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Vom Armenhaus zum Gourmetziel: Irlands kulinarische Revolution

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Noch vor wenigen Jahrzehnten galt Irland kulinarisch als Niemandsland – heute zieht es Gourmets aus aller Welt mit Meeresfrüchten an, die feiner nicht sein könnten. Wie haben die Iren das geschafft?

Mein Aha-Moment wurde mir auf einem riesigen Teller in einer kleinen irischen Hafenstadt serviert. Als ich auf ihn herabsah, wurde mir schlagartig klar, wie sehr sich meine Heimat verändert hatte.

Es war ein Sommerabend im Jahr 2008 in Dingle, einem abgelegenen Fischerort im County Kerry, an der Südwestspitze der Insel. Acht Jahre, nachdem ich meine Heimatstadt Dublin gegen Berlin eingetauscht hatte, war ich zurück in Irland und saß mit Freunden in einem Seafood-Restaurant an der Hafenpromenade. Wir bestellten die große Meeresfrüchteplatte. Voller Staunen blickte ich auf das, was da auf den Tisch kam: frische Jakobsmuscheln und saftiger Hummer – alles direkt vor der Haustür aus dem Meer geholt.

Himmel, dachte ich: Ich wusste gar nicht, dass wir in Irland Hummer haben!

Seit über 100 Jahren essen Iren Fish & Chips in Pubs wie diesem: »Leo Burdock«.
© Georges Desrues
Seit über 100 Jahren essen Iren Fish & Chips in Pubs wie diesem: »Leo Burdock«.

Die besten Katholiken der Welt

Jahrelang interessierte sich niemand in Irland für diesen Fang, erfuhren wir von einem Fischer. Scholle und Dorsch blieben in Irland, die Delikatessen schickte er an die besten Geschäfte in Paris.

In Irland kam eher Deftiges auf den Tisch – oft Fleisch und meist Kartoffeln. Im 19. Jahrhundert drehte sich alles um die Kartoffel. In der Zeit der englischen Herrschaft wurde Getreide aus dem Land exportiert, den irischen Pachtbauern blieb also nichts anderes zu essen. Als in den 1840er-Jahren die Kartoffelfäule mehrfach die Ernte vernichtete, stürzte das die Landbevölkerung in eine schwere Hungersnot. Eine Million Menschen verhungerten, eine weitere Million verließ das Land.

Ab 1850 brach eine neue Zeit an. Während die britische Herrschaft sich langsam zurückzog, formte die katholische ­Kirche eine neue irische Identität. Die Armut blieb, aber jetzt waren wir alle heilig. Ein konservatives Familienbild wurde moralisch aufgewertet. Wir waren die besten Katholiken der Welt. Wer davon abwich – vor allem unverheiratete Mütter und Waisenkinder – verschwand in kirchlichen Einrichtungen.

Irische Bauern während der Kartoffelhungersnot, 1846.
© Shutterstock
Irische Bauern während der Kartoffelhungersnot, 1846.

Dieses Irland hatte mehr als 100 ­Jahre Bestand. In seinem 1957 erschienenen »Irischen Tagebuch« verzauberte Heinrich Böll seine Leser mit Geschichten von einer Insel, auf der die Menschen, die Landschaft und die Musik noch ihre Unschuld bewahrt hatten.

Essen bedeutet Wohlstand

Das Buch prägt noch heute die Sicht vieler Menschen auf die »grüne Insel«. Die Rückständigkeit, die Böll idealisierte, war jedoch für viele Iren eine Quelle tiefer Verlegenheit.

Allerdings veränderte sich in Irland lange nach dem Abzug der Briten in den 1920er-Jahren und auch nach der Unabhängigkeit noch mindestens 50 Jahre lang nicht viel. Auch 1973 nach dem Beitritt zur EWG, wie die EU damals noch hieß, blieb Irland ein Armenhaus.

Anfang der 1990er-Jahre brachten die Investitionen multinationaler Unternehmen aus der EU und den USA einen sichtbaren Aufschwung. Plötzlich hatten auch wir Autobahnen. Auf einmal hatten die Läden auch sonntags auf, und die Kirchen bekamen Konkurrenz. Essen und Trinken wurden zum verlässlichen Gradmesser für den Übergang von Armut zum Wohlstand.

Bier gab es immer, Wein gab es kaum. Und dass Nescafé kein echter Kaffee ist, war auch für mich eine Neuigkeit.

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Bis 1990 dachten auch viele Iren, dass Pasta aus der Dose kommt. Getrocknete Nudeln feierten ihren Durchbruch in Irland erst, als der britisch-niederländische Gigant Unilever hier zur Fußball-Weltmeisterschaft in Italien seine Spaghetti und Pastasaucen auf den Markt brachte.

Entweder ein Festmahl oder eine Hungersnot

Meine jüngeren irischen Verwandten – die heute eher an Avocado-Toast und Flat Whites gewohnt sind – hören mir ungläubig zu, wenn ich ihnen diese Geschichten erzähle. Sie sind aber ebenso wahr wie die Hungersnot und der darauffolgende Hunger nach Veränderung.

Der Brexit hat viele Herausforderungen für unsere Insel mit sich gebracht. Aber der Frieden in Nordirland ist genauso intakt geblieben wie der ungehinderte Transport irischer Waren über England nach Europa. So kommt unser fangfrischer Hummer weiterhin von Dingle nach Paris.

Inzwischen feiern die Iren den Reichtum des Meeres mit Festivals an den Küsten.
© Adobe Stock
Inzwischen feiern die Iren den Reichtum des Meeres mit Festivals an den Küsten.

Neue Generationen irischer Lebensmittelproduzenten und Gastronomen haben alte Traditionen wiederbelebt und neu entdeckt – oder neue Fähigkeiten mitgebracht, die sie in Europa erlernt haben. Das hat auch Michelin gemerkt. Mittlerweile sind 21 Restaurants mit Sternen ausgezeichnet – fast so viele wie in Schweden.

Bei allen Veränderungen im modernen Irland gibt es nichts, was mit der Revolution mithalten kann, die sich in der Küche abspielt. Angesichts der dramatischen Schwankungen unserer Geschichte scherzen wir Iren manchmal, das Leben sei entweder ein Festmahl oder eine Hungersnot. Willkommen zum Festmahl.


 

Georges Desrues
Autor
Derek Scally
Autor
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