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Die Weltausstellung 1873: »Japonismus«-Faszination in Österreich

Japan
Österreich
Kultur
Kunst

Bei der Wiener Weltausstellung im Jahr 1873 präsentierte sich das japanische Kaiserreich erstmals der europäischen Öffentlichkeit. Die Faszination für japanische Ästhetik sollte Wien nie wieder ganz loslassen.

Man schrieb den 12. Jänner 1872, als die offizielle Einladung den Tenno in Tokio erreichte. Bei einer feierlichen Audienz überreichte der Diplomat Heinrich Ritter von Calice, weit gereist in Ostasien und vielfach geehrt, im Auftrag von Kaiser Franz Joseph I. das Schreiben, Österreich gedenke im Folgejahr 1873 eine Weltausstellung in Wien abzuhalten und lade den Tenno ein, auch sein Land in Europa zu präsentieren. Die Einladung war für beiden Seiten von großer Bedeutung.

Für Österreich war die Weltausstellung ein heikles Unterfangen auf dem weltpolitischen Parkett. Nach verlorenen Kriegen gegen Piemont und Preußen wollte man das wieder erstarkte Selbstbewusstsein des Landes gebührend zur Schau stellen. Die Weltausstellung war die erst fünfte in der Geschichte und die allererste im deutschsprachigen Raum. So erdachte man im Wiener Prater auf 233 Hektar ein für damalige Zeiten fulminantes Ausstellungsgelände: 194 Pavillons in unterschiedlichen Landesstilen entstanden, in Grünanlagen errichtete man Wasserspiele, Tausende »Gasflammen« sollten das Gelände ins richtige Licht rücken. Die »Rotunde« gilt bis heute als Wahrzeichen der Expo 1873.

Für Japan wiederum war es die erste Weltausstellung, mehr noch: Es war das erste Mal überhaupt, dass man sich international präsentierte. Und so begann man rasch, die Unternehmung zu planen. Das japanische Kaiserreich war eine aufstrebende Wirtschaftsmacht und wollte die Expo gekonnt nutzen, um Stärke zu demonstrieren. Die japanische Regierung gründete eine Kommission.

Um die besten und repräsentativsten Ausstellungsobjekte auszuwählen, wurden (als eine Art Bewährungsprobe) zwei nationale Vorausstellungen in Kyoto und Tokyo abgehalten und dazu aus allen Landesteilen rund 6000 eigentümliche, aufsehenerregende und nicht zuletzt wirtschaftlichen Interessen dienende Objekte zusammengetragen. Dass so manches Objekt kein Original war, sondern eigens nach europäischem Geschmack angefertigt worden sein soll, ist eine eigene Geschichte.

Zwei Monate auf See

Die Delegation, die ein Jahr später in Wien eintraf, umfasste nicht weniger als 70 Personen. Im Jänner 1873 hatte sie mitsamt allen Exponate ein französisches Dampfschiff bestiegen, das ganze zwei Monate später im Hafen von Triest landete. Von dort aus ging es mit der Eisenbahn nach Wien. Es war die bis dato größte Entsendung nach Europa. Es kamen Beamte und Fachleute, Studenten und Arbeitskräfte wie Tischler, Gärtner oder Zimmerleute, die für den Aufbau sorgten. Sie sollten westliche Einrichtungen kennenlernen und zu Ausbildungszwecken in Österreich verbleiben.

Schließlich eröffnete das österreichische Kaiserpaar höchstpersönlich die »Gärten der Japanesen«. Und diese konnten sich sehen lassen. Die Beteiligung Japans wurde ein über die Grenzen der Monarchie hinaus beachteter Erfolg. 35 Nationen nahmen an der Weltausstellung teil. Die japanische Abteilung im Ostflügel der Rotunde und der angeschlossene Garten erwiesen sich als einer der Publikumsmagneten. Die Gärtner hatten künstliche Wasserläufe, Brücken und Hügel angelegt. Sogar der Tempel von Kyoto wurde nachgebildet. Auch einen eigenen Ausstellungskatalog legten die Japaner auf, der Bildband galt lange als gute Quelle zur Beurteilung der japanischen Verhältnisse im 19. Jahrhundert.

Blick auf die Weltausstellung 1873 in Wien
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Blick auf die Weltausstellung 1873 in Wien

Von Fächern und Soja

Die Begeisterung war mannigfaltig – und nicht zuletzt ein Ausdruck des »Orientalismus«, der im 19. Jahrhundert in den großen europäischen Städten en vogue war. Dass man Japan kulturgeografisch zum »Orient« zählte, wiewohl es in Ostasien liegt, verdeutlicht den eurozentristischen Blick der damaligen Zeit. Vor allem die Textilien hatten es den Europäern angetan, der Verkauf von Fächern an die Besucher boomte. Japan präsentierte erstmals die heute allgegenwärtige Sojabohne der westlichen Welt. Und weil ein kleiner Skandal auch damals gerne gesehen war, geht bis heute die Legende, dass Geishas in einem Teehaus außerhalb des offiziellen Expo-Geländes nicht nur Getränke angeboten haben sollen.

Auch die europäischen Museen sollten langfristig profitieren: Die japanische Regierung verschenkte damals einen großen Teil der ausgestellten Stücke – von Malerei bis Porzellan – an sie, um die internationale Außenwirkung zu verstärken. Die größte Sammlung ist bis heute im Museum für angewandte Kunst (MAK) beheimatet.

Das, was blieb

Und was blieb von der Weltausstellung? Die Faszination für japanische Ästhetik sollte Wien nicht so schnell loslassen: Viele Elemente des Jugendstils und der Wiener Secession gehen auf Impulse aus Japan zurück.

Stararchitekt und -designer Josef Hoffmann vereint die handwerkliche Finesse und die klare Linienführung in seinen Entwürfen. Die Wiener Werkstätte wäre ohne Kenntnis der japanischen Vorbilder nicht denkbar, selbst die faszinierende Wirkung der Gemälde von Gustav Klimt wäre ohne den Einfluss der japanische »Ukiyo-e« (Bilder der fließenden Welt) nicht denkbar.

Der »Japonismus« prägt das Wiener Fin de Siècle ganz entscheidend. Künstler wie Emil Orlik oder Kolo Moser wiesen mit ihrer von Japan inspirierten Weiterentwicklung den Weg in die Moderne. Und so manifestieren sich japanisches Handwerk und Kunst bereits seit 150 Jahren in Österreich – vielfach ohne dass diese als solche wahrgenommen wurden.

Der Heimweg von der Weltausstellung sollte für die Japaner wenig erfolgreich verlaufen. Eines der Schiffe geriet mit 191 Kisten voller Objekte in einen Taifun und ging kurz vor Yokohama unter. Nur ein Teil der Ladung konnte später gerettet werden. Menschen kamen nicht ums Leben. In Tokio zeugt das Nationalmuseum bis heute von damals – es wurde im Zuge der Teilnahme an der Weltausstellung als erstes staatliches Museum Japans aus der Taufe gehoben.

Apropos erfolgreich: Für Österreich war die Weltausstellung zumindest finanziell ein Desaster. Statt 20 kamen nur sieben Millionen Besuchern. Ausgaben in der Höhe von 19.123.270 Gulden standen 4.256.349 Gulden an Einnahmen aus Eintrittskarten und Platzmieten gegenüber. Ein Defizit von mehr als 14 Millionen Gulden.


Erschienen in
Special ÖSTERREICH mit Osaka (D)

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Peter Moser
Peter Moser
Chefredakteur Wein
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