Deutschlands Sektwunder: Der Sprudel-Turbo
Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert war deutscher Sekt international gefragt. Dann wurde er bedeutungslos. Doch gegenwärtig zünden einige arrivierte und viele neu entstandenen Betriebe den Turbo.
Sprechen wir, um das deutsche Sektwunder zu preisen, kurz über die Champagne. Denn die Region östlich von Paris hat das Genre des Schaumweins geprägt wie keine andere.
Schon im 18. Jahrhundert haben die Champenois das Verfahren der Zweitgärung in der Flasche, das die wunderbaren Bubbles hervorbringt, zur Perfektion gebracht. Und sie haben vorgeschrieben, dass jede Flasche, die sich die Herkunft »Champagne« aufs Etikett schreiben möchte, in eben diesem Verfahren erzeugt sein muss.
Das ist beim »Sekt« nicht so: Der deutsche Gesetzgeber gestattet es, die Bezeichnung »Sekt« auch für Drei-Euro-Sprudler zu verwenden, die entweder im Drucktank vergoren oder nach einer Hauruck-Flaschengärung in einen Tank abgezogen, filtriert und zum Verkauf zurück in die Flasche gefüllt wurden. Das deutsche Sektwunder, das kann nicht erstaunen, hat indes nur mit Sekten aus traditioneller Flaschengärung zu tun, ausschließlich und nur mit ihnen.
Geduld ist alles
Beim Verfahren der traditionellen Flaschengärung wird die aus der Zweitgärung stammende Hefe sorgsam in den Flaschenhals »abgerüttelt«. Dort verbleibt sie meist einige Jahre, denn in dieser Zeit leistet sie einen wertvollen Beitrag zur aromatischen Komplexität des Sekts und zur Verfeinerung des Mousseux. Entfernt wird sie schließlich mithilfe eines Eisbades, in dem Flaschenhals und Hefe zum Gefrieren gebracht werden.
In diesem Zustand kann die Flasche geöffnet werden, und die Hefe gleitet durch den Druck als fester Pfropf heraus. Die Flasche wird wieder verschlossen, fertig ist der Sekt. Die Flasche, die auf dem Tisch steht, ist also exakt dieselbe, in welcher der Wein in einem jahrelang dauernden Prozess im tiefen Keller zu Sekt wurde.
Heiko Bamberger aus Meddersheim an der Nahe gehört zu den Sekt-Pionieren in Deutschland. Eine seiner Spezialitäten ist ein Rieslingsekt namens »Dekade«, Jahrzehnt: Diese Sekte bleiben rund zehn Jahre im Keller. Aktuell verkauft der Winzer den Jahrgang 2012.
In der Champagne gilt 2012 als einer der größten Jahrgänge dieses Jahrhunderts – und an der Nahe? »Wir liegen Luftlinie 300 Kilometer von der Champagne entfernt, und wir kriegen das Wetter ja auch aus dem Westen, also gewisse Ähnlichkeiten gibt es schon.«
Der 2012er jedenfalls ist ein Meisterwerk, dessen Spiel mit Reife und Frische unwiderstehlich ist. »Dabei waren die Weine aus diesem Jahrgang anfangs ganz unscheinbar«, erinnert sich Bamberger. »Offensichtlich sind sie Langstreckenläufer. Mir kommt es vor wie bei einem Kind, das am Anfang etwas Mühe hat und sich dann im Laufe der Jahre umso besser entwickelt. Schon mein Vater sagte immer: Beim Wein ist es wie bei den Kindern, man soll keine Lieblinge haben, sondern respektieren, dass jedes seinen eigenen Charakter hat.«
Riesling oder Burgunder?
Das Motto von Vater Bamberger lässt sich auch auf das deutsche Sekt-Schaffen als Ganzes übertragen. Historisch war deutscher Sekt natürlich vor allem Rieslingsekt. Der Aufschwung der letzten 20 Jahre hingegen verlief nahezu parallel zum furiosen Aufstieg deutscher Spätburgunder und Chardonnays.
Wie sieht ein eher jüngeres Mitglied der deutschen Sekt-Spitze wie Peter Bernhard Kühn aus Oestrich diese zwei Alternativen? »Was ich international sehe, ist doch der Riesling das gesuchteste. Doch ich würde dazu neigen, Wege offenzuhalten, für mich wäre es zu früh zu sagen, wir konzentrieren uns nur auf das eine oder andere.«
In unseren Verkostungen hat Kühn zwar ganz besonders mit seinem Rieslingsekt brilliert, doch im Gespräch wird deutlich, dass er auch bei den Cuvées viel Potenzial sieht: »Für uns selbst denke ich, dass man mit Chardonnay, Weißburgunder und Auxerrois mehr Feinheit reinbekommt. Aber wir wollen auch aus den Cuvées den Riesling nicht ausnehmen, er bringt Regionalität ein. Und ich sehe das Thema immer noch in der Lernphase: Wie verhält sich das nach dem Ausbau auf der Hefe?«
Vielleicht ist die deutsche Sekt-Cuvée der Zukunft also gar nicht zwingend eine reine Burgunder-Cuvée?
Auch Katharina und Marie-Luise Raumland haben bei ihrem ersten großen eigenen Projekt im wohl namhaftesten deutschen Sekthaus eine Cuvée ohne Denkverbote vor Augen: Für ihr »Solera«-Projekt suchen die Schwestern jedes Jahr nach einem Wein, der die bereits in der Solera liegende Cuvée optimal ergänzen kann: »Meistens sind das Burgundersorten, oft auch abwechselnd mal weiße, mal dunkle Trauben. Aber einmal war bisher auch ein Riesling dabei«, berichtet Marie-Luise Raumland. »Wir wollen einfach als Ergänzung für die Solera den besten Wein für das Jahr.«
Riesling vs. Riesling
Auch auf Schloss Vaux in Eltville feilt man an Konzepten. Die neu geschaffene Cuvée »L’Artiste« besteht hauptsächlich aus Riesling, oder vielmehr: aus verschiedenen Rieslingen.
Im hauseigenen Wettstreit stehen diese Weine mit einem Klassiker wie dem Rieslingsekt aus der Spitzenlage Erbacher Marcobrunn.
»Das ist ein aufregender Vergleich«, sagt Geschäftsführer Christoph Graf. »Für L’Artiste führen wir eine hoch differenzierte Lese durch, bauen die Grundweine in verschiedenen Gebinden aus, so wird der Riesling auf französisches Niveau gehoben. Marcobrunn ist das genaue Gegenteil: ein Weinberg, ein Lesetag, eine Vinifkation. Man braucht beim Marcobrunn den perfekten Lesetag, dann ist die Brücke der Assemblage überflüssig.«
Der Marcobrunn-Sekt 2019, damals gekeltert aus einem vom Vaux-Team selbst gelesenen Zukauf aus der Parzelle eines anderen Weinguts, begeistert mit seiner Lagentreue: Die Marcobrunn-typische Verbindung aus Reichtum und Spannung ist in diesem Sekt auf die Spitze getrieben. Die Ambition, diesen Weg weiterzugehen, ist unübersehbar: Schloss Vaux hat inzwischen eine Parzelle in diesem Grand Cru erworben.
Eine Dynamik mit Power
Die Innovationsdynamik des deutschen Sekts ist allenthalben enorm: Was der frühere Bollinger-Chef-de-caves Mathieu Kauffman zwischen 2013 und 2019 bei Buhl und seither mit Christmann & Kauffmann und auf dem Karthäuserhof an der Ruwer geschaffen hat, ist spektakulär.
Betriebe wie Krack in Deidesheim, Höfer in Würzburg oder BurkhardtSchür in Bürgstadt – um nur einige zu nennen – haben sich in wenigen Jahren an der Spitze etabliert.
Das Sekthaus BurkhardtSchür etwa begann erst 2012 und brachte die ersten Sekte 2018 auf den Markt. Der Aufbau kostet Zeit, und da Sebastian Schür hauptberuflich als Außenbetriebsleiter bei Paul und Sebastian Fürst tätig ist, sind einer Expansion Grenzen gesetzt: »Das Kleinsein hat auch seine Vorzüge«, sagt die dreifache Mutter Laura Burkhardt.
Derzeit verwendet das Sekthaus Trauben aus Zukauf – etwa Pinot Meunier (also Schwarzriesling) aus dem nahen Taubertal – und formt aus ihnen aromatisch sehr klare, harmonische Sekte. Wäre es nicht reizvoll, auch den Weinbau in die eigenen Hände zu nehmen? Da wird im Telefoninterview mit Laura Burkhart das Zögern und Ringen um eine Antwort am anderen Ende der Leitung förmlich hör- und spürbar.
Ein Betrieb, der den Sprung vom Geheimtipp zum Leuchtturm mit eigenen Weinbergen in wenigen Jahren geschafft hat, ist Griesel & Compagnie an der Hessischen Bergstraße: Mit den Lagensekten aus den zuvor völlig unbekannten Weinbergen Fürstenlager und Höllberg (von beiden Weinbergen gibt es je einen Pinot Noir und einen Pinot Blanc) setzt das erst 2013 gegründete Sekthaus heute Standards an Tiefe und mineralischem Biss.
Wo führt die Zukunft hin? »Wachsen wolllen wir nicht mehr«, sagt Griesel-Chef Niko Brandner. »Im Keller steigt der Holzanteil, die Stahltanks werden peu-à-peu alle ersetzt. Und es wird einen Riesling-Lagensekt geben: Hahnberg, von alten Reben auf Granit mit sehr geringer Bodenauflage.« Die Phenole dieses Weins, so Brandner, hätten eine exzellente Qualität, seien geradezu »mundwässernd. Genau das, was uns Spaß macht«.