Durchwachsene Apfel-Ernte: Streuobstwiesen am Niederrhein trotzen düsterer Prognose
Streuobst in Gefahr? Während der Verband der deutschen Fruchtsaftindustrie düster in die Zukunft blickt, hängen die Bäume am Niederrhein voller Äpfel. Peter van Nahmen weiß, warum die Prognose so unterschiedlich ist – und erklärt, was das Besondere an Streuobstwiesen ist.
Besonders überrascht wirkt Peter van Nahmen nicht, als man ihn auf die Prognose des Verbands der deutschen Fruchtsaftindustrie e. V. (VdF) anspricht. Dieser erwartet nach der aktuellen Fruchtbehangschätzung im kommenden Herbst nur eine Streuobsternte von rund 300.000 Tonnen – zum Vergleich: Im Rekordjahr 2018 betrug die Erntemenge über eine Million Tonnen. Klaus Heitlinger, Geschäftsführer des Verbands erklärt: »In den vergangenen Jahren wiederholen sich leider zunehmend schwache Apfelernten im Streuobstbereich«.
Van Nahmen, Inhaber der gleichnamigen Obstkelterei im niederrheinischen Hamminkeln, kann diese Prognose zumindest am Niederrhein nicht bestätigen. Seine Apfelbäume hängen so voll, »da muss man schon fast Angst haben, dass der Ast abbricht. So unterschiedlich und vielfältig ist das eben in Deutschland«, erklärt er. Die Prognose resultiere insbesondere auf den Streuobstwiesenbeständen in Süddeutschland – Kollegen aus der Region bestätigen die voraussichtlich schlechte Ernte und blicken mit Sorge auf ihre Wiesen.
»Bei Streuobstwiesen gibt es eine starke Alternanz. Auf ein gutes Jahr, folgt üblicherweise ein nicht so gutes Jahr.«
Wassermangel als Hauptproblem
Das Problem: In einigen Gebieten sei der Grundwasserspiegel um bis zu zwei Meter gesunken, was es den Baumwurzeln unmöglich macht, diese Wasserspeicher noch zu erreichen. Zudem habe sich in den vergangenen Jahren der Beginn der Blüte um rund zwei Wochen nach vorn verlagert, was dem VdF zufolge für eine zusätzliche Gefahr durch kalte Nächte sorgt. Mit Faktoren wie starkem Wind sorgt das dafür, dass die Bäume verstärkt Früchte abwerfen, um die dann noch verbleibenden Äpfel ausreichend versorgen zu können.
Aber auch ohne die schlechte Wasserversorgung, sind gute Ernten nicht garantiert. »Bei Streuobstwiesen gibt es eine starke Alternanz. Auf ein gutes Jahr, folgt üblicherweise ein nicht so gutes Jahr, sodass man nach der guten Ernte 2022 damit rechnen konnte«, sagt van Nahmen.
Experte rät zu Mundraub
Das Besondere an Streuobstwiesen: Hier wachsen mehr als 1500 alte Apfelsorten – von »Kaiser Wilhelm« über »Schöner von Boskoop« (»nicht der heutige Boskop!«, betont van Nahmen) bis hin zur »Rheinischen Schafsnase«. Sie schmecken besonders intensiv und aromatisch – ein gänzlich anderes Geschmackserlebnis als von Äpfeln, die auf Plantagen wachsen. Deshalb rät van Nahmen allen Schulklassen, die ihn besuchen, wenn sie eine Streuobstwiese sehen, Mundraub zu betreiben. »Alte Apfelsorten sind in der Säure etwas höher und dadurch spritziger«, schwärmt er.
Für die Apfelsaftproduktion sieht er ebenfalls keine Probleme, die Preise steigen hierzulande höchstens durch die steigenden Energie- und Produktionskosten. Eine schwache Ernte spiele da nur eine geringe Rolle. Von einer Krise, wie man sie zurzeit bei der Orangenernte in Brasilien und Florida erlebe, seien wir hierzulande noch weit entfernt. Diese sei so desaströs, »dass es historisch noch nie so hohe Preise für Orangensaft gegeben hat«, erklärt van Nahmen. Für seine Streuobstwiesen gilt derweil: »Toi toi toi – hier sieht alles nach einer üppigen Ernte aus«, freut sich van Nahmen.