Wien Alsergrund: Kulinarik-Tour durch den 9. Bezirk
Böse Zungen behaupten, das Servitenviertel wäre gerne das Pariser Marais. Schlaue Zungen schweigen und genießen die Melange aus frankophiler Gastronomie, urwienerischer Wirthausküche und richtig guten Drinks.
Die Götter der Stadtplanung knauserten, als sie Wien mit Plätzen bestückten. Viele Adressen, die einen solchen Ort, nämlich jenen des geselligen Treffpunkts verheißen, halten dieses Versprechen nicht. Plätze mit »Piazza-Charakter« sind rar gesät.
Aber wo ein Wille, dort findet sich auch in Wien ein Gässchen, das alle Bedürfnisse der öffentlichen Zusammenkunft erfüllt. Vor der Servitenkiche in der Rossau entfaltet sich genau jener Idealtypus eines kleinstädtischen Fleckchens, das zum Anziehungspunkt der Nachbarschaft wird – nicht nur am donnerstäglichen Markttag.
Kleinstadt-Feeling
Der Alsergrund adert mit seinen Hauptstraßen gleichmäßig in alle Himmelsrichtungen aus, das Herz des Bezirks schlägt allerdings im idyllischen Servitenviertel an der Rossauer Lände. Umsäumt wird der Kirchenvorplatz von Betrieben, die das Lebensgefühl langsam tickender Uhren bedienen und vielleicht deshalb Wiener aus allen Ecken der Stadt anlocken. »Im Servitenviertel ist es deutlich ruhiger als etwa im siebenten Bezirk. Die nachbarschaftliche Atmosphäre lädt zum Verweilen und Genießen ein«, erklären Arik Mähr und Isabella Hofmann, die sich im Vorjahr mit ihrer veganen Pâtisserie »Chez Fritz« unweit der Kirche niedergelassen haben.
In dem Grätzel haben sie das passende Umfeld für ihren Traum aus Zucker und Teig gefunden: »Die verkehrsberuhigte grüne Gasse mit französischem Flair, das freundliche Miteinander« – sofort habe man sich in das Lokal verliebt. Handwerk, saisonale Zutaten und der Faktor Zeit stecken in ihren süßen Kreationen: »Von Nusspasten bis Pralinés stellen wir soweit möglich alles selbst her – nur die notwendigen Produkte wie Kaffee oder Schokolade kaufen wir zu.« Bereits wenige Monate nach der Eröffnung und trotz starker Konkurrenz in unmittelbarer Nähe (Gregory Gouillards Bistrot »La Mercerie« in der Berggasse!) habe man bereits eine treue Stammkundschaft, die sich vor allem durch Vielfalt auszeichnet: »Sie haben bunte Haare, sind Goths, sie kommen in maßgeschneiderter Kleidung zu uns. Sie leben vegan, sie lieben Fleisch und Käse. Das, was sie gemeinsam haben, ist ihre Freude an gutem Essen.«
Nur wenige Minuten entfernt hat kürzlich das »Fish & Chips«-Bistro der »Seeteufel« eröffnet. Mit ihrem Foodtruck waren sie seit einigen Jahren im Burgenland unterwegs, nun haben sie in der Schwarzspanierstraße einen fixen Standort.
Diese Lust am Genuss ist im Servitenviertel allgegenwärtig: Hier reihen sich Feinkostläden, Wirtshäuser, Lunch-Hotspots und Cafés aneinander, als wäre der Alsergrund ein Arrondissement links des Seine-Ufers. Die Mieten sind hoch, der Anspruch ist es ebenso. Spitzenkoch Wolfgang Zankl-Sertl brachte mit seinem Fine-Dining-Wirtshaus »Pramerl & the Wolf« sogar einen Michelin-Stern ins Grätzel.
Das Lycée ist nur wenige Gehminuten entfernt, Frankreich liegt in der Luft, und der Beiname »Klein Paris« ist alles andere als weit hergeholt. Weit hergeholt, aber dafür in bester Qualität sind die Austern, die Gerald König aus der Bretagne in seinen Delikatessen-Shop »König Spezialitäten« liefern lässt. Im Sommer wird im dazugehörigen Schanigarten kredenzt. Ein weiterer Al-fresco-Hotspot im Grätzel: das »Kiang Wine & Dine«, wo chinesisches Streetfood auf eine gute Weinkarte trifft. Im »SteirAsia« kocht man fernöstlich mit steirischem Einschlag.
Moderne (Wein)Barkultur
Eine gute Weinauswahl muss man am Alsergrund nicht lange suchen: Einfach die Porzellangasse entlang, wo Matthias Pitra und Steve Breitzke ihr mehrfach prämiertes »Mast Weinbistro« (96 Falstaff-Punkte!) als prominente Anlaufstelle für Bio-Weine etablieren konnten. Der 26 Seiten dicken Weinkarte steht Lucas Lacinas hervorragendes Menü gegenüber.
Und wenn wir schon beim Abendprogramm sind, holt man sich beim Marco Pani seine legendäre »Thai Massage«: Der Signature-Drink des Mixologen hat 2023 an der Rossauer Lände eine neue Heimat gefunden: in der »Bar Pani«. »Der Bezirk hat eine besondere Atmosphäre – charmant, lebendig und zugleich entspannt. Die Nähe zu Kulturinstitutionen, charmante kleine Gassen und eine lebendige Gastroszene machen ihn für mich einzigartig.« Was noch gefehlt habe, war ein Ort, inspiriert von internationaler Barkultur und erstklassigen Indochina-Cocktails. »Unsere Gäste bringen eine wunderbare Mischung aus Kultur, Weltoffenheit und Genussfreude mit. Sie schätzen die entspannte Atmosphäre, die hochwertigen Drinks und das Gefühl, in guter Gesellschaft zu sein.«
Wirtshäuser relaoded
Das Servitenviertel klingt Ihnen zu sehr nach Postkartenromantik und Lifestyle-Kulinarik? Dann hereinspaziert in die warmen Beislstuben, davon gibt es in der Alsergrunder Vorstadt einige. Im holzvertäfelten Dreieck zwischen der Cordon-Bleu-Bastion »Reznicek«, einem grundsympathischen »Roten Bären« an der Lände und dem alle kulinarische Moden überdauernden »Gasthaus Rebhuhn« mischt auch die Wiener Küche mit. Letztere Alsergrund-Institution brachte einst gar Libertines-Singer Pete Doherty in seinen verwegensten Jahren dazu, den Rock ’n’ Roll bei der Türe abzugeben, als er das »Rebhuhn«-Gulasch essen wollte. Sonst tagen in der Gaststätte eher Philologen- oder Komparatistik-Stammtische der benachbarten Universitätsinstitute, deren Töne oft nicht minder bedeutungsschwanger sind als in Dohertys Indie-Rock-Hymnen. Und ja, das Gulasch ist so gut, dass es jede legale und nicht ganz so illegale Substanz schlägt.
Und wenn wir schon bei Suchtpotenzial im neunten Bezirk sind, können die wohl charmantesten Mozzarella-Dealer nördlich der A2, Pasquale und Gianni Valentino, nicht weit sein. Hinter ihrer Käsetheke wartet weißes Gold in Form von Stracciatella, Stracchino, Primosale, Ricotta und Burrata. Die Milch beziehen sie regional aus Laab im Walde, das Handwerk haben die Brüder aus ihrer apulischen Heimat mitgebracht.
Caseficio mit It-Faktor
Bei »Fratelli Valentino« handelt es nicht um eine gewöhnliche Käserei, sondern vielmehr um einen authentisch italienischen »Caseficio« mit It-Faktor, was zweifelsohne mit den Lebensläufen der spätberufenen Käsehändler zu tun hat. Dass hier ein Künstler und Barkeeper (Gianni) und ein Interior-Designer (Pasquale) am Werk sind, liest man am Mobiliar, an den Wänden und an der Getränkekarte ab.
Mit einer Garnitur aus vollbeladenen Aperitivo-Tellern, Vino, Spritz und Italo-Disco wird hier bis spätabends Frischkäse in rauen Mengen konsumiert. Die Extraschritte vom Servitenviertel zu den »Fratelli« auf der Alser Straße werden ob der geilen Ware die Kalorienbilanz nicht deutlich aufbessern, dafür führt ihr von Hand gezogener Käse umgehend zur Dopaminausschüttung.
Restaurants
Pramerl & the Wolf
Der Ausnahmekoch Wolfgang Zankl-Sertl zelebriert in seinem Gasthaus Fine-Dining-Küche mit Michelin-Stern. Eine Kombination, so selten wie die Zutaten (Seeigel) und Zubereitung (fermentierter Spargel).
Pramergasse 21/1, 1090 Wien, T: +43 1 9464139
pramerlandthewolf.com
Reznicek
Simon Schubert und Küchenchef Julian Lechner haben mit diesem Lokal eine Schnittstelle zwischen Altem und Neuem geschaffen. Besonders empfehlenswert: das Cordon bleu – und der Blick in die Weinkarte.
Reznicekgasse 10, 1090 Wien, T: +43 1 3104407
reznicek.co.at
Mast Weinbistro
Trotz oberster Qualität bei Speis und Trank herrscht in dem Weinbistro ungezwungene Atmosphäre. Matthias Pitra und Steve Breitzke sind profunde Weinkenner, Lukas Lacina sorgt für eine unprätentiöse Küche.
Porzellangasse 53, 1090 Wien, T: +43 1 9226679
mast.wine
Kian Wine & Dine
Das »Kiang« im Servitenviertel ist legendär: reduziertes Interieur, fantastisches, modernes Streetfood in Tapas-Form und eine erfreuliche Auswahl interessanter Weine. Spannend: die Innereienküche!
Grünentorgasse 19, 1090 Wien, T: +43 664 5153633
kiangwine-dine.com
Stomach
Seit Jahren lockt das »Stomach« mit geschmackvollem Interieur, idyllischem Gastgarten und einer unverschnörkelten, gutbürgerlichen Küche, die man zuweilen sanft modernisiert. G’schmackig und gemütlich.
Seegasse 26, 1090 Wien, T: +43 1 3102099
Zum Roten Bären
Hier stößt man auf ein Sammelsurium mit Versatzstücken aus Gastronomie und Kunst. Besonders beliebt beim jüngeren Publikum – hier wird kreative und unkomplizierte Küche geboten.
Berggasse 39, 1090 Wien, T: +43 1 3176150
zumrotenbaeren.at
Gasthaus Rebhuhn
Eine Institution: gepflegtes Ambiente und gelungene Klassiker der Wiener Küche, mitunter in Bioqualität. Bemerkenswert ist auch die Auswahl an kreativen Salaten.
Berggasse 24,1090 Wien, T: +43 1 3195058
rebhuhn.at
Streetfood
König – Spezialitäten aus Europa
Im Feinkostladen von König Gerald gibt es echtes Deluxe-Streetfood rund um Trüffel, Austern oder Foie gras. Im Schanigarten mit einem Gläschen dazu schmeckt es noch besser.
Servitengasse 6, 1090 Wien, T: +43 664 8450451
koenigswelt.at
Fratelli Valentino
Ein »Caseificio«, wie er auch in Italien nicht schöner sein könnte: Die Brüder Pasquale und Gianni kredenzen in ihrer Bar alle möglichen Formen in Ehrfurcht gebietender Qualität. Dazu gibt es feine Drinks und perfektes Dolce-Vita-Gefühl.
Alser Straße 36, 1090 Wien, T: +43 669 15022707
fratellivalentino.at
Steirasia
Der Fokus liegt auf asiatischen Gerichten, Zutaten aus Österreich schaffen ein Alleinstellungsmerkmal wie Steira-Rolls mit Kren und Kernöl-Aioli.
Servitengasse 3/1/1, 1090 Wien, T: +43 1 3463875
steirasia.at
Plain Vienna
Veganes Soulfood von früh bis spät: Zum Frühstück beginnt man mit den »Sweet Bowls«, dann geht es mit Mittagstellern aus der mediterranen oder orientalischen Ecke und Burgern weiter.
Berggasse 25, 1090 Wien, T: +43 676 6676883
plainvienna.at
Fish & Chips Bistro by Die Seeteufel
Das erste Lokal der Stadt, das sich ganz dem britischen Klassiker verschrieben hat – und sich traut, ihn da und dort umzuinterpretieren. Der Kabeljau stammt aus dänischem Wildfang.
Schwarzspanierstraße 22/1, 1090 Wien, T: +43 660 5638866
seeteufel.at
Cafés
La Mercerie
Wunderschöne Bäckerei mit Bistro. Die Mischung aus altem Mobiliar und stilvollen Fliesen schafft ein Ambiente, in dem Baguettes und Croissants perfekt zur Geltung kommen. Très chic!
Berggasse 25, 1090 Wien
Chez Fritz
Isabella Hofmann und Arik Mähr kreieren französische Patisserie – aber ohne tierische Produkte. Verwöhnt wird mit Tartes, Desserts und Macarons.
Servitengasse 13, 1090 Wien, T: +43 676 5434028
chezfritz.at
Bars
Bar Pani
Diese Bar ist ebenso das Wohnzimmer des Altmeisters Marco Pani wie der Gäste. Entschleunigendes Flair und der Signature-Cocktail »Thai Massage« garantieren eine »Grand Night Out«. Rossauer Lände 41, 1090 Wien, T: +43 1 9920066
barpani.com
Krypt
Versteckt in einem Gewölbekeller verbirgt sich die extravagante Bar. Herzstück ist die Theke, an der die Cocktailkünstler Meisterhaftes vollbringen. Die Drinks sind fabelhaft.
Wasagasse 17, 1090 Wien
krypt.bar