Kreativ, erfolgreich, innovativ: Die Frauen in der Champagne
Persönlichkeiten wie Veuve Clicquot, Louise Pommery, Lily Bollinger, Camille Olry-Roederer und Evelyne Boizel haben mit ihren Ideen die Champagne vorangetrieben. Heute stehen viele Frauen an der Spitze von Champagnerhäusern und Weingütern, die lange von Männern dominiert waren. Sechs Frauen in Führungspositionen berichten von der Leidenschaft zu ihrem Beruf und dem unternehmerischen Geschick, mit dem sie die Zukunft der Champagne gestalten.
Sandrine Logette-Jardin gehört zu den dienstältesten Kellermeisterinnen der Champagne. Sie begann ihre Karriere 1991 bei Duval-Leroy und stieg 2005 zur Chef-Önologin auf. Die Rolle der Frauen habe sich stark gewandelt: »Wir haben Positionen übernommen, die zuvor Männern vorbehalten waren«, erzählt sie. »Dabei ging es weniger um technische Fähigkeiten, sondern um die kulturelle Herausforderung, zu zeigen, dass eine Frau ein Champagnerhaus leiten kann, ohne dass die Qualität leidet.« Ihre Chefin Carol Duval-Leroy ist ein leuchtendes Beispiel. Sie übernahm das Unternehmen 1991 nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes und führte es erfolgreich weiter. Mittlerweile wird es von ihren beiden Kindern, Charles und Julie, geleitet.
Die Qualitätssicherung des Produkts liegt Logette-Jardin am Herzen. »Der Champagnerkonsument erwartet Qualität, die Duval-Leroy repräsentiert. Hier muss man täglich sein Können unter Beweis stellen.« Sie setzt auf Parzellenselektion und kleinere Vinifikationsbehälter aus Holz oder Edelstahl, um Terroir und Grundweine präziser herauszuarbeiten. »Wir verzichten auf Insektizide und Herbizide und setzen auf biologischen, nachhaltigen Anbau. Photovoltaikanlagen decken fast ein Drittel unseres Strombedarfs.«
»Abgesehen davon, dass ich keinen Anzug und keine Krawatte trage, sehe ich im Vergleich zu männlichen Kollegen keinen Unterschied in der Arbeitsweise.«
– Sandrine Logette-Jardin, Champagne Duval-Leroy
Zwar hat sich die Rolle der Frauen in der Champagne verändert – doch für Caroline Latrive, die Kellermeisterin bei Champagne Deutz, noch nicht genug: »Die gesellschaftliche Entwicklung hat dazu geführt, dass mehr Frauen als Direktorinnen oder Kellermeisterinnen tätig sind, aber von Parität sind wir weit entfernt.« Immerhin sei der Besuch von Studiengängen in Naturwissenschaften, Management und Önologie heute für Frauen Normalität – etwas, das vor 50 Jahren nicht selbstverständlich war.
Latrive wollte schon als Teenager in die Fußstapfen ihres Vaters treten. »Mit 14 oder 15 Jahren habe ich darüber nachgedacht, Önologie zu studieren. Mein Vater war überrascht, aber er hat mich ermutigt.« Wie viele Frauen in der Branche musste auch sie hart arbeiten. »Zu Beginn musste ich mehr als ein Mann beweisen, dass ich kompetent bin und die nötige Leidenschaft mitbringe. Diese Herausforderungen haben meinen Charakter geformt.« Viele Jahre lang war sie Chefönologin bei Champagne Ayala, bevor sie 2022 Michel Davesne bei Deutz nachfolgte.
»Im Hinblick auf den Klimawandel war die Erwärmung bisher eher vorteilhaft und hat zu einem höheren Reifegrad geführt«, erklärt sie. »In Zukunft könnte sich das Profil der Champagnerweine jedoch verändern. Wir sind aber gut mit anderen Fachleuten vernetzt und werden vom Comité Champagne hervorragend unterstützt, das kontinuierlich Daten sammelt, analysiert, plant und Lösungen entwickelt.«
»Es geht um Sensibilität, um Fähigkeiten, um Kompetenzen und vor allem um die Persönlichkeit jedes Einzelnen. Die Champagne lebt von der Vielfalt der Talente – unabhängig vom Geschlecht.« – Caroline Latrive, Champagne Deutz
Im Hause Laurent Perrier weht seit 2022 ein frischer Wind: Lucie Pereyre de Nonancourt, die neue Botschafterin des Prestige-Cuvées »Grand Siècle«, bringt Impulse. Obwohl sie weder Kellermeisterin noch Direktorin ist, spielt sie eine zentrale Rolle. Ohnehin haben in dem traditionsreichen Champagnerhaus die Frauen das Sagen. An Lucies Seite stehen ihre Mutter, Alexandra Pereyre de Nonancourt, und ihre Tante, Stéphanie Meneux de Nonancourt, die das familiengeführte Unternehmen erfolgreich leiten.
Die Veränderung der Konsumgewohnheiten sieht Pereyre de Nonancourt als positiven Trend für die Zukunft: »Champagner wird inzwischen als echter Wein wahrgenommen und hat dadurch einen festen Platz am Tisch der Verbraucher erobert.« Das steigende Wissen der Konsumenten trage zu einer größeren Wertschätzung und Nachfrage nach hochwertigen Cuvées wie etwa unserem Grand Siècle bei«, sagt sie.
Zur Veränderung im Rollenverhalten von Frauen sagt Pereyre de Nonancourt: »Die Frauen von früher hatten oft keine Wahl, ihren beruflichen Werdegang selbst zu bestimmen und in einer Männerdomäne anzutreten. Heute ist das anders. Immer mehr Frauen übernehmen Führungsrollen, sei es im Büro, Keller oder Weinberg«. Diese Frauen sind gut ausgebildet und wählen bewusst eine Karriere in der Branche. Doch die Herausforderungen bleiben: »Es geht nicht nur um die Führungsrolle, sondern auch um Anerkennung und Gleichberechtigung.«
»Ein Team wird von vielen getragen, unabhängig von Geschlecht oder Ausbildung. Getreu dem afrikanischen Sprichwort: Wenn du schnell gehen willst, geh allein; wenn du aber weit gehen willst, lass uns zusammen gehen.« – Lucie Pereyre de Nonancourt, Laurent-Perrier
Carole Doyard aus Vertus an der Côte des Blancs übernahm 2005 das Familienweingut Doyard-Mahé von ihrem Vater. Heute führt sie das sechs Hektar große Gut in der vierten Generation als Direktorin, Weinmacherin und Managerin. Ihre Laufbahn wurde stark vom Vater geprägt. »Er hat mich als Frau in die Weinwelt eingeführt und das niemals infrage gestellt. Dadurch konnte ich mich ohne große Schwierigkeiten in diesem von Männern dominierten Umfeld integrieren.« Sie sieht es als Herausforderung, »den gesamten Prozess der Champagnerherstellung zu beherrschen – vom Boden bis zur Rebe, von der Weinbereitung bis zur Vermarktung. Als Betriebsleiterin und Weinmacherin muss ich oft spontan neue Aufgaben übernehmen.«
Beim Ausbau ihrer Champagner legt sie Wert auf Sorgfalt und Geduld. »Ich arbeite nicht mit Amphoren, Eiern oder ähnlichen Gefäßen. Ich halte keine Schafe oder Dromedare in meinen Weinbergen, und meine Jahrgangsweine lasse ich nicht fünf Jahre auf der Hefe reifen. Ich liebe Frische, Spannung, Mineralität, Eleganz.« Und: »Ich möchte meiner Philosophie treu bleiben: Authentizität und Qualität.« Für Doyard darf Champagner nicht nur besonderen Anlässen vorbehalten sein. »Wir sollten dieses magische Getränk demokratisieren.«
»Heute fragen mich auch Männer um Rat, obwohl das oft als Schwäche angesehen wird. Wir alle sind als Menschen ein Teil der Champagne.« – Carole Doyard, Champagne Doyard-Mahé
Mélanie Tarlant leitet das 15 Hektar große Weingut Champagne Tarlant im Vallé de la Marne mit ihrem Bruder Benoît. Dabei versuchen beide so oft wie möglich ihre Rollen zu tauschen, um in allen Bereichen des Weinbaus vielseitig zu bleiben. »Meine Wurzeln, meine Heimat sind die Champagne. Dies ist mir nach einem Auslandsaufenthalt klargeworden,« erklärt sie. »Hier wollte ich arbeiten und den Familienbetrieb mitgestalten.«
Für sie sind die drei wichtigsten nachhaltigen Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung in ihrem Weingut die Erhaltung und Förderung alter Rebsorten – insbesondere Petit Meslier –, die langfristige Praxis des sanften Beschneidens und Ausbrechens im Einklang mit dem Saftfluss der Rebe sowie die Anlage von vielfältiger Begrünung und Mulch zwischen den Rebzeilen.»Unser Ziel ist es, die Biodiversität im Boden zu fördern, große Temperaturschwankungen auszugleichen und die Fortpflanzung der dort lebenden Fauna zu unterstützen.«
Besonderen Wert legt Tarlant darauf, einer breiteren Öffentlichkeit die Region Champagne näherzubringen – insbesondere der jungen Generation. Sie möchte zeigen, was die Champagne so besonders macht und wie viel Handarbeit sowohl im Weinberg als auch im Keller dahintersteckt. Zudem betont sie die Bedeutung nachhaltiger Arbeit für den Erhalt unseres Planeten. »Der Respekt vor der Natur, dem Produkt und der Respekt vor dem Kunden spielen dabei eine zentrale Rolle.«
»Frauen in der Champagne werden heute zunehmend sichtbar. Sie nutzen aktiv die sozialen Medien, um sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Der Verband La Transmission spielt hierbei eine Vorreiterrolle.« – Mélanie Tarlant, Champagne Tarlant
Die Önologin Elise Losfelt begann ihre Karriere in renommierten Häusern wie Moët & Chandon. 2022 wurde sie Nachfolgerin von Cyril Brun bei Champagne Charles Heidsieck. »Der Weinberuf erfordert technisches Können, Verkostungsfähigkeiten und ist körperlich anspruchsvoll. Die Arbeitsweise hängt dabei mehr von Persönlichkeit, Ausbildung, Fähigkeiten und Lebensstil als vom Geschlecht ab«, sagt sie und verweist auf eine aktuelle Studie des Winzerverbands SGV. Diese beziffert den Frauenanteil in Führungspositionen in der Champagne mit 40 Prozent. »Man sagt mir nach, dass ich gut zuhören, flexibel arbeiten und Probleme präzise erkennen kann. Ich arbeite gerne im Team, weil mehrere Köpfe besser sind als einer.«
Bei der Champagnerherstellung sei die »Liebe zum Detail« von Bedeutung. Dazu zählen nicht nur die unterstützenden technischen Anlagen, sondern der menschliche Faktor. Da Hefelagerzeiten oft viele Jahre dauern, erleben Kellermeisterinnen und Kellermeister häufig nicht das Endergebnis ihrer Arbeit. »Thierry Roset etwa betreute während der Lese 2014 die Weine des Blanc des Millénaires, dann verstarb er überraschend. Cyril Brun führte seine Arbeit fort, gemeinsam mit dem Önologenteam wurde die Assemblage für diesen Jahrgang festgelegt. Ich hatte das Privileg, an der Dosage mitzuwirken und die Arbeit meiner Vorgänger zu würdigen.«
»Frauen müssen wie ihre männlichen Kollegen ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Die Herausforderung, Beruf und Familie zu vereinbaren, liegt noch häufig bei Frauen, auch wenn sich dies zunehmend ändert.« – Elise Losfelt, Charles Heidsieck