Darum ist dieser Gorilla aus Schokolade wütend
Eine Schokoladenfigur, die wütend schaut? Gebana nutzt den «Angry Gorilla», um auf Missstände im globalen Kakaohandel aufmerksam zu machen – und gleichzeitig ein neues Konzept für fairere Produktion und mehr Wertschöpfung im Ursprungsland zu präsentieren.
Die meisten Chocolatiers erzählen eine schöne Geschichte. Eine von Handwerk, Tradition und Genuss. Der «Angry Gorilla» der Zürcher Fair-Trade-Pionierin «gebana» geht bewusst einen anderen Weg. Die Figur aus Schokolade soll nicht nur schmecken, sondern provozieren. Sie will auf ein strukturelles Problem der globalen Kakaoindustrie aufmerksam machen.
Die traurige Realität hinter Schokolade
Schokolade gilt weltweit als Inbegriff von Genuss. Doch hinter der süssen Oberfläche verbirgt sich eine komplexe Wertschöpfungskette, in der die Produzent:innen des wichtigsten Rohstoffs oft nur wenig profitieren. Ein grosser Teil des globalen Kakaos stammt aus Westafrika. Millionen von Kleinbauernfamilien bewirtschaften dort kleine Parzellen und erzielen Einkommen, die häufig kaum zum Leben reichen.
Diese ökonomische Realität hat weitreichende Folgen. Niedrige Einkommen erhöhen den Druck, Erträge zu steigern. In vielen Regionen führt dies zu einer intensiveren Nutzung von Pestiziden, zur Rodung von Waldflächen oder zum Einsatz von Kinderarbeit, weil sich Familien zusätzliche Arbeitskräfte nicht leisten können.
Wenig Wertschöpfung für die Herkunftsländer
Gleichzeitig bleibt der Anteil der Wertschöpfung im Ursprungsland gering. Obwohl ein grosser Teil des weltweit verarbeiteten Kakaos aus Westafrika stammt, wird Schokolade überwiegend in Europa oder Nordamerika produziert. Entsprechend verbleibt nur ein kleiner Teil des Verkaufspreises in den Herkunftsländern.
Vor diesem Hintergrund lanciert «gebana» den «Angry Gorilla». Anders als traditionelle Schokoladenfiguren – etwa Osterhasen oder Weihnachtsnikoläuse – soll der Gorilla bewusst irritieren. Er steht symbolisch für die Wut über die strukturellen Probleme der Branche und für die Diskrepanz zwischen dem globalen Genussmittel und den Bedingungen, unter denen der Rohstoff produziert wird.
Die Idee entstand Ende 2022: «Wir suchten nach einem Weg, um mit unserer Schokolade auf die Missstände in der Schokoladeindustrie aufmerksam zu machen und gleichzeitig politischen Druck aufzubauen», erzählt Xenia Imbach von «gebana». Der Gorilla fungiert dabei als Gegenfigur zum klassischen Schoggihasen – als Symbol für den Ärger über strukturelle Ungleichgewichte. «Der Gorilla ist ‹angry›, weil sich die Schokoladenbranche nicht im Geringsten für Millionen von Bauernfamilien interessiert, die den Kakao produzieren.»
Die Figur steht zugleich für Stärke und kollektives Handeln. Begleitet wurde die Lancierung beispielsweise von einer politischen Aktion: Käufer:innen konnten eine Postkarte an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen senden, um sich für strengere Sorgfaltspflichten einzusetzen.
Der Gorilla wird aus Kakao hergestellt, den «gebana» über seine Tochtergesellschaft in Togo bezieht. Das Unternehmen arbeitet dort eng mit mehreren Tausend Bauernfamilien zusammen und kauft die Bohnen direkt ein. Die Schokolade wird derzeit noch in der Schweiz weiterverarbeitet, etwa durch das Thurgauer Familienunternehmen Stella Bernrain. Doch auch das soll sich ändern.
Produktion direkt im Ursprungsland
Ein zentrales Ziel von «gebana» ist es, die Verarbeitung in das Herkunftsland zu verlagern. Statt lediglich Rohkakao zu exportieren, möchte «gebana» Schokolade direkt in Togo produzieren lassen. Um diesen Schritt zu ermöglichen, startet «gebana» ein Crowdfunding. Über 1800 Unterstützer:innen haben sich bereit beteiligt. Rund 500’000 Franken Startkapital wurden erreicht und übertroffen. Insgesamt plant das Unternehmen Investitionen von rund 1,3 Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren – für Infrastruktur, Maschinen und den Aufbau von lokalem Know-how.
Der Effekt könnte erheblich sein. «Vom Verkaufspreis einer herkömmlichen Tafel bleiben nur etwa 10 bis 15 Prozent im Herkunftsland», erklärt Imbach. Durch lokale Verarbeitung könnte dieser Anteil auf bis zu 50 Prozent steigen. Gleichzeitig entstehen qualifizierte Arbeitsplätze und neue wirtschaftliche Perspektiven vor Ort.
Hinzu kommt ein qualitativer Aspekt: «Kakao hat wie Wein ein Terroir», so Imbach. Ziel ist es daher nicht, Schweizer Schokolade zu kopieren, sondern ein eigenes Geschmacksprofil zu entwickeln, das den Bohnen aus Togo gerecht wird. Die Produktion soll schrittweise ausgebaut werden – von ersten Kleinmengen bis hin zu weiteren Produkten wie Kakaobutter oder Kakaopulver. Damit will «gebana» auch den Grosshandel bedienen und die Nachfrage nach transparent produzierten Rohstoffen stärken.
Gorilla als Denkanstoss
Armut gilt als zentraler Treiber vieler Probleme im Kakaoanbau. Wenn Produzent:innen ausreichend verdienen, sinkt der Druck, Wälder zu roden oder Kinderarbeit einzusetzen. Nachhaltigkeit wird damit weniger als Marketinginstrument verstanden, sondern als wirtschaftliche Voraussetzung für stabilere Produktionssysteme.
Der «Angry Gorilla» stellt diese Zusammenhänge bewusst ins Zentrum. Die Schokoladenfigur soll nicht nur Genuss bieten, sondern auch eine Debatte anstossen. Denn hinter jeder Tafel Schokolade steht eine globale Wertschöpfungskette – und letztlich die Frage, wer an diesem Geschäft tatsächlich verdient.
- Wird klar angegeben, aus welchem Land oder welcher Region der Kakao stammt?
- Gibt es Informationen zur Lieferkette oder zu den Produzent:innen?
- Hinweise auf biologischen Anbau sind ein starkes Indiz für geringeren Pestizideinsatz.
- Bio-Zeritfizierungn können helfen, problematische Praktiken zu vermeiden.
- Fairer Konsum erfordert oft aktives Informieren.
- Wer Wirkung erzielen will, muss sich mit Herkunft und Produktion auseinandersetzen.