Schweizer Terroirsorte: Die Sieger der Chasselas Trophy 2025
Chasselas ist weder besonders aromatisch noch struktur- oder ausdrucksstark – und genau darum wird er als Terroirsorte geschätzt. Die alljährliche Falstaff-Verkostung beweist: Nie gab es mehr eigenständige, terroirgetriebene Chasselas-Weine als heute.
Terroir gehört zu den meistdiskutierten Weinbegriffen überhaupt. Als Terroirweine gelten Weine, die die besonderen Eigenschaften ihres Herkunftsortes in sich tragen und diese in Geschmack und Charakter widerspiegeln. Grundvoraussetzung, um diese Eigenschaft in einen Wein zu bringen, ist der Respekt vor dem Terroir – auch darüber herrscht in der Weinwelt Einigkeit. Zum Terroir gehören das Klima, die Bodenbeschaffenheit, die Topografie, aber auch die Arbeit des Winzers. Viele Verfechter des Konzepts betrachten Terroir als lebendige Einheit und weniger als Flickwerk einzelner Komponenten. Ein naturnaher Weinanbau und -ausbau ist ein wichtiger Schlüssel auf dem Weg zu einem Terroirwein. Nicht zu vernachlässigen ist dabei aber auch die Traubensorte, also die spezifische Gattung, die in der Lage ist, die Eigenschaften eines bestimmten Ortes in sich zu tragen. Es handelt sich um ein komplexes Zusammenspiel aus Umgebung und Traubensorte, meist braucht es eine lang gewachsene Verbindung, um die Grundlage dafür zu schaffen. Paradebeispiele für diese Verbindung aus Landschaft und Traubensorte sind das Burgund und Pinot Noir oder Chardonnay, die Mosel und der Riesling oder eben die Westschweiz und der Chasselas.
1612 wurde der Chasselas im Burgund erstmals schriftlich erwähnt – und zwar unter Namen wie Fendans, Fendant oder Lausannois, was darauf hinweist, dass er schon damals im Genferseegebiet angebaut wurde. Älteste Hinweise auf den Anbau von Weisswein am See – jedoch ohne die spezifische Sorte Chasselas – reichen gar zurück bis ins Jahr 1202. Chasselas gehört zu den alten Traubensorten unserer Welt und hat genetische Ähnlichkeiten mit den meisten alten Rebsorten des Alpenbogens – etwa Teroldego, Lagrein oder Altesse. Auf rund 35.000 Hektaren wird die Sorte weltweit zwar angebaut, jedoch werden die geernteten Trauben in den seltensten Fällen für die Weinproduktion eingesetzt – Chasselas ist eine beliebte Tafeltraube. Immerhin wird aber auch auf rund 4.000 Hektaren Chasselas in der Schweiz zur Weinbereitung kultiviert – im Weinjahr 2024 besetzte sie ganze 23,8 Prozent der Schweizer Gesamtrebfläche. Dass die Sorte gerade in der Schweiz derart beliebt und verbreitet ist, hat wiederum mit dem Terroir zu tun. Die klimatischen, geologischen und auch kulturellen Bedingungen sind in der Westschweiz ideal für die Sorte. Die Winzerinnen und Winzer haben über Jahrhunderte spezifisches Know-how entwickelt und die Rebsorte zu einem Teil der regionalen Identität und damit zu einem Teil des Terroirs gemacht.
Zugegeben: Chasselas hat nicht bei allen Weinliebhabern einen guten Stand, und angesichts des zuvor angeführten Burgundervergleichs dürften einige mehr als nur die Nase rümpfen. Zu säurearm, zu zurückhaltend, ja langweilig, so lauten die Urteile vieler. Und ganz von der Hand zu weisen sind diese Vorurteile nicht: Während ein Chasselas aus Massenproduktion tatsächlich im Glas sehr wenig hergibt, sind die Weine in der Spitze zwar immer noch polarisierend, aber ebenso faszinierend. Und das wiederum ist doch der beste Beweis dafür, dass es sich beim Schweizer Chasselas um eine Terroirsorte par excellence handelt.
Chasselas
Chasselas ist eine der ältesten und vielseitigsten Rebsorten der Welt und gilt als Symbol des Schweizer Weissweins. Neben ihrer Bedeutung für die Weinproduktion – vor allem im Waadtland, Wallis und Genf – wird Chasselas auch als Tafeltraube angebaut und ist weltweit als Speisetraube beliebt. Die Trauben sind saftig, süss und gut transportierbar, weshalb sie auf rund 20.000 Hektaren als Tafeltraube kultiviert werden – deutlich mehr als für Wein. Chasselas reift früh, ist ertragreich, aber anfällig für Krankheiten. Die Sorte passt sich hervorragend an verschiedene Böden und Klimata an und bringt so sehr unterschiedliche Weinstile hervor.
Die diesjährige Falstaff Chasselas Trophy lässt vermuten, dass immer mehr Winzerinnen und Winzer daran arbeiten, der Traubensorte den Raum zu lassen, um das Terroir ausdrücken zu können. Es kann kein Zufall sein, dass der erstplatzierte Wein, ein Fendant aus dem Jahr 2013 – ein gereifter Wein also – von einem der Pionierbetriebe des biologischen Anbaus im Wallis und der gesamten Schweiz stammt. Die Domaine de Beudon befindet sich auf einem Plateau oberhalb von Fully und ist nur mit der Seilbahn erreichbar. Die Weine von diesem Flecken Erde sind gehaltvoller als viele Weine im Tal, besitzen aber immer eine charakteristische Frische und Saftigkeit, was wiederum für eine grosse Langlebigkeit sorgt, wie man sie selten bei einem Fendant findet.
Auch der zweitplatzierte Wein – der Fendant L'Enfer du Calcaire Réserve Vieilles Vignes 2023 der biologisch arbeitenden Domaine Histoire d’Enfer – stammt von einem einzigartigen Terroir, von kalkhaltigen Lagen auf rund 500 bis 700 Metern über Meer bei Sierre. Die rauchige Kräuterwürze in diesem Wein sowie der absolut harmonische, mineralische Charakter am Gaumen zeugen von dieser edlen Herkunft.
Auf dem dritten Platz landete der Bayel Grand Cru 2024 der legendären Domaine de La Colombe von Familie Paccot aus Féchy. Ein weiterer legendärer Betrieb, der nicht nur zu den Vorreitern des zurückhaltenden Weinan- und Ausbaus gehört – seit 1999 arbeitet man nach biodynamischen Prinzipien –, sondern auch zu den kompromisslosen Herstellern von Terroirweinen. Der Bayel Grand Cru ist ein weitaus leichterer Wein als die Fendants aus dem warmen Wallis – ein Umstand, der wiederum zementiert, wie Chasselas seine Umgebung auszudrücken vermag. Bayel ist eine Lage auf einer Moräne aus Lehm, Sand und Kies, gut drainiert und belüftet. 25 bis 50 Jahre alte Chasselas-Reben sorgen hier für einen niedrigen Ertrag und trotz aller Frische für eine hohe Konzentration. Der Wein ist absolut faszinierend, subtil, aber vielschichtig, und am Gaumen mineralisch-salzig. Ein Weisswein der Extraklasse – nicht mehr und nicht weniger.
Top 3 Chasselas
Je nach Region bringt die weisse Schweizer Paradesorte unterschiedliche Weine hervor.
Lavaux
Die Chasselas-Weine der legendären Steillagen mit den Grand-Crus Dézaley und Calamin gelten als besonders hochwertig. Am steilen Hang direkt am See erreichen die Trauben hohe Reifegrade. Resultat: dichte, langlebige Weine mit Eleganz, Mineralität und blumig-nussigen Noten.
La Côte
Westlich des Lavaux entstehen leichte, fruchtige und zugängliche Weine. In Appellationen wie Féchy oder Mont-sur-Rolle trumpfen herausragende Chasselas mit Eleganz, Leichtigkeit und verblüffender Lagerfähigkeit.
Chablais
Heimat des bekanntesten Schweizer Weins Aigle Les Murailles. Die Chasselas-Weine am Ostufer des Genfersees gelingen frisch und filigran: Villeneuve produziert filigrane, Yvorne rassige, Aigle elegante Weine.
Wallis
Hier heisst Chasselas Fendant. Das wärmere Klima und die kargen Böden sorgen für rundere, fruchtigere Weine als im Waadtland. Fendant ist der klassische Begleiter zu Raclette und Fondue.
Drei-Seen-Region
In Neuchâtel, Vully oder Bonvillars gelingt frischer, leichter, mineralischer Chasselas. Auvernier gilt als legendär für besonders feine, mineralische Weine auf kalkhaltigen Böden. Der trübe Non Filtré aus Neuchâtel zählt zu den Erfolgsgeschichten des Schweizer Weins.
Genf
Auch hier gedeiht Chasselas hervorragend. Die Weine sind leicht und frisch mit dezenter Mineralität – ideal zum Apéro wie zum Essen.