Hermann »Stikel« Schwarzenbach für sein Lebenswerk geehrt
Die Schweizerische Vereinigung der Weinfreunde überreicht dem Meilener Ausnahmewinzer den »Prix Ami du Vin«.
Als Hermann Schwarzenbach senior im Jahr 1979 seinem gerade von einem Arbeitsaufenthalt in Australien zurückgekommenen Sohn die Verantwortung übergab, war Hermann »Stikel« Schwarzenbach bereits der vierte Mann dieses Vornamens an der Spitze des namhaften Zürichsee-Weinguts. Die ersten Jahre, die der von Kindesbeinen an Rebstickel-schlanke Schwarzenbach an der Spitze des Betriebs stand, waren witterungsbedingt nicht einfach: Der erste Lichtblick war der Jahrgang 1983, dann kamen mit 1985 und 1988 zwei weitere akzeptable Jahre. In seiner Dankesrede während der Preisverleihung in Meilens Restaurant Löwen blickte Schwarzenbach nicht nur des Wetters wegen mit leichter Skepsis auf diese Zeit zurück: »Am Anfang war ich noch sehr technikgläubig, aber wenn man zurückschaut, dann haben sich die Weine der achtziger Jahre nicht so gut gehalten.«
Schwarzenbach führte die Traditionen weiter, welche die Generationen vor ihm begonnen hatten, vor allem mit der Lokalsorte des Zürichsees, dem Räuschling, aber auch mit Müller-Thurgau (damals noch »RieslingxSylvaner« genannt), und mit dem »Klevner«, dem Zürichsee-Pinot noir. Gleichzeitig spielte Schwarzenbach eine unglaubliche Klaviatur an Rebsorten, Freisamer, Pinot gris und Completer etwa, und und nach kamen neue hinzu: Sauvignon und Sémillon, Chardonnay und Cabernet Sauvignon. Um Lemberger zu pflanzen, stand er mit Michael Graf Adelmann in Württemberg im Austausch. Er kaufte im Wallis Syrah-Trauben, um sein in Australien erworbenes Wissen um diese Sorte auch im Meilener Keller anzuwenden. Ein unstillbarer Wissensdurst! Nicht einmal Ehefrau Cécile, verantwortlich für alle wirtschaftlichen Dinge im Weingut, vermochte den Tatendrang zu bremsen. Einmal habe er ihr gesagt, er brauche unbedingt noch dieses eine neue Werkzeug. Cécile Schwarzenbach habe eingewandt, dass sie doch grade schon so viel investiert hätten und dass das im Moment nicht drin sei. Darauf habe er zugeben müssen: »Ich habe es schon gekauft«.
Schon in den neunziger Jahren experimentierte Schwarzenbach mit Spontangärungen – lange also, bevor sie in Mode kamen. »Es ist ja gar nicht so, dass wir Menschen den Wein machen«, so Schwarzenbach auf der Bühne in Meilens Restaurant Löwen, »es sind die Kleinstlebewesen, es ist die Mikrobiologie, die den Wein macht.« Diese Überzeugung führte Schwarzenbach zu einer einmaligen Entdeckung: Als er im Sommer 2008 aus den Beständen der Familie eine bis zurück zum Jahr 1895 zurückreichende Vertikale mit Meilener Räuschlingen veranstaltete, bat er den Wädenswiler Mikrobiologen Professor Jürg Gafner, das Depot der uralten 1895er Flasche zu untersuchen – Ende des 19. Jahrhunderts standen ja noch keine Filter zur Verfügung, die den Wein vor der Abfüllung blitzblank hätten machen können. Und wirklich: Im Satz befanden sich Hefezellen, und sie ließen sich sogar wieder zum Leben erwecken. Bereits bei den ersten Gärversuchen mit der alten, wiedergewonnenen Hefe stellte sich heraus, dass sie in ihren Aromen besonders neutral und zugleich ausgesprochen robust beim Gärverhalten ist, man hat weder Gärstockungen noch Hefeböckser zu befürchten. Schwarzenbach gründete eine Firma, die diese historische, aus einer ursprünglichen Weinbergsflora stammende Hefe seither auch anderen Winzern zur Verfügung stellt.
Vor der stimmungsvollen Preisverleihung hatten die rund 100 Gäste des Anlasses die Gelegenheit gehabt, im Keller der Schwarzenbachs in Obermeilen etwa vier Dutzend gereifte Weine zu verkosten, darunter auch noch solche, die noch Hermann »Hermi« Schwarzenbach (1921–2011) gekeltert hatte. Wir fügen hier einige Verkostungsnotizen an. Mit Alain Schwarzenbach, der den Betrieb im Jahr 2016 übernommen hat, hat die fünfte Generation zwar die dynastische Reihe des Vornamens »Hermann« verlassen, doch die Stilistik der Weine ist im Wesentlichen unverändert: Klarheit des Ausdrucks, Zürichsee-Eleganz, Frische – diesen Fingerprint hat Stikel Schwarzenbach von seinem Vater übernommen und an seinen Sohn weitergegeben.