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Best of Gin-Cocktails: Gin kann so viel mehr

Cocktail
Spirituose
Gin

Gin gilt nicht gerade als Spirituose, die man pur genießen will. Und so großartig ein Gin & Tonic auch sein mag, am Ende
ist und bleibt er doch immer ein recht vorhersagbarer Drink. Ein Blick in die Welt der Cocktails zeigt aber, was der Gin noch so alles auf Lager hat.

Man kann es sich fast bildlich vorstellen: Ein bleicher Mann in schwerer Uniform kämpft sich Ende des 19. Jahrhunderts verschwitzt und entkräftet durch den subtropischen Morast und wird dabei von Myriaden von Stechmücken malträtiert, die ihm, wie sollte es anders sein, eine der gefürchtetsten Krankheiten dieser Zeit unterjubeln: Malaria. Doch dieser bedauernswerte britische Soldat ist nicht etwa rettungslos verloren, denn es gibt ein Heilmittel: in Soda gelöstes Chinin. Das ist zwar fast unerträglich bitter, aber mit ein wenig Zucker, Zitrone und Gin wird daraus ein ganz akzeptabler Drink, der den armen Soldaten zudem vor der fiesen Krankheit bewahrt. Was für eine fabelhafte Geschichte!

Kaum ein anderes Getränk kann sich mit einer solch farbenfrohen Story schmücken, wenn es um die eigene Erfindung geht, wie der Gin & Tonic. Doch man ahnt es schon: Viel mehr als eine Legende ist sie nicht. Zwar darf man davon ausgehen, dass den Soldaten in Indien damals durchaus Chinin verabreicht wurde, ganz neu war die Idee aber nicht. Bereits im 18. Jahrhundert galt beispielsweise ein Gin Punch (Gin mit Soda bzw. mit Wasser verdünnt) als Medizin, beispielsweise bei Wassersucht, wogegen der Wacholder im Gin helfen sollte. Chinarinde als Heilmittel gegen Malaria war zudem seit dem 16. Jahrhundert bekannt und wurde Wein beigemischt, um damit das Fiebermittel »Remedy« herzustellen. Dieser Trunk wurde Ende des 17. Jahrhunderts und auch nach der Erfindung des Sodawassers britischen Soldaten und Seeleuten verabreicht.

Tonic Water als Heilmittel wird jedoch nie erwähnt – aus einem einfachen Grund: Die darin enthaltene Chininmenge war schlicht nicht hoch genug, um einen wirklichen Effekt zu haben. Demnach findet sich der erste Hinweis auf einen Gin & Tonic auch nicht in medizinischen Aufzeichnungen –, sondern 1868 im Oriental Sporting Magazine, worin seine Verwendung als Erfrischungsgetränk im Rahmen von Pferderennen und deren begleitenden Partys beschrieben wird. Und genau als das trinken wir ihn heute noch – sogar abseits der Rennbahn.

Gin in Cocktails

Die erfrischende Wirkung, die der Gin klassischerweise durch seinen Wacholdergeschmack mit sich bringt, machten sich Bartender aber schon immer zunutze, auch ganz ohne Tonic Water. Das wissen wir nicht erst seit der Erfindung des Negroni im Jahr 1919. So erzählt man sich eine der ältesten Geschichten beispielsweise über die Entstehung des legendären Gin-Cocktails »Tom Collins«, in dem Gin, Zitronensaft, Zuckersirup und Soda aufeinandertreffen. Um 1874 soll sich in New York ein Streich verbreitet haben, bei dem leicht cholerischen Zeitgenossen erzählt wurde, in einer benachbarten Bar hätte sie ein gewisser Tom Collins wüst beleidigt. Die hitzköpfigen Männer stürmten daraufhin erbost die Bars, um den Übeltäter zu stellen – den es natürlich nicht gab. Findige Bartender kreierten daraufhin einen Drink mit diesem Namen, servierten diesen den Streitsuchenden, kühlten so deren Gemüt und machten nebenbei neuen Umsatz.

Ein weiterer Klassiker der Gin-Cocktails ist zweifelsfrei der Zwei-Komponenten-Drink Gimlet. Dieser Mix aus Dry Gin und Lime Juice Cordial hat zudem eine ganz ähnliche Entstehungslegende wie der Gin & Tonic. 1867 entwickelte Lauchlin Rose das erste Lime Juice Cordial der Welt; fortan war es der britischen Marine möglich, mit Zucker konservierten Limettensaft zur Vorbeugung gegen Skorbut an Bord mitzuführen. Ein gewisser Thomas Desmond Gimlette, Flottenarzt der Royal Navy, soll Ende des 19. Jahrhunderts dann die Idee zu diesem Drink gehabt haben. Die ersten Gimlets wurden tatsächlich auf Schiffen der Royal Navy getrunken. In Cocktailbüchern taucht er dann erstmals in den 1920ern auf, und bis heute mixt man ihn in der Regel kalt gerührt mit drei Teilen Gin zu einem Teil Lime Juice Cordial.

Die Goldenen 20er waren insgesamt für die Cocktailkultur ein wahrer Brandbeschleuniger und viele berühmte Drinks, die wir heute noch schätzen, haben ihre Wurzeln in dieser Zeit. So auch der »Aviation«, ein Gin-Klassiker par excellence, der als einer der ersten neben Gin und Zitronensaft weitere Zutaten in den Ring schickte. Sein überliefertes Originalrezept stammt von dem deutschstämmigen Hugo Ensslin, dessen Werk »Recipes for Mixed Drinks« als das letzte bedeutende Cocktailbuch vor dem Einsetzen der Prohibition in die Geschichte einging. Er mischt darin 5 cl Gin, 1 cl Zitronensaft, 1 cl des damals überaus populären Maraschino und 1 cl Crème de Violette und kreierte damit einen leicht bläulichen Drink, der zwar über die Jahrzehnte fast in Vergessenheit geriet, 2004 von Star-Bartender David Wondrich jedoch wiederentdeckt und zurück auf die Barkarten der Welt gebracht wurde.

Und zu guter Letzt wäre einer der sechs großen Basis-Drinks der Cocktailwelt – folgt man der Argumentation von Cocktail-Enthusiast David A. Embury – ohne Gin nicht denkbar: der Martini. An diesem klassischen Dreiteiler, der mit seinen Zutaten (Dry Gin, Dry-Wermut, Orange Bitters und Olive) so einfach klingt, aber erstaunlich selten zufriedenstellend gelingt, scheiden sich bis heute die Geister und es kursieren unzählige Varianten und Twists des Rezepts. Der eine trinkt ihn mit mehr Gin, der andere mag ihn lieber mit stärker gewichtetem Wermut und die Frage, ob man ihn mit oder ohne Orange Bitters, geschüttelt oder gerührt, mit oder ohne Olive trinkt, ist nie final geklärt worden. So aber steht der Martini nicht nur für einen der bedeutendsten (Gin)-Drinks aller Zeiten, sondern auch sinnbildlich für die facettenreiche Einsatzmöglichkeiten des Gins in der Welt der Cocktails – und das ganz ohne Tonic Water.  Falstaff kennt fünf Cocktails, die durch Gin einen ganz neuen Twist bekommen.


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Erschienen in
Falstaff Magazin Österreich Nr. 7/2024

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Alexander Thürer
Alexander Thürer
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