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Feierabend im Stadtteil Mitte: Hier treffen hippe Großstädter auf Touristen, und alle genießen das Berliner Lebensgefühl.

Feierabend im Stadtteil Mitte: Hier treffen hippe Großstädter auf Touristen, und alle genießen das Berliner Lebensgefühl.
© Shutterstock

Berlin: Hauptstadt der Foodies

Berlin
Deutschland
Kulinarik

Kreative Köche und neue Konzepte, eine beispiellose Vielfalt an hervorragender internationaler Küche, dazu eine gesunde Dosis Hypekultur: An Berlin kommt gastronomisch niemand mehr vorbei, die Stadt spielt international ganz oben mit.

Die kulinarische Wüste ist erblüht. Kaum vorstellbar, dass das Essen hier einmal um Buletten, Currywurst und Döner kreiste. »Berlin ist heute gastronomisch die spannendste Stadt Deutschlands«, sagt The Duc Ngo, der als »König der Kantstraße« ein Imperium aus asiatischen Restaurants aufgebaut hat. Global liege die Stadt in den Top Ten, wenngleich nicht auf den vorderen Rängen.

»Berlin hat nicht das Geld, das andere finanzstarke Metropolen haben. Es ist sexy, aber immer noch arm.« Zumindest im Vergleich zu London, New York und Tokio. »Aber von der Kreativität her ist Berlin ganz weit vorne. Die ethnische Küche ist besser als in Paris«, sagt Ngo, ein Berliner Pionier. Gerade hat er die französische Brasserie »Manon« eröffnet.

»Man muss sich bewegen, um relevant zu bleiben«, sagt Micha Schäfer, der sich mit der »brutal lokalen« Küche im »Nobelhart & Schmutzig« einen Namen gemacht und einen Stern erkocht hat. »Wenn du es nicht schaffst, immer wieder Aufmerksamkeit und Relevanz zu erzeugen, gehst du einfach unter.« Inhaber Billy Wagner weiß, wie das Spiel läuft, und lässt regelmäßig mit politischen Ansagen von sich hören.

Sein Restaurant steht wie kein anderes in Berlin für die reduzierte, nachhaltige und ernste Küche, die in den vergangenen Jahren schwer angesagt war. Der Gegenpol ist das Soul Food aus aller Welt: türkisch in Kreuzberg, arabisch auf der Sonnenallee, Asiens große Küchen von vietnamesisch bis koreanisch, georgisch, sudanesisch, mexikanisch. Die Auswahl an neapolitanischer Pizza ist uferlos, israelische Köche bringen levantinische Wärme in die kühle Stadt.

Trendwellen schwappen in schneller Folge durch. Chinesische Nudeln sind immer noch das Ding, auf Smash Burger stößt man überall. Zuletzt wurde die deutsche Küche auf die Höhe der Zeit geholt, etwa im »Wirtshaus Trio«, in der »TISK Speisekneipe« oder im nostalgischen »Luna d’Oro« in Clärchens Ballhaus, wo das Rindertatar als Mettigel präsentiert wird.

Die Sterneküche hat es dagegen schwer. Die Gourmetkrise greift um sich. Gestiegene Kosten, fehlendes Personal. Die Berliner halten ihr Geld zusammen, zahlungskräftige ausländische Kundschaft bleibt aus. Nicht nur das international gefeierte »Restaurant Ernst« des Kanadiers Dylan Watson-Brawn im Wedding musste schließen. Gerade sorgen eher Köche für Aufsehen, die auf hochwertigem Niveau neue Konzepte ausprobieren, aber ohne Sterneambitionen. Fine Dining wird zugänglicher.

Kulinarisch alles im Fluss

Berlin stand immer für das Temporäre. Seine Coolness speist sich aus dem Zweifel, ob nicht schon morgen alles vorbei ist. Food Festivals und intime Supper Clubs, Late Brunch zum Ramadan oder Kitchen Party in der berühmten »Sechsten« im KaDeWe – die Auswahl an kulinarischen Events ist unüberschaubar. Irgendwo ist immer was los. Welches Glück darin liegt, merkt man jedes Mal, wenn man nicht in Berlin ist.

Hannah Kleeberg passt in diese Stadt. Die Gründerin des Studios »Herrlich Dining« konzipiert Food-Events, stylt Festtafeln und zeigt ihre Ästhetik auf Instagram, mehr Kreativdirektorin als Catererin. »Ich glaube, ich hätte nur in Berlin starten können«, sagt die 25-Jährige. Im vergangenen Sommer hatte sie ein angesagtes Lokal in Neukölln. Aus einem Pop-up eine dauerhafte Adresse machen zu wollen, wie das viele versuchen, sei immer riskant. »Ich würde kein Business auf einem Hype aufbauen. In Berlin gibt es immer etwas, das bald noch cooler und begrenzter ist.«

Dieser hysterische Herdentrieb nervt The Duc Ngo manchmal. »Wenn gefühlt tausend Leute Schlange stehen für einen bunten Donut oder den Burger eines Food-Influencers.« Fehlt die Substanz, ist der Ofen schnell aus. Klar, die Hypes gehören zu Berlin. Aber die Stadt darauf zu reduzieren, würde sie verkennen. Vor allem ist Berlin eine kreative Experimentierstube. Hier darf jeder sein, wie er will. »Natürlich kann man sich verstellen, um irgendwo reinzupassen und hip zu sein, aber wenn man das nicht macht, interessiert es auch nicht so richtig«, sagt Micha Schäfer.

Mit Berlin verbindet man Geschichte, Kultur, Nachtleben – und längst auch sensationelle Gastronomie. Vielleicht wird gemeinsames Essen in Zeiten der Krise und des Clubsterbens eher noch wichtiger, das einfache Zusammensitzen mit Familie und Freunden. Dazu passen die vielen neuen All-Day-Eaterys, in denen man den Tag heiter vorbeiziehen lässt. In aller Munde ist etwa die »Bar Basta« in Mitte. »Ein Vibe wie in London oder New York«, findet Hannah Kleeberg. Mit diesen Gastro-Weltstädten kann sich Berlin noch nicht messen. Aber vielleicht muss es das gar nicht.

Adressen

Nobelhart & Schmutzig

Seine radikal regionale Küche hat das Sterne-Restaurant berühmt gemacht, kürzlich wurde das Menü verschlankt. Mit weniger Gängen für kleineres Geld will man der Gastrokrise trotzen.
Friedrichstraße 218, 10969 Berlin, T: +49 30 25940610
nobelhartundschmutzig.com

Hallmann und Klee

Die preisgekrönte Gastronomin Sarah Hallmann hat sich in ihrem Restaurant in Neukölln mit Casual Fine Dining einen Namen gemacht.
Böhmische Straße 13, 12055 Berlin, T: +49 30 23938186
hallmann-klee.de

Barra

In dem Nachbarschaftslokal im Neuköllner Schillerkiez kommen kleine, feine Speisen und ausschließlich Naturweine auf Tresen und Tische.
Okerstraße 2, 12049 Berlin, T: +49 30 81860757
barraberlin.com

Café Frieda

Das beliebte Bistro am Helmholtzplatz war Trendsetter für andere Hangout-Spots, in denen von Brunch bis Dinner gute Stimmung herrscht.
Lychener Straße 37, 10437 Berlin, T: +49 30 4471 9800
cafefrieda.de

India Club

Das schicke Restaurant hinter dem »Hotel Adlon« begeistert mit authentischer nordindischer Küche und köstlichen Tandoori-Gerichten.
Behrenstraße 72, 10117 Berlin, T: +49 30 20628610
india-club-berlin.de

Luna d’Oro

In den historischen Räumlichkeiten des legendären »Clärchens Ballhaus« werden deutsche Klassiker lässig und provokant neu interpretiert.
Auguststraße 24, 10117 Berlin, T: +49 30 400698100
claerchensball.haus

Oukan

Das puristisch gehaltene Restaurant in Mitte bietet ein veganes Fine-Dining-Erlebnis. Weitere Besonderheit: Auch eine Tee-Begleitung ist möglich.
Ackerstraße 144, 10115 Berlin, T: +49 30 54774716
oukan.de

Tante Fichte

Küchenchef Dominik Matokanović interpretiert die kroatische Küche in seinem Kreuzberger Restaurant auf moderne Weise sensationell neu.
Fichtestraße 31, 10967 Berlin, T: +49 30 69001522
tantefichte.berlin

Trio

Wie ein modernes deutsches Wirtshaus aussehen kann, zeigt das zu Recht stadtweit gefeierte Restaurant hinter der Volksbühne eindrucksvoll.
Linienstraße 13, 10178 Berlin, T: +49 30 33901310
trioberlin.net

Bar Basta

Zunächst als Pop-up gestartet, eignet sich die All Day Eatery im Hotel »Casa Camper« in Mitte nicht nur für einen beschwipsten Brunch.
Rosenthaler Straße 53, 10178 Berlin, T: +49 30 2000 34 10
casacamper.com

Gotxa

Die ausgezeichnete Tapas-Bar in Kreuzberg ist ein leuchtender Stern am Himmel der eher noch unterrepräsentierten spanischen Küche in Berlin. Klassiker auf hohem Niveau.
Liegnitzer Straße 28, 10999 Berlin
gotxabar.com

Manon

In seiner neuen Brasserie im »Hotel Roomers« erleichtert der Meister der asiatischen Fusionsküche The Duc Ngo französische Klassiker um einige Gramm Butter.
Steinplatz 4, 10623 Berlin, T: +49 30 5544440
manon-berlin.de

Mr. Noodle Chen

Das kleine Restaurant im Wedding verspricht die authentischsten handgezogenen Lanzhou-Rindfleischnudeln in Deutschland – die Berliner pilgern in Scharen hin.
Willdenowstraße 12, 13353 Berlin
mrnoodlechen.de

Night Kitchen

Das israelisch-mediterrane Restaurant gehört zu jenen Orten, die ein Stück Tel Aviv in Berlin aufleben lassen.
Heckmann Höfe, Oranienburger Straße 32, 10115 Berlin, T: +49 30 23575075
nightkitchenberlin.com

JAJA

Als Vorreiter unter den Naturwein-Bars bietet das Neuköllner Lokal eine liebevoll zusammengestellte Weinauswahl und überzeugende Speisen.
Weichselstraße 7, 12043 Berlin, T: +49 30 52666911
jajawein.de


 

Erschienen in
Falstaff Magazin Deutschland Nr. 5/2025

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Philipp Laage
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