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Zwischen Historie und Grandezza: Das Burgund mit seinen ikonischen Reblagen und Rebsorten ist seit Jahrhunderten Inspirationsquelle für den Schweizer Weinbau.

Zwischen Historie und Grandezza: Das Burgund mit seinen ikonischen Reblagen und Rebsorten ist seit Jahrhunderten Inspirationsquelle für den Schweizer Weinbau.
© Mauritius Images | Alamy Stock Photos | Javier LARREA

Schweiz & Burgund: Eine alte, aber lebendige Verbindung

Schweiz
Bordeaux
Weingut

Die Beziehung zwischen der Schweiz und dem Burgund ist älter, als viele denken, und lebendiger denn je. Was einst mit Mönchen, Monarchen und gebrauchten Fässern begann, ist heute ein fein nuancierter Dialog zwischen zwei Weinwelten, die sich ähnlich sind und doch eigene Wege gehen.

Anfang der 1970er-Jahre klingelte ein junger Bündner Winzer an der Tür der Domaine de La Romanée-Conti im Burgund. Ohne Termin, aber mit grossem Wissensdurst. André Noblet, der Kellermeister der Domaine, sei in den Ferien, übermorgen aber wieder zurück, teilte man Thomas Donatsch mit. Zwei Tage später stand Donatsch wieder vor der Domaine.

Dieses Mal wartete er aber auf der Kellertreppe, denn er war sich sicher, dass Noblet direkt im Keller nach dem Rechten sehen würde, sobald er zurückkehrte – und behielt damit recht. Nach einer Weile tauchte Noblet mit dem Koffer in der Hand auf, nahm Donatsch mit in das Allerheiligste, und teilte der Equipe mit, er wolle in den nächsten drei Stunden nicht gestört werden. Dem Bündner reichte er ein Glas Montrachet. «Es war ein miserabler Jahrgang, Noblet wollte meinen Vater testen», berichtet Martin Donatsch, der Sohn der im letzten Jahr verstorbenen Winzerlegende.

Auf die Frage, wie Donatsch den Wein finde, antwortete dieser: «Enttäuschend!» Eine ehrliche Antwort, die den Kellermeister von Romanée-Conti beeindruckte und den Beginn einer langen, lebendigen Freundschaft zwischen Noblet und Donatsch markierte, die nicht weniger als den Schweizer Weinbau revolutionieren sollte.

1973 brachte Donatsch drei gebrauchte La-Tâche-Fässer in die Bündner Herrschaft und baute als Erster in der Schweiz Pinot Noir im kleinen Holzfass aus. Ein Meilenstein. Und bei Weitem nicht das erste oder letzte Mal, dass das Burgund Einfluss auf die Schweiz nehmen sollte. In früheren Zeiten war dieser schliesslich auch politischer Natur.

Das Burgund ist nicht nur eine geografische Weinregion, sondern auch eine Philosophie und Denkschule.

Eine alte Allianz

Über zwei historische Phasen hinweg gehörten Teile der heutigen Schweiz zum Königreich Burgund: zunächst zwischen 443 und 534 n. Chr., als das erste burgundische Königreich auch Gebiete der Westschweiz umfasste, und später zwischen 888 und 1032, als das mittelalterliche Königreich Burgund weite Teile der Westschweiz sowie Basel, Solothurn, Bern und das Wallis einschloss.

Auch der weinbauliche Einfluss der burgundischen Herrscher auf diese Gebiete war beträchtlich und ist teilweise noch heute zu bestaunen. Etwa die spektakulären Rebterrassen des Lavaux, an deren Bau burgundische Zisterziensermönche massgeblich beteiligt waren. Sie prägten ab dem 12. Jahrhundert den Weinbau rund um Lausanne und Neuenburg.

Prägend war auch die Einführung der Rebsorte Pinot Noir, über deren Hergang man sich heute allerdings nicht ganz sicher ist. Der Legende nach soll Marie de Bourgogne sie unter dem Namen Servagnin nach Morges gebracht haben. Gesichert ist, dass Pinot Noir im Jahr 1776 in der Region Neuenburg erstmals dokumentiert wurde und, dass die rote Burgundersorte mit rund 4600 Hektaren Rebfläche und einem Anteil von etwa 30 Prozent die bedeutendste Rebsorte der Schweiz ist.

Terroir-Philosophie

Caroline Frey, Tochter des Schweizer Unternehmers Jean-Jacques Frey und eine der profiliertesten Önologinnen Frankreichs, kennt beide Welten gut. Sie lebt seit über zehn Jahren im Wallis, wo sie ein kleines bio­dynamisches Projekt mit Petite Arvine betreibt. Bis vor Kurzem führte sie zudem drei der angesehensten Weingüter Frankreichs: Château La Lagune in Bordeaux, Paul Jaboulet Aîné im Rhônetal und Corton Caroline im Burgund.

Für Frey ist das Burgund weniger ein geografischer Ort als eine Denkschule. Das Burgund, so Frey, sei spirituell und vom Erbe der Zisterzienser geprägt. «Die Art und Weise, wie man im Burgund mit dem Land umgeht, hat fast etwas Heiliges.» Weinbau im Wallis hingegen sei körperlich anspruchsvoller und bodenständiger.

«Die Philosophie ist ähnlich: In beiden Regionen besteht die starke Absicht, das Land sprechen zu lassen – Weine zu keltern, die präzise ihre Herkunft widerspiegeln. Schweizer Winzer konzentrieren sich zunehmend auf Mikro-Terroirs und lokale Rebsorten, was mich an die Art und Weise erinnert, wie die Burgunder mit ihren Climats umgehen.»

Nähe und Eigenständigkeit

Für Jan Martel ist das Burgund mehr als eine Weinregion: Es ist ein Virus, den man sich einfängt und kaum wieder los wird. «Das Burgund ist Himmel und Hölle zugleich. Du kannst masslos enttäuscht sein wegen der verrückten Preise, aber hast auf der anderen Seite auch Weinerlebnisse, die nicht von dieser Welt sind», berichtet der Geschäftsführer der St. Galler Weinhandlung Martel, einer der besten Adressen für Burgunder im deutschsprachigen Raum.

Zwischen der Schweiz und dem Burgund sieht er viele Parallelen. «Im Gegensatz zu anderen Regionen ist das Burgund eher ländlich organisiert. Die Weingüter sind eher klein, keine grossen Produktionen. Das ist ähnlich wie in der Schweiz», sagt Martel. Diese strukturellen Parallelen seien mitverantwortlich dafür, dass sich das Burgund in der Schweiz so tief verankert habe.

Was Martel besonders auffällt, ist die Beständigkeit der Konsumenten in ihrer Begeisterung für das Burgund. «Zu unseren Burgunder-Tastings kommen viele junge Leute, häufig unter 30. Sie trinken weniger, aber dafür besser», erläutert Martel. Dieser Bewusstseinswandel zeigt sich für ihn auch in einer Offenheit für Schweizer Weine: «Wer grosse Burgunder liebt, interessiert sich zwangsläufig auch für grosse Pinots aus Graubünden oder Neuchâtel.»

Von Schülern zu Meistern

Produziert werden die grossen Schweizer Burgunder häufig von Weinmachern, die ihr Handwerk auch im Burgund gelernt haben. Viele Shooting-Stars wie Markus Ruch, Rafael Hug, Tom Litwan oder Patrick Adank waren einige Zeit in der französischen Prestigeregion, um ihren Umgang mit Pinot und Co. zu schärfen.

Der Franzose Valentin Guichard, von der jungen, gleichnamigen Domaine in Knonau, studierte im Burgund Önologie und arbeitete anschliessend zehn Jahre in der Region. Unter anderem bei der Domaine Bizot in Vosne-Romanée. Den traditionellen Aspekt der Region und die Lagenklassifikation sieht er kritisch. Er schätzt die burgundische Ausbildung, lehnt die Hierarchisierung nach Grand Cru, Premier Cru und Village jedoch als dogmatisch ab. «Ein Village kann besser sein als ein Grand Cru», sagt er. «Es geht nicht um die Appellation, sondern um das, was wirklich im Glas ist, und das entsteht durch uns Menschen und nicht primär durch die Umgebung.»

So sehr das Burgund den Schweizer Weinbau geprägt hat und bis heute prägt, so stark ist mittlerweile auch das Selbstverständnis der Winzer hierzulande geworden. Die Schweiz hat gelernt, den burgundischen Geist nicht zu kopieren, sondern ihn zu transformieren. Martin Donatsch bringt es auf den Punkt: «Früher wollte man das Burgund kopieren. Heute wissen wir, wer wir sind. Und wir sind nicht der kleine Bruder vom Burgund.»


 

Erschienen in
Falstaff Magazin Schweiz Nr. 6/2025

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Dominik Vombach
Dominik Vombach
Chefredaktion Schweiz
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