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Der kulinarische Knigge-Guide für den perfekten Japanbesuch

Japan
Knigge
Kultur

Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter – besser bekannt als das Künstlerduo Honey & Bunny – über vermeintliche Fettnäpfchen, interkulturelle Missverständnisse und die überraschende Erkenntnis: In Japan kann man sich als Reisender ganz wunderbar auf das Unbekannte, Peinliche und Andersartige einlassen.

Vor mehr als zwei Jahrzehnten lebten und arbeiteten wir als Architekten in Tokio. Dieser Aufenthalt hat unser Denken, unsere Kreativität und unser Interesse am Essen massiv beeinflusst. Bis heute inspiriert uns diese wunderbare Kultur, die ihre Nahrung so ernst nimmt wie kaum eine andere. In Japan haben wir gelernt, dass im Winter keine Tomaten wachsen, denn es gibt in Tokios Lebensmittelgeschäften ausschließlich saisonale Ware, und wir stellten fest, dass eine Millionenmetropole auch ohne Supermärkte überlebt.

Japans Kultur lehrte uns auch, dass Kultur völlig anders sein kann und trotzdem funktioniert und, dass nichts – wirklich gar nichts – peinlich ist. Martin entwickelte in Japan eine wahre Meisterschaft im Fettnäpfchenspringen. Er ließ absolut keine Gelegenheit aus, um interkulturelle Missverständnisse zu provozieren. Immer unabsichtlich aber doch, sprang er beidbeinig in jeden sich bietenden Fettnapf. Und was ist dann passiert: nichts!

Die ersten Missgeschicke

Am ersten Abend in Japan saß Martin in seiner ersten »running sushi bar« in Kyoto. Aus Wien war er gewohnt, dass Wasabi extra serviert wird. Also suchte Martin nach Wasabi und entdeckte dabei eine Art Zapfanlage gleich unterhalb des Förderbands. Der metallische Hahn und der daneben erinnern ein bisschen an Ketchupspender auf Skihütten. Also vermutete Martin das Wasabi hinter dieser Vorrichtung, hielt seine zwei Sushi darunter und drückte den Knopf. Heraus kam heißes Wasser. Völlig stoisch fragte der japanische Sitznachbar, ob Martin keinen rohen Fisch essen könne. Danach zeigte er dem hochroten Österreicher, dass der vermeintliche Wasabispender der Zubereitung von Grüntee dient. Das Wasabi ist immer zwischen Reis und Auflage.

Mit dem netten Mann unterhielt sich Martin daraufhin länger. Er wollte den Europäer mit seiner Frage keinesfalls bloßstellen. Vielmehr sind Japanerinnen und Japaner tatsächlich ständig besorgt, ob wir Langnasen rohen Fisch überhaupt vertragen. Also erkundigen sie sich höflichst immer wieder danach.

Wenn rohes Fleisch vom Blauflossenthunfisch, der Garnele oder vom Pferd uns Westlern schmeckt, dann können Sushi dennoch herausfordern. Stäbchen, Reisbällchen mit etwas zu großen Fischfilets und Sojasauce mögen einander – Martins Meinung nach – nicht so gerne. Entweder bleibt ein Teil vom Reis in der Sauce, oder der ganze Happen fällt weit spritzend in das Würzgebräu, oder beim Abbeißen landet eine Sushihälfte am Schoß. Alles ist passiert! Und wieder färbte sich der Kopf, bis er so rot war wie ein Stück Maguro (roher Thunfisch). Beim gemeinsamen Mittagessen mit unseren ausgesprochen netten Kollegen nahm sich schließlich einer ein Herz und wies uns darauf hin, dass Sushi traditionellerweise mit den Händen zum Mund geführt oder mit den Stäbchen als Ganzes in ebendiesen hineingestopft werden.

Das Paar lebte und arbeitete zwei Jahrzehnte in Japan. Das Land, das Essen so ernst nimmt wie kaum ein anderes, inspiriert sie bis heute.
© Honey & Bunny | Ulrike Koeb | Daisuke Akita
Das Paar lebte und arbeitete zwei Jahrzehnte in Japan. Das Land, das Essen so ernst nimmt wie kaum ein anderes, inspiriert sie bis heute.

Überforderte Gäste

Überhaupt ist die Stäbchenfrage allgegenwärtig. Selbst nach Monaten in Japan erkundigen sich fürsorgliche Tischgenossen und Kellner, ob man denn mit Hashi (Stäbchen) essen könne oder eine Gabel benötige. Auch das ist ein Ausdruck von Höflichkeit und Toleranz, denn der gepflegte Umgang mit Messer und Gabel kann auch ziemlich schwerfallen. Japaner versuchen immer, sich in die Lage von Fremden (Gästen) zu versetzen, in dem Wissen, irgendwann selbst ge- oder überforderter Gast zu sein.

Irgendwo in der Nähe von Nagasaki kam Martin mit seinen Stäbchen gar nicht klar. Das servierte Gericht war herausfordernd. Drei kleine Fischchen schwammen in einer Art Gurkenglas herum. Diese kleinen Dinger sollten wir mit Stäbchen fangen, lebend in den Mund stecken und runterschlucken. Nach vielen glücklosen Versuchen fing Martin schließlich seinen ersten Fisch und hob diesen mit seinen Stäbchen wie eine Siegestrophäe in die Höhe. Der Kleine witterte seine Chance, entwischte und landete zielsicher auf dem Teller einer Dame am Nebentisch. Wieder einmal änderte sich Martins Kopf in ein Ampelmännchen.

Wie in allen Gesellschaften auf diesem Planeten freut man sich auch in Japan sehr darüber, wenn Gäste Interesse an ihrer Kultur im Allgemeinen und ihrer Esskultur im Besonderen zeigen. Je mehr man bereit ist, sich auf Restaurants, Rezepte und Traditionen einzulassen, desto mehr wird man als Gast in die kulinarische Welt mitgenommen. Schon bald, nachdem wir begeistert beim Sumoringen zugesehen, beim Baseball die Tokyo Giants bejubelt und vielerlei Gaststätten ausprobiert hatten, saßen wir mit Freunden auf umgekehrten Bierkisten unter den Bögen der Yamanote Line und genossen frische Yakitori (Hühnerspießchen) und Okonomiyaki (selbst zubereitete Omeletts auf heißen Stahlplatten), grillten in einem Restaurant beim Mount Fuji über glühenden Holzkohlen Steckerlforellen oder bestellten in einer suburbanen Sushibar die rohen Geschlechtsteile eines Tiefseefischs.

Kulinarische Mutproben

Oft und gerne testeten unsere Gastgeber unseren Willen, in die Esskultur einzutauchen. Japaner haben eine diebische Freude an kulinarischen Mutproben. Dazu gehört das Servieren von fermentierten Sojabohnen, genannt Nato, das einzige Gericht der Welt, das wir beide tatsächlich nicht runterkriegen. Der Duft von altem Parmesan in Verbindung mit schleimiger Konsistenz geht einfach nicht. Vorgesetzt bekamen wir auch rohe Schweineleber und ebensolchen Rindermagen und natürlich allerhand unbekannte, teils recht unansehnliche Meeresfrüchte. Ratsam ist die ständige Verfügbarkeit eines gefüllten Bierglases; manches kann man einfach runterspülen.

Auf all das Unbekannte, Peinliche und Andersartige kann man sich in Japan ganz wunderbar einlassen. Das ist aufregend, exotisch, genussvoll und schafft lebenslange Freundschaften. Wir haben gelernt, dass beim Essen Beziehungen entstehen, wenn man unvoreingenommen probiert und sich im Rahmen der Höflichkeit und Gastfreundschaft nicht darum schert, ob man alles richtig oder falsch macht. Wer in Japan probiert, gewinnt. Kein Mensch ist böse, wenn Europäer ihre vielfältige, aber fremde Esskultur ganz oder teilweise ablehnen. Aber man würde selbst viel zu viel versäumen.

In Japan ist es ratsam, immer ein gefülltes Bierglas zur Verfügung zu haben. Manches kann man einfach runterspülen.
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In Japan ist es ratsam, immer ein gefülltes Bierglas zur Verfügung zu haben. Manches kann man einfach runterspülen.
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Honey & Bunny

Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter studierten Architektur. Während eines Arbeitsaufenthalts in Tokio begannen sie, sich für Food Design zu interessieren, seither gestalten und kuratieren sie Ausstellungen und Filme, realisieren Eat-Art-Performances und schreiben bzw. illustrieren Bücher.


 

Erschienen in
Special ÖSTERREICH mit Osaka (D)

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