Kartenzahlung, bitte! – Ist das Bargeld in der Gastronomie bald Geschichte?
Das Klirren von Münzen und das Rascheln von Scheinen – bald Geschichte? Die Bundesregierung plant, elektronische Bezahlmethoden in Gastronomiebetrieben verpflichtend vorzuschreiben. Was das für Gastgeberinnen, Gäste und das bargeldverliebte Deutschland bedeutet.
Die Bundesregierung arbeitet derzeit an einer gesetzlichen Regelung, die Unternehmen dazu verpflichtet, digitale Bezahlmethoden anzubieten – auch in Restaurants, Bars und Cafés. Im Koalitionsvertrag ist festgehalten: Auch kleinere Betriebe sollen künftig »schrittweise mindestens eine digitale Zahlungsoption anbieten«. Die Begründung: In einer digitalisierten Gesellschaft dürfe niemand gezwungen sein, vor dem Restaurantbesuch einen Geldautomaten aufzusuchen.
Zwischen Kassenbon und Kartenleser
Für viele Betriebe gehört Kartenzahlung längst zum Alltag. Urbane Cafés, Restaurants und Bars setzen auf moderne Kassensysteme und kontaktloses Bezahlen via Smartphone oder Karte. Doch nicht überall ist der digitale Wandel so weit fortgeschritten – vor allem in ländlichen Regionen oder bei kleinen Familienbetrieben bremsen Systemkosten, Transaktionsgebühren und technische Hürden den Fortschritt.
Andreas Jonderko, Geschäftsführer des Kassensystem-Anbieters Gastronovi, sieht dennoch Potenzial: »Digitale Bezahlmethoden gehören heute zum Alltag – Gastronomen profitieren davon. Schnelle Abrechnungen, weniger Fehler, höhere Umsätze: Das ist nicht nur modern, das ist effizient.«
Sternekoch Wolfgang Becker vom »Becker’s« in Trier blickt differenziert auf die Diskussion: »Prinzipiell bin ich gegen Verbote beziehungsweise gegen solche Zwangsmaßnahmen.« Gleichzeitig räumt er ein, dass die Realität oft eine andere sei: »Die meisten Betriebe, die keine Kartenzahlung akzeptieren, tun dies, um Einnahmen am Finanzamt vorbeizuschleusen – häufig handelt es sich dabei um kleinere Kneipen, Pizzerien und ähnliche Lokale.« Eine Pflicht zur Kartenzahlung könne hier durchaus zur Transparenz beitragen, müsse aber wirtschaftlich tragfähig bleiben: »Dabei wird oft übersehen, dass dem Gastronomen auch nicht unerhebliche Kosten entstehen.« Beim bargeldlosen Bezahlen tragen nämlich nicht die Kundinnen, sondern die Händler die Kosten: Für jede Kartenzahlung fällt eine sogenannte Händlergebühr an, die an die abwickelnde Bank gezahlt wird. Gerade kleinere Betriebe mit geringen Margen oder saisonalem Geschäft kämpfen ohnehin mit wirtschaftlichem Druck – jede zusätzliche Gebühr kann da zum Balanceakt werden.
Die Debatte ums Trinkgeld
Ein weiterer Punkt, der nicht vergessen werden soll: Bargeld ist weit mehr als nur ein Zahlungsmittel – es steht für Nähe, Authentizität und nicht zuletzt: Trinkgeld. Philipp Vogel, Spitzenkoch im Boutique-Hotel »Orania.Berlin« in Kreuzberg, plädiert für eine ausgewogene Sicht: »Ich finde: Bargeld gehört weiterhin in die Gastronomie.« Für sein Team sei es wichtig, am Ende des Abends direkt Trinkgeld mitnehmen zu können – »ohne Umwege über die Buchhaltung«. Zwar verstehe er, so wie sein Kollege aus Trier, die Debatte um Schwarzgeld, doch Vogel betont: »Dann sollten wir vielleicht an anderer Stelle ansetzen – etwa bei Haus- und Autokäufen, die man nach wie vor in bar abwickeln kann.« Deutschland ist eines der wenigen Länder Europas, in dem Bargeld nach wie vor so eine zentrale Rolle spielt – aus kultureller Gewohnheit, womöglich aber auch aus Misstrauen gegenüber digitaler Kontrolle. Deshalb ist das Ziel auch lediglich, Kartenzahlung verpflichtend zu ermöglichen – nicht, Bargeld abzuschaffen.
Steuerkontrolle statt Generalverdacht
Transparenz ist eines der zentralen Argumente der Befürworter der neuen Regelung. Und tatsächlich stehen Bargeldgeschäfte in der Gastronomie seit jeher im Fokus der Steuerbehörden. Kassen-Nachschauen, TSE-Pflicht und Betriebsprüfungen gehören für viele Gastronomen bereits zum Alltag.
In Nordrhein-Westfalen, beispielsweise, ist dafür seit Januar 2025 das neue Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität (LBF NRW) im Einsatz. Die zentrale Ermittlungsbehörde mit rund 1.200 Beschäftigten fokussiert sich auf bargeldintensive Branchen – Gastronomiebetriebe inklusive. Im Zentrum steht die Prüfung ordnungsgemäßer Kassenführung. Fehlen Nachweise oder werden Manipulationen festgestellt, drohen hohe Nachzahlungen. Betriebe, die ausschließlich Barzahlung akzeptieren, sind gut beraten, lückenlos zu dokumentieren.
Branchenverband warnt vor Pauschalpflicht
Der Hotel- und Gaststättenverband »DEHOGA Baden-Württemberg« warnt hingegen vor vorschnellen Schritten. Zwar sei die Digitalisierung in vielen Betrieben angekommen – »auch, weil ihre Gäste es erwarten«, so der Verband. Doch gerade im ländlichen Raum fehle es oft an stabilem Internet und verlässlicher Technik.
»Die Wahlfreiheit im Zahlungsverkehr ist ein hohes Gut – für Gäste wie für Betriebe.«
Zudem brauche es pragmatische Lösungen für Gastronomieformen abseits klassischer Restaurants: »Das gastronomische Geschäft auf dem Wochenmarkt oder an der Eisdiele lebt von Schnelligkeit – da kann man nicht jedes Mal ein Terminal hochfahren, wenn ein Kind ein Eis für 1,50 Euro kauft.« Die klare Position des Verbands: »Die Wahlfreiheit im Zahlungsverkehr ist ein hohes Gut – für Gäste wie für Betriebe.«
Die Meinung der Gäste
Für Konsumentinnen überwiegen die Vorteile: kontaktloses Zahlen ist schnell, hygienisch – und bequem. Vor allem jüngere Generationen erwarten digitale Optionen. Studien zeigen außerdem, dass Restaurants, die ausschließlich Bargeld akzeptieren, zunehmend Umsätze verlieren.
Auch Kassensystem-Experte Jonderko betont: »Die Pflicht zur digitalen Zahlungsoption ist eine Chance – kein Zwang.« Gleichzeitig müsse Wahlfreiheit bestehen bleiben. »Wer heute in digitale Systeme investiert, stärkt nicht nur den Service, sondern auch die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Die Zukunft der Gastronomie ist vernetzt – und die Technik längst verfügbar.«
Also?
Der geplante Schritt in Richtung flächendeckender Kartenzahlung wirft Fragen auf – aber auch Perspektiven. Zwischen Anspruch und Alltag klafft vielerorts noch eine Lücke. Damit die Branche nicht gespalten wird, braucht es tragfähige, praxisnahe Lösungen: mit Augenmaß, digitalem Rückgrat – und Respekt vor der Vielfalt gastronomischer Realität. Dabei geht es am Ende nicht darum, Bargeld abzuschaffen – sondern dem Gast die Wahl zu lassen, wie er bezahlen möchte.