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Die Winzerin aus dem Misox

Interview
Jungwinzerin
Winzerin
AOC-Wein
Graubünden
Schweiz

Madlaina Erni ist die einzige, die unter der geschützten Ursprungsbezeichnung des Misox produziert. Im Gespräch mit Falstaff erzählt die 30-jährige Winzerin, dass sie eigentlich gar nie Winzerin werden wollte, wie sie ihre Reben pflegt und warum sie den Weinbau nicht als Männerdomäne bezeichnen würde.

Falstaff: Es ist kurz vor Mittag. Was hast du gerade gemacht?

Madlaina Erni: Ich habe gerade die Reben geschnitten. Heute ist schönes Wetter und am Wochenende soll es schlecht werden.

Dein Alltag ist also stark vom Wetter abghängig?

Ja, absolut. Mein Beruf ist sowohl wetter- als auch saisonabhängig. Je nach Jahreszeit arbeite ich entweder draussen in den Reben, im Keller oder direkt mit Kund:innen. Diese Vielfalt macht meinen Alltag spannend.

Du bist vor kurzem 30 Jahre alt geworden. Seit wann interessierst du dich für den Weinbau?

Den Betrieb Viticoltura Rohner Erni habe ich 2016 übernommen. Das war eine Herzensentscheidung. Zuvor habe ich ein anderes Leben geführt. Mein Vater hatte einen schweren Traktorunfall, und die Person, die eigentlich die Nachfolge antreten sollte, entschied sich dagegen. In dieser Übergangsphase half ich aus und merkte schnell, dass ich das wirklich machen wollte. Niemand hatte das erwartet – nicht einmal ich selbst.

Das heisst, du bist jetzt Betriebsleiterin.

Ja, genau. In einem kleinen Betrieb wie unserem ist die Arbeit sehr vielseitig. Ein Tag kann damit beginnen, dass ich morgens in den Reben stehe, und nachmittags eine Degustation leite. Ich liebe diese Abwechslung. Mal geniesse ich die Ruhe der Reben, mal habe ich Lust, unter Menschen zu sein.

Mit welchen Herausforderungen hattest du bisher zu kämpfen?

In einem kleinen, handwerklichen Betrieb steht und fällt die ganze Saison mit uns. Ich möchte, dass den Menschen bewusst ist, dass hinter jedem Wein eine Saison harter Arbeit steckt. Egal, wie anstrengend es ist, am Ende schaffen wir es alle, tolle Weine auf den Tisch zu bringen. Das darf man nicht vergessen.

Eure Weine sind für ihren Purismus bekannt. Kannst du mir etwas mehr über deine Weinbauphilosophie erzählen?

2019 habe ich gemeinsam mit dem Plantahof die Herkunftsbezeichnung «AOC Graubünden Misox» ins Leben gerufen. Identität ist die Basis meines Schaffens. Ich bin die Einzige, die unter dieser AOC produziert. Für mich ist es wichtig, puristisch und nachhaltig zu arbeiten. Unsere klimatischen Bedingungen sind so gut, dass ich keine Kompromisse eingehen muss was die Qualität angeht. Mein Ziel ist es, das Gleichgewicht in den Reben und nicht im Keller zu schaffen. Wir setzen auf ein geschlossenes Landwirtschaftsystem: Dank unseren Schafen und Hühner, die uns mit wertvollem Kompost bescheren, produzieren wir den ganzen Dünger für unsere Reben selbst.

Unsere Reben wachsen auf steilen, historischen Terrassen – ein echter «heroischer Weinbau». Alles wird von Hand gemacht, um die alten, bis zu 100-jährigen Rebstöcke optimal zu pflegen. Im Keller erfolgt die Gärung spontan, jede Lage wird separat vinifiziert. Wir setzen auf lange Maischestandzeiten, damit die Gerbstoffe samtig werden.

Du hast einen roten Spumante aus 100 Prozent Merlot kreiert. Was hat dich zu dieser ungewöhnlichen Kreation inspiriert?

Ich hatte und habe oft Lust auf Bubbles, besonders nach einem Tag in den Reben. Unsere Hauptsorte ist Merlot – daher war klar, dass der Schaumwein aus Merlot sein musste. Er passt hervorragend zu einheimischen Gerichten: Die Kohlensäure bindet Fett, und der Rotwein harmoniert mit der Würze unserer regionalen Küche. Immer mehr Kund:innen entdecken, wie vielseitig er einsetzbar ist – vom Apéro bis zum ganzen Mittag- oder Abendessen.

Wein ist für dich ein landwirtschaftliches Produkt und kein Luxusgut. Wie schlägt sich diese Überzeugung in der Preisgestaltung nieder?

Wein gehört auf jeden Tisch – so wie Brot oder Käse. Er hat einen kulturellen und traditionellen Wert. Unsere Preispolitik orientiert sich an fairen Preisen für hohe Qualität. Trotz der aufwendigen Handarbeit und geringen Erträge wollen wir, dass unsere Weine für so viele Menschen wie möglich erschwinglich bleiben.

Als junge Frau in einer traditionell männerdominierten Branche – was bedeutet Erfolg für dich?

Ich sehe mich einfach als Winzerin und Landwirtin. Historisch gesehen war die Landwirtschaft immer auch Frauensache – unsere Grossmütter haben sich um Tiere und Felder gekümmert. Deshalb würde ich den Weinbau nicht unbedingt als Männerdomäne bezeichnen. Ich fühle mich in meinem Beruf sehr wohl, und es freut mich, wenn männliche Kollegen mich um Rat fragen. Erfolg bedeutet für mich, dass meine Weine in coolen Restaurants auf der Karte stehen – dabei spielt das Geschlecht in meinen Augen keine Rolle.

Danke für das Gespräch, Madlaina Erni.


Linda Carstensen
Linda Carstensen
Portalmanagerin Schweiz und Autorin
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