«Trends und Moden haben uns von Beginn an nicht interessiert»
Abadía Retuerta ist eines der ambitioniertesten Weinprojekte Spaniens. Das ehemalige Kloster aus dem 12. Jahrhundert vereint Weingut, Fünf-Sterne-Hotel und Michelin-Stern-Restaurant. Im Falstaff-Talk spricht CEO und Managing Director Enrique Valero darüber, warum Trends ihn nicht interessieren, wie durch ein Missgeschick einer der bekanntesten Weissweine Spaniens entstand und warum Weintourismus die Zukunft des Landes prägen wird.
Falstaff: Abadía Retuerta hat vor einigen Jahren den Status «Vino de Pago» erhalten. Was bedeutet das für das Weingut?
Enrique Valero: Das ist für uns sehr wichtig. Für mich ist es weit mehr als nur ein weiteres Label, es ist die Anerkennung für 30 Jahre Arbeit. Unsere Weine besitzen eine starke Persönlichkeit, die im erweiterten Sinne auf dem Terroir basiert: Boden, Höhe, Klima, die Rebsorten, die wir vor 35 Jahren gepflanzt haben, und natürlich das Team, der menschliche Faktor.
Worin liegt die unverwechselbare Identität von Abadía Retuerta?
Ich glaube, es ist die Mentalität. Trends und Moden haben uns von Beginn an nicht interessiert. Stattdessen setzen wir konsequent auf Forschung und Innovation.
Welche Themen stehen dabei aktuell im Fokus?
Wie überall ist der Klimawandel ein zentrales Thema. Wir ernten heute rund einen Monat früher als vor 20 Jahren. Um darauf zu reagieren, müssen wir genau verstehen, wie verschiedene Rebsorten funktionieren und wie wir unsere Weinberge bewirtschaften. Gleichzeitig hat sich der Markt verändert: Konsumentinnen und Konsumenten suchen im Fine-Wine-Segment heute elegantere Weine mit weniger Alkohol. Deshalb arbeiten wir neben Tempranillo auch mit Garnacha und Graciano – Rebsorten, die in unserer Region nicht üblich sind.
Weissweine gewinnen in Spanien zunehmend an Bedeutung. Welche Rolle spielen sie bei Abadía Retuerta?
Eine wachsende. Wir experimentieren mit über 25 Rebsorten, meist in Kleinstmengen von ein oder zwei Fässern, die nicht in den Verkauf gehen. Ein besonders schönes Beispiel ist unser Sauvignon Blanc, der durch ein Missgeschick der Rebschule entstand, als einige Sauvignon-Blanc-Reben versehentlich in einem Merlot-Plot landeten. Bei der ersten Ernte machte jemand den Witz, dass es wohl weisser Merlot sein müsse, wie sich herausstellte, war es aber Sauvignon Blanc. Aus diesem Zufall wurde ein elfjähriges Experiment im Rahmen unserer Winemaker’s Collection, einer streng limitierten Versuchsreihe. 2009 verkosteten wir den Wein und es war sofort klar, dass hier etwas Besonderes entstanden war. Heute zählt unser Le Domaine Blanco zu den bekanntesten Weissweinen Spaniens.
Wie blicken Sie auf die Zukunft des spanischen Spitzenweins?
Optimistisch. In den letzten 20 bis 25 Jahren haben wir enorm in Produktion, Technologie, Forschung und in das Verständnis internationaler Märkte investiert. Früher wurden 90 Prozent der Weine in Spanien konsumiert, heute ist das anders. Es gibt etwa 50 bis 100 Weingüter, die nicht nur «value for money» bieten, sondern Weine mit Charakter und Tiefe. Märkte wie die Schweiz oder die USA sind äusserst wichtig in diesem Zusammenhang. Wir investieren auch sehr stark in den Wissenstransfer.
Welche Rolle spielt Weintourismus hierbei?
Eine entscheidende. Unser Hotel im Kloster hat 30 Zimmer, mehr als 60 Prozent der Gäste sind international. Die aussagekräftigste Marktforschung ist, wenn sie unsere Weine probieren, lächeln und das Glas am Ende leer ist. Weintourismus verändert den Tourismus in Spanien grundlegend. Es kommen immer mehr junge Menschen zu uns, häufig in Gruppen, nicht um Tanks oder Fässer zu sehen, sondern um Kultur, Philosophie, Terroir und Geschichte zu erleben. Manche trinken gar nicht, sondern wollen einfach verstehen, was wir tun. Ich bin überzeugt: In zehn Jahren wird Spanien stärker für Wein- und Kulturtourismus bekannt sein als nur für Strand und Sonne.
Weitere Informationen zur Abadía Retuerta gibt es hier.