinmacher Knochenarbeit: Gute Wanderschuhe gegen das Abrutschen, Handarbeit an jeder Pflanze und Schweiss auf dem Rücken sind hier der Preis für erstklassige Trauben. Doch die Mühe lohnt sich, wie dieser Wein eindrucksvoll beweist! Ein absolut elegantes, eigenständiges Gewächs, das die Verkoster auf Anhieb geschlossen begeisterte.
Das Terroir macht's
Es ist einigermassen überraschend, dass keiner der drei Siegerweine in diesem Jahr aus der Bündner Herrschaft stammt. Dies ist einerseits dem schwierigen Jahrgang 2023 in der Region geschuldet, aus dem viele der eingereichten Weine stammen, andererseits der Tatsache, dass viele Schweizer Weinregionen in den vergangenen Jahr beim Pinot kräftig zugelegt haben. Und was verbindet diese drei Siegerweine? Es ist die Nähe zu Schweizer Seen. Der Pur Sang wächst in sanften Hängen oberhalb des Neuenburgersees, der Lüthi-Pinot an den Ufern des Zürichsees, und der Clos Vert-Wein an den steilen Rebbergen über dem Bielersee.
Diese Nähe zum Wasser ist kein Zufall: Die Seen wirken als Klimapuffer, mässigen Temperaturextreme und schaffen ideale Bedingungen für die anspruchsvolle Sorte. Besonders im Herbst, wenn kühle Nächte und sonnige Tage die Trauben langsam zur Vollreife bringen, spielen die Seen ihre Stärken aus. Die drei Siegerweine der Falstaff Trophy 2025 zeigen exemplarisch, welche Vielfalt die Sorte in den verschiedenen Terroirs der Schweiz hervorbringen kann und wohin die Reise gehen kann und muss: zu Weinen von aussergewöhnlicher Präzision, Eleganz und Tiefe. Weine, die ihre Herkunft nicht verleugnen, sondern stolz zur Schau tragen. Weine, die beweisen, dass Pinot Noir in der Schweiz nicht nur eine Rebsorte ist, sondern ein Stück Identität. Die Königin hat ihr Reich gefunden – und sie regiert mit unbestrittener Eleganz.