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Forscher warnt: Warum das Kneipensterben der Demokratie schaden könnte

Gastronomie
Politik

Wenn von Kneipensterben die Rede ist, geht es meist um wirtschaftlichen Druck, veränderte Freizeitgewohnheiten oder steigende Betriebskosten. Der Politologe Oliviero Angeli lenkt den Blick nun auf einen anderen Aspekt: die gesellschaftliche Funktion von Gaststätten.

Wenn eine Kneipe schließt, verschwindet mehr als nur ein Ort für das Feierabendbier. Mit ihr geht oft auch ein Treffpunkt verloren, an dem Menschen ins Gespräch kommen. Ein Grund, warum der Dresdner Politologe Oliviero Angeli im fortschreitenden Kneipensterben nicht nur eine Herausforderung für die Gastronomie sieht, sondern auch für die Demokratie.

In einem Interview mit dem Mercator Forum Migration und Demokratie (MIDEM) beschreibt Angeli Kneipen als wichtige Orte der Begegnung. Hier werde zwar selten über die großen Konflikte der Weltpolitik diskutiert, aber dafür um unmittelbare Belange. Etwa den neuen Radweg, den Busfahrplan, steigende Mieten oder die Entwicklungen im eigenen Viertel.

Genau in diesen alltäglichen Gesprächen sieht der Forscher einen demokratischen Wert. Menschen begegnen sich nicht als Vertreter politischer Lager, sondern als Nachbarn, Kollegen oder Vereinsmitglieder. Der persönliche Austausch könne dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und die Sichtweisen anderer besser zu verstehen.

Verschiebung der Begegnungsorte

Da es scheint, dass spontane Begegnungen immer seltener werden, verlagern sich viele Diskussionen in soziale Netzwerke und digitale Foren. Dort bewegen sich Nutzer:innen häufig in Gruppen, in denen ähnliche Ansichten vorherrschen und bestehende Überzeugungen eher bestätigt als hinterfragt werden. Abweichende Meinungen stoßen nicht selten auf Widerstand oder werden aus Diskussionen ausgegrenzt. Hinzu kommt, dass die Anonymität des Internets die Hemmschwelle senken kann: Debatten werden schärfer geführt als bei einem direkten Gespräch von Angesicht zu Angesicht.

Der Politologe betont, dass Meinungsverschiedenheiten grundsätzlich ein wichtiger Bestandteil demokratischer Gesellschaften seien. Demokratie lebe davon, dass unterschiedliche Positionen offen diskutiert werden können. Problematisch werde es erst dann, wenn politische Gegner nicht mehr als legitime Gesprächspartner wahrgenommen würden und Kompromisse als Schwäche oder Verrat gelten.

Im internationalen Vergleich seien die Verhältnisse jedoch weiterhin weniger ausgeprägt als in den USA. Als einen Grund nennt Angeli das deutsche Mehrparteiensystem, das politische Konflikte auf mehrere Parteien verteilt und dadurch einer starken Lagerbildung entgegenwirken könne. Wie groß die Rolle der Kneipen für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt ist, lässt sich nur schwer messen. Für Angeli steht jedoch fest: Orte, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Überzeugungen regelmäßig miteinander ins Gespräch kommen, bleiben für eine demokratische Gesellschaft von enormer Bedeutung.

 


Redaktion
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