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Die heutigen Piwi-Weine müssen sich bei Weitem nicht mehr verstecken. Das liegt an neuen Sorten, aber auch und vor allem am Know-how der Winzer, das in den letzten Dekaden stetig gewachsen ist und weiterwächst.

Die heutigen Piwi-Weine müssen sich bei Weitem nicht mehr verstecken. Das liegt an neuen Sorten, aber auch und vor allem am Know-how der Winzer, das in den letzten Dekaden stetig gewachsen ist und weiterwächst.
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Warum immer mehr Winzer auf Piwis setzen

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Pilzwiderstandsfähige Rebsorten – kurz Piwis – sind auf dem Vormarsch. Lange Jahre eilte den menschgemachten Sorten der Ruf voraus, dass die daraus resultierenden Weine im Glas wenig hergeben. Ihrem Erfolg tat dies keinen Abbruch. Was sind die Vorteile der neuen Sorten? Und warum werden sie von immer mehr Weinmachern angepflanzt?

Die Rebparzelle, die vor uns liegt, kommt einem ­Orakel gleich. Einem Blick in die mögliche Zukunft des Weinbaus. Sie befindet sich in Uesslingen, im Kanton Thurgau in der Schweiz, und schaut auf den ersten Blick ziemlich gewöhnlich aus. Auf den zweiten ist sie aber alles andere als das. Als Erstes fallen uns die Rebstöcke auf, deren Stämme dem bei Weitem nicht kurz geratenen Winzer Roland Lenz bis zur Schulter reichen, dann die Haselnusssträucher und die Maulbeerbäume, die in den Reb­zeilen zwischen den Rebstöcken zu entdecken sind. Rund um die Parzelle gedeihen Bäume, Hecken und Sträucher, zwischen den Rebzeilen wächst Hanf. »So, wie diese Parzelle aussieht, stellen wir uns ­Diversität vor«, erklärt Lenz. Und die ist für ihn entscheidend, wenn es um den ­Anbau von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten – kurz Piwi – geht. ­Piwi-Sorten sind, ganz einfach erklärt, Rebsorten, die so gezüchtet ­wurden, dass sie weitestgehend gegen die Pilzkrankheiten ­Oidium und ­Peronospora – den Echten und Falschen Mehltau – ­resistent sind.

Ganz im Gegensatz zu den sogenannten Europäersorten, zu denen im Grunde alle bekannten und tief in unserer Weinkultur verankerten Rebsorten zählen. Pinot Noir etwa, ­Grüner Veltliner, ­Riesling oder Merlot, um nur einige wenige zu nennen. Um Weinreben vor den genannten Pilzkrankheiten zu schützen, müssen Winzer Pflanzenschutzmittel spritzen, egal ob sie biologischen oder konventionellen Anbau betreiben. Hat der Winzer aber ­Piwi-Sorten in seinen Reb­bergen gepflanzt, lassen sich ­diese Maßnahmen je nach Sorte um bis zu 80 ­Prozent oder mehr reduzieren. Das ­bedeutet nicht nur eine ­Verringerung der reinen Spritzmittelmenge, sondern auch weniger Durchfahrten mit dem Traktor und somit weniger CO2-Ausstoß sowie eine geringere Bodenverdichtung. Auch die Produktionskosten sinken. Diese Vorteile erkennen in den letzten Jahren immer mehr ­Produzenten in Deutschland, ­Österreich und der Schweiz und wagen sich an den Anbau der resistenten Sorten.

Aktuell liegt ihr Anteil in Deutschland bei rund vier Prozent, in Österreich bei etwa zwei Prozent und in der Schweiz bei etwa 3,5 Prozent der Gesamtrebfläche – Tendenz steigend. In der Schweiz wird der Umstieg auf Piwi-Sorten seit letztem Jahr sogar staatlich unterstützt. »Weinbauern erhalten 30.000 Franken pro ­Hektar, wenn sie auf Piwi-Sorten umstellen«, ­berichtet Lenz, der auch als Präsident der ­Vereinigung Piwi Schweiz aktiv ist.

Next Generation

Hier sieht er aber auch Herausforderungen, denn vielen Winzern fehlt heute noch das Know-how, was den Anbau der Sorten angeht. Sie erwarten zum Teil, dass Pflanzenschutzmaßnahmen mit der Umstellung obsolet werden, und sind dann häufig enttäuscht, wenn die Reben nicht mitspielen. Das liegt zum einen an den Rebsorten, denn jene Piwi-Sorten, die heute in aller Munde sind, stammen aus den ersten Züchtungsgenerationen und sind genetisch nicht optimal gegen Pilzkrankheiten abgesichert. Hierzu gehören beispielsweise Sorten wie Cabernet Blanc und Souvignier Gris, die vor rund 30 Jahren entstanden, aber auch neuere Sorten wie Divico oder Divona. »Diese Sorten muss man begleiten, damit sie funktionieren«, erklärt Lenz und meint damit, dass sie ein- bis zweimal während der Vegetationsperiode behandelt werden müssen. Rund zehnmal weniger, als Lenz in diesem Jahr seine Müller-Thurgau-Parzelle mit Schwefel und Kupfer behandeln musste, um sie vor Peronospora und Oidium zu schützen. Die Blauburgunderparzelle eines konventionell arbeitenden Winzerkollegen direkt unterhalb hat es besonders stark erwischt: Sie trägt in diesem Jahr gar keine Trauben.

Diversität als Schlüssel

Ein weiterer Faktor, der dazu führt, dass im Grunde resistente Sorten einbrechen, ist die eingangs erwähnte fehlende Diversität im Rebberg. Pilzkrankheiten finden in Monokulturen, zu denen das Gros der weltweiten Rebflächen nun mal gehört, hervorragende Bedingungen, um maximalen Schaden anzurichten. Nach Lenz’ Erfahrungen lässt sich der Krankheitsdruck durch Diversität jedoch drastisch mindern. Ein Konzept, das auch bei Europäerreben von Nutzen sein könnte. »Anstatt zwei Hektar mit einer Rebsorte wie Muscaris zu bepflanzen, sollte die Fläche in mehrere Parzellen mit maximal 1500 Rebstöcken derselben Sorte aufgeteilt werden. Das wirkt Wunder!«, erklärt Lenz.

Rund sieben Hektar seiner 27 Hektar Betriebsfläche hat er mittlerweile wie eingangs beschrieben umgestellt. Obwohl auf diesen Flächen ein Drittel weniger Rebstöcke stehen, wurde die Produktionsmenge nicht nach unten korrigiert. Die verbliebenen Rebstöcke produzieren heute auf zwei Etagen und dank rund 5,5 Prozent Humusgehalt im Boden dieselbe Menge Trauben. Effiziente Produktionsbedingungen, die für das Lianengewächs laut Lenz eine Befreiung darstellen.

Alfred Ploder vom Weingut Ploder-Rosenberg aus der Steiermark begann im Rahmen der Umstellung auf biodynamischen Anbau des Betriebs, um die 2000er-Jahre mit Piwi-Sorten zu arbeiten. Heute machen sie rund 70 Prozent der gesamten Betriebsfläche aus. »Die Namen werden geläufiger, und immer mehr Kunden können mit den Weinen etwas anfangen«, berichtet er.

Durchaus kritisch sieht er heute die Piwi-Sorte Blütenmuskateller, die zwar durch spektakuläre Aromen begeistert, jedoch sehr anfällig für die Schwarzholzkrankheit ist. »Wenn wir eine Pflanze genauso behandeln müssen wie Grauburgunder, ist sie nicht die Richtige«, stellt Ploder fest.

Bei Ploder-Rosenberg verfolgt man die Philosophie, dass die richtige Rebsorte am richtigen Ort stehen muss. Das heißt, man will nicht mit immensem Aufwand dafür sorgen, dass Rebsorten überhaupt Trauben produzieren oder überleben können, sondern Sorten finden, die mit den spezifischen Gegebenheiten zurechtkommen. Was durchweg logisch klingt, ist im über Generationen angelegten Weinbau aber nicht selbstverständlich. Auch bei Ploder gibt es noch Parzellen mit Europäersorten, von denen man sich so schnell nicht trennen wird. Eine Morillon-Anlage aus dem Jahr 1987 etwa, die keine Ausfälle aufweist. »Die werden wir nicht anrühren. Warum auch?«, sagt Ploder und ergänzt, dass der Pflanzenschutzaufwand natürlich überhaupt nicht zu vergleichen sei.

Evolution im Weinberg

Auch in Deutschland ist der Markt für Piwis ein Wachstumssegment. Mittlerweile existiert sogar ein Fassweinmarkt für Sorten wie Cabernet Blanc, auch wenn »das noch überschaubar ist und nur einen Bruchteil von anderen Nebensorten wie etwa Gewürztraminer ausmacht«, wie der Kommissionär Tobias Stern aus Hochstadt in der Pfalz berichtet. Bei den Rebschulen machen Piwi-Sorten jedoch momentan einen bedeutenden Anteil ihres Umsatzes aus, die Winzer fragen vor allem Cabernet Blanc und Souvignier Gris für ihre Neuanlagen nach.

Für Souvignier Gris entschied sich der Ahrwinzer Oliver Schell, um einen Versuch im Dernauer Burggarten zu starten, also in einer Schiefersteillage, in der normalerweise Spätburgunder wächst. In dieser Parzelle, in der alles Handarbeit sei, nehme der Piwi im Sommer einigen Druck aus der Arbeitslast. »Andererseits: Nur weniger Pflanzenschutz, und dann schmeckt’s nicht, das bringt ja auch nichts.« Im Jahr 2023 reizten Schell und seine Lebensgefährtin Christin Robrecht daher die Reife des Souvignier aus: »Meine Freundin sagte: ›Lass ihn hängen und leg ihn ins Fass.‹« Das Ergebnis: Eine seidige trockene Auslese, bei aller Kraft beeindruckend nuancenreich und balanciert – und bei einem Flaschenpreis von 28 Euro innerhalb von vier Wochen ausverkauft.

»Wir fangen an, menschengemachte Evolution in die Rebgärten zu bringen«, so ordnet Benjamin Lanz aus Nonnenhorn am Bodensee den Anbau der Piwis ein. Lanz setzt in seinen Weinbergen zu 100 Prozent auf Piwis – und keltert aus ihnen ebenso komplexe wie Terroir-affine Einzellagen-Weine. Als Piwi-Dogmatiker möchte er sich trotzdem nicht verstanden wissen: »Ich bin primär Winzer, tagsüber bin ich gärtnerisch tätig, und abends will ich einen kulinarischen Schluck Wein im Glas haben.« Auch in der Welt der Piwis, so Lanz weiter, gebe es kein Zurücklehnen. So lässt er beispielsweise kleinere Infektionen bei seinen Reben wohlüberlegt zu, gewissermaßen als Resistenztraining für die Stöcke. »Die Natur verändert sich dauernd, die Pilze sind schnell.«

Perfekte Sorten

Wie die klimatischen Bedingungen haben sich in den letzten Dekaden auch die Züchtungsziele bei den Piwi-Sorten bedeutend verändert. Heute müssen sie nicht nur mindestens vierfach genetisch gegen die wichtigsten Pilzkrankheiten abgesichert sein, sondern auch resistent gegenüber der bedrohlichen Schwarzholzkrankheit, um in die nähere Auswahl zu kommen. Der Austrieb darf nicht zu früh stattfinden, damit die immer häufiger auftretenden Frühjahrsfröste keine Probleme bereiten, die Blattstellung soll den immensen Arbeitsaufwand für die Entlaubung verringern und natürlich muss die Weinqualität stimmen. »Im Grunde wollen wir eine Rebsorte, die möglichst wenig Arbeit bereitet und hochwertige Weine hervorbringt«, berichtet Lenz. Er weiß, wovon er spricht, denn seit gut zehn Jahren arbeitet er mit dem legendären Piwi-Rebzüchter Valentin Blattner zusammen und testet auf rund zwei Hektar seines Betriebs neue resistente Sorten.

Jedes Jahr hat er seitdem etwa 4000 Rebstöcke verteilt auf 100 verschiedene vielversprechende neue Sorten auf seinem Weinberg gepflanzt, um sie zu beobachten und auf Herz und Nieren zu prüfen. »Der Härtetest folgt im Versuchsfeld. Es gibt immer wieder Sorten, die in der Theorie, womit die Gentests gemeinst sind, gut abschneiden, dann aber im Feld einbrechen. Warum, wissen wir nicht«, sagt Lenz. Jährlich werden 2500 Stöcke, die über vier bis fünf Jahre beobachtet wurden und kein Potenzial zeigen, wieder gerodet. Eine Sisyphusarbeit, die erst nach mindestens zwölf Jahren ausgiebigen Testens Früchte trägt. Erst dann wird entschieden, ob eine Rebsorte wirklich geeignet ist und auf den Markt kommt. Just in diesem Moment wird also möglicherweise eine Rebsorte gekreuzt, die die Weinwelt nachhaltig verändern wird. Wer weiß.

Wichtige PIWI-Rebsorten

Divico
Die resistente Schweizer Züchtung ist die meistangebaute Piwi-Sorte der Schweiz. Die Weine sind dunkelfarbig und komplex, mit fruchtigen, floralen und würzigen Noten.

Cabernet blanc
In ihrem Duft erinnert die Sorte mit Noten von Paprika und Cassis an ihre Kreuzungsrebe Cabernet Sauvignon. Bei richtiger Reife und optimalem Terrain entwickelt sie eine gute Mineralität und Säurestruktur.

Regent
Der Regent ist die häufigste in Deutschland angebaute pilztolerante Rebsorte. Sie wurde 1967 am Geilweilerhof bei Siebeldingen gezüchtet und bringt würzig-fruchtige Rotweine hervor.

Roesler
Die meistangebaute Piwi-Sorte Österreichs ergibt dunkle, farbintensive Weine mit hohem Tanningehalt und vollmundigem Waldbeerenaroma.

Souvignier gris
Spannende Piwi-Sorte, die aromatisch von gelben Steinfrüchten und Gewürznoten geprägt ist und handfeste Weißweine hervorbringt.


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Erschienen in
Falstaff Magazin Schweiz Nr. 7/2024

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Dominik Vombach
Dominik Vombach
Chefredaktion Schweiz
Ulrich Sautter
Ulrich Sautter
Wein-Chefredakteur Deutschland
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