Genf: kosmopolite Weinkultur
Im Umland der kleinen Weltstadt am Genfersee findet man die viertgrösste Weinregion des Landes. In dieser Ecke der Schweiz trifft kosmopolitische Atmosphäre auf uralte Weinbautradition.
Wer in der Deutschschweiz von Genf spricht, denkt in der Regel nicht an Rebberge, sondern an die Stadt am westlichen Zipfel der Schweiz. Sie ist weitherum bekannt und gilt als kosmopolitisch und voller Luxus. Wer etwas Zeit in der Stadt verbringt, merkt schnell: Hier prägen Diplomaten, Banker und internationale Organisationen das Bild genauso wie Studenten und Kreative.
Eine lebendige Restaurant- und Barszene zieht ein durchmischtes Publikum an, etliche Museen zeigen wechselnde Ausstellungen und Läden und Boutiquen bieten Ware für jedes Bedürfnis und Budget an. In dieser geschäftigen kleinen Metropole ist es einfach zu vergessen, dass nur wenige Minuten entfernt eine Idylle aus Weinbergen, Dörfern und sanften Hügeln auf Besucher wartet.
Viele Deutschschweizer wissen nicht, dass der Kanton Genf das viertgrösste Weinbaugebiet der Schweiz beheimatet. Auf rund 1400 über den ganzen Kanton verteilten Hektar wächst eine Vielfalt an verschiedenen Traubensorten. Möglich macht das ein Mosaik an unterschiedlichen Böden und Mikroklimata, geformt von den nahen Bergen und mehreren Gewässern. Schon Kelten bauten hier Trauben an, die Römer machten später Wein daraus.
Die Region gliedert sich in drei Gebiete: Die Rive Droite am nördlichen Rhôneufer, zu der das Mandement rund um Satigny, Dardagny und Russin gehört. Sie gilt als Herzstück des Genfer Weinbaus und macht mehr als die Hälfte der gesamten Rebfläche aus. Hier liegen einige der renommiertesten Weingüter der Region. Südlich der Stadt erstreckt sich das Gebiet Entre Arve et Rhône zwischen den gleichnamigen Flüssen. Das dritte Anbaugebiet, Entre Arve et Lac, liegt nordöstlich von Genf in Seenähe und profitiert von dessen klimatischer Ausgleichswirkung.
Winzer mit Pioniergeist
Im Kanton Genf kultivieren die Winzer ein vielseitiges Repertoire, das von der einheimischen Urtraube Chasselas über charakterstarke Gamays bis hin zu internationalen Rebsorten reicht. Gamay ist die wichtigste rote Sorte der Region und bildet die Basis für elegante, fruchtbetonte Rotweine. Gleich dahinter folgt der Chasselas, der in Genf oft überraschend eigenständig vinifiziert wird. Genauso ist der Pinot Noir hier schon lange heimisch.
Doch auch Sorten wie Merlot, Malbec oder Cabernet Sauvignon spielen dank zunehmender Sonnenscheinstunden eine wachsende Rolle. Ebenfalls sind die sogenannten PiWi-Rebsorten wie Divico oder Garanoir zu erwähnen, die immer beliebter werden. Sie zeichnen sich durch Resistenz gegen Krankheiten aus und machen Genf zu einer Pionierregion für nachhaltigen Weinbau. Die hiesigen Winzer zeigen überdies ein besonderes Geschick beim Assemblieren verschiedener Traubensorten. Es gibt viel zu entdecken!
Durstige Grossstadt
Der Grund dafür, dass diese Tropfen in der Deutschschweiz nicht so bekannt sind, liegt darin, dass ein Grossteil davon bereits in Genf getrunken wird – die Flaschen schaffen es also oftmals gar nicht aus dem Kanton hinaus. Umso spannender ist die Weinszene in der Stadt selbst. Auf den Weinkarten vieler Bars, Lokale und auch bekannter Sternerestaurants haben lokale Tropfen einen Sonderplatz. Einige Weinbars bieten sogar ausschliesslich Flaschen aus der Schweiz an – landesweit eine Seltenheit.
Nicht nur deswegen eignet sich Genf perfekt als Basis, um die Weinregionen des Kantons zu erkunden. Man geniesst den Komfort der Stadt mit ihren eleganten Luxus- und einladenden Boutiquehotels und der grossen Bandbreite an guten Restaurants. Trotzdem ist man in kurzer Zeit mitten in Rebbergen – auch mit dem Fahrrad, denn mehrere Routen führen vom Zentrum aus durch die verschiedenen Weingegenden. Etwa die «Route des Châteaux et Maisons fortes», die am Château Crest vorbeiführt, einem Schloss aus dem 16. Jahrhundert, in dem heute wieder Wein hergestellt wird.
Ländliche Idylle
Wer voll in die ländliche Idylle eintauchen will, findet natürlich auch ausserhalb des Stadtzentrums hochwertige Optionen zur Übernachtung. Sehr zu empfehlen ist die «Domaine de Châteauvieux» in Satigny. Sie befindet sich mitten in den Rebbergen, bietet Zimmer mit grossem Komfort und ein fantastisches Restaurant. Von hier aus kann man gut zu Fuss losziehen, um die Rebberge der Region zu erkunden.
Viele Kellereien empfangen auf Voranmeldung Besuch. Am besten plant man die Weinreise aber während der «offenen Weinkeller» im Mai. Dann kann man im ganzen Kanton rund 80 Winzer und Winzerinnen besuchen und ihre neuen Jahrgänge probieren. Dabei lernt man nicht nur spannende Persönlichkeiten kennen, sondern auch eine Vielzahl an Traubensorten und Cuvées.
Nach der Verkostung kehrt man, wenn man möchte, wieder in die Stadt zurück. Denn das ist der Zauber von Genf: In keiner anderen Region liegen fantastische Weinkellereien so nahe an internationalen Institutionen, Luxushotels und Haute-Cuisine-Tempeln. Der Wechsel zwischen kosmopolitischem Grossstadtambiente und ländlicher Atmosphäre ist einmalig und die Qualität der hiesigen Weine allein schon eine Reise wert.