Schweizer Wein im Wandel: 5 Trends, die man kennen muss
Der weltweite Konsumrückgang von Wein ist in aller Munde – und lässt uns andere Herausforderungen wie den Klimawandel fast vergessen. Auch am Schweizer Wein gehen diese Entwicklungen nicht spurlos vorbei. Ein Blick auf die vergangenen 25 Jahre zeigt, welche Tendenzen sich abzeichnen und wie diese die Zukunft prägen werden.
Der Start ins Jahr 2025 war für die Schweizer Weinbranche eher schleppend. Dass der Dry January die allgemein schwierige Situation dämpft, das ist man sich aber nun schon seit einigen Jahren gewöhnt. Während der Handel auf die veränderten Rahmenbedingungen mit neuen Strategien und Angeboten ein Stück weit reagieren kann, ist die Reaktionszeit der Weinmacherinnen und Weinmacher langsamer. Das liegt in der Natur der Sache – die Weinproduktion ist per se träge und es dauert seine Zeit, bis Entscheidungen zu veränderten Resultaten führen. Vor diesem Hintergrund hat die Falstaff-Redaktion herausgezoomt und verschiedene Statistiken seit der Jahrtausendwende unter die Lupe genommen – allen voran die frei zugängliche weinwirtschaftliche Statistik des Bundesamtes für Landwirtschaft BLW. Dabei wurden nicht nur Antworten auf dringende Fragen gefunden, die Analyse ermöglicht ebenso einen Blick in die Zukunft.
Trend 1: Wir trinken weniger
Die Schweiz trinkt weniger Wein. Daran lassen die Zahlen keinen Zweifel. Während der Pro-Kopf-Konsum im Jahr 2000 noch bei 43,5 Litern lag, war er bei der letzten Erhebung im Jahr 2023 auf 29,1 Liter gesunken. Das entspricht einer Abnahme von mehr als 33 Prozent in weniger als 25 Jahren. Diese Veränderung ist weltweit zu beobachten – und da die Schweiz seit jeher zu den Weintrinker-Nationen gehört, belegt sie beim Pro-Kopf-Konsum noch immer einen Spitzenplatz: Rang 4 nach Portugal, Frankreich und Italien. Der derzeit diskutierte Konsumrückgang ist also kein neues oder geografisch begrenztes Phänomen – er zeichnet sich bereits seit den 80er-Jahren weltweit ab. Aus Sicht der Schweizer Winzer erfreulich ist, dass sie den Marktanteil von Schweizer Wein erhöhen konnten: 91 Millionen Liter Schweizer Wein wurden etwa 2023 konsumiert, was einem Anstieg um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Der Konsum ausländischer Weine hingegen ging um 3,1 Prozent zurück. Der Marktanteil von Schweizer Weinen stieg damit um 1,6 Prozentpunkte auf 38,6 Prozent. Man muss davon ausgehen, dass der Weinkonsum weiter sinken wird – und es bleibt zu hoffen, dass sich der Schweizer Wein weiter positiv entwickeln wird. Erste Hinweise, wie wachsende Exportzahlen, stimmen einem vorsichtig optimistisch.
Trend 2: Chasselas im freien Fall
Die Schweizer Paradesorte Chasselas ist und bleibt die wichtigste Weissweinsorte der Schweiz – 3201 Hektar Rebfläche belegte sie im Jahr 2023. Das relativiert sich, wenn man weiss, dass ihre Anbaufläche im Jahr 2000 noch bei 5489 Hektar und 2009 bei immerhin 4013 Hektar lag. Im Waadtland bleibt die Sorte mit 92 Prozent übrigens absoluter Platzhirsch. Gründe für die Abnahme des Chasselas gibt es einige – wichtig scheint aber insbesondere der Ruf der Sorte als Arbeitspferd statt als edle Traubensorte von grossem Ausdruck. Die Herausforderung für die Zukunft liegt also darin, die Qualität zu steigern und das Image des Chasselas zu verbessern, um seine Position im Markt zu stabilisieren. Auf Platz zwei bei den wichtigsten Weissweinsorten der Schweiz folgt mit 409 Hektar der Müller-Thurgau, der seit der Jahrtausendwende ebenfalls markant an Anbaufläche eingebüsst hat – vermutlich aus ähnlichen Gründen. Die traditionellen Weissweinsorten der Schweiz verlieren also an Bedeutung, dafür gewinnen internationale Sorten wie Sauvignon Blanc oder Chardonnay an Terrain. Erstere legte seit 2009 um 127 Hektar, respektive 95 Prozent zu. Auch wenn die Zahlen hier wenig aussagekräftig sind, gewinnen regionale Varietäten wie Petite Arvine zusehends an Bedeutung. Sie sind nicht nur bei den Konsumenten hoch im Kurs, als autochthone Sorten sind sie an die Gegebenheiten im jeweiligen Landstrich angepasst und kommen auch mit den veränderten Witterungsbedingungen überraschend gut zurecht.
Trend 3: Die Schweiz sieht Rot
Weintrends gibt es immer wieder: Ob Naturwein, Rosé oder die im Zuge des schrumpfenden Alkoholkonsums beweihräuchterten alkoholfreien Weine. Was davon die Weinproduktion nachhaltig prägen wird, ist schwer zu sagen. Fakt ist, dass über die letzten 25 Jahre in der Schweiz der Anbau roter Sorten deutlich zugenommen hat – und das obwohl weltweit Weissweinsorten auf dem Vormarsch sind. 1999 betrug der Anteil weisser Sorten in der Schweiz 48,5 Prozent, während 51,5 Prozent auf rote Sorten entfielen. 2023 waren nur mehr 44,5 Prozent der Schweizer Rebflächen mit weissen Sorten bestockt, während auf 55,5 Prozent der Flächen rote Sorten standen. Die meistangebaute Traubensorte der Schweiz ist seit vielen Jahren Pinot Noir. 2008 waren 4430 Hektar damit bestockt, 2023 immerhin noch 4163 Hektar. Es liegt nahe, die Entwicklung der Schweiz zum Rotweinland mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen – das belegt der sich verändernde Sortenspiegel. Auf Platz 1 im Wachstum der letzten 25 Jahre steht Cabernet Sauvignon, der im Jahr 2000 noch gar nicht in der Statistik geführt wurde, 2010 auf 63 Hektar stand und 2023 bereits 210 Hektar belegte. Die Hauptanbauflächen befinden sich im Wallis, im Tessin und in Genf, auch in der milden Deutschschweiz wird er immer beliebter.
Trend 4: Vorteil Erderwärmung
Der Klimawandel macht auch vor der Schweiz nicht Halt. Besonders Extremwetterereignisse wie Frost, Hagel oder intensive Regenperioden haben den Winzern hierzulande in den letzten Jahren immer wieder zu schaffen gemacht. Gleichzeitig werden die Sommer immer heisser. Vier der fünf wärmsten je gemessenen Sommer in der Schweiz traten in den letzten fünf Jahren auf. Die Durchschnittstemperatur liegt in der Schweiz aktuell etwa 2,8 Grad Celsius über dem vorindustriellen Durchschnitt, was deutlich mehr ist, als der globale Durchschnitt von 1,3 Grad. Seit den 60er-Jahren hat sich die Anzahl der Sommertage – womit Tage mit Maximaltemperaturen von 25 Grad oder mehr gemeint sind – an vielen Orten hierzulande verdoppelt. Sogar in höheren Lagen wie Samedan, das 1700 Meter über dem Meer liegt, wurden 2023 13 Sommertage verzeichnet, während es früher kaum welche gab. Für den Weinbau bringen diese Entwicklungen aber nicht nur Nachteile mit sich, sondern auch Vorteile. Insbesondere bei der Ausreifung roter Rebsorten. Womit bei weitem nicht nur Rebsorten wie Cabernet Sauvignon gemeint sind. Unzureichende Reife war früher selbst beim Blauburgunder ein häufiges Problem. Das alles ist passé.
Trend 5: Die Bio-Revolution
Bio-Weinbau boomt in der Schweiz. Seit 2018 hat sich die Bio-Rebfläche hierzulande mehr als verdoppelt und lag 2023 bei 2710 Hektar. Heute liegt der Anteil der Bio-Rebfläche bei etwa 20 Prozent. In einzelnen Kantonen liegt er sogar noch deutlich höher. In Neuenburg etwa, wo inzwischen mehr als 60 Prozent der gesamten Rebfläche biologisch bewirtschaftet werden, oder in Freiburg, wo der Bio-Anteil bei rund 44 Prozent liegt. Wenn sich der Wachstumstrend der letzten Jahre fortsetzt, könnte die Bio-Rebfläche in der Schweiz schon bald die 3000-Hektar-Marke überschreiten. Im Rahmen des Bio-Booms der letzten Jahre sind insbesondere PiWi-Rebsorten stark gewachsen. Diese Neuzüchtungen sind gegen die wichtigsten Pilzkrankheiten im Weinbau genetisch abgesichert, wodurch sich Pflanzenschutzmassnahmen auf bis zu 80 Prozent reduzieren lassen. Das bedeutet deutlich weniger Traktorfahrten, weniger CO2-Ausstoss, weniger Bodenbelastung und weniger Aufwand im Allgemeinen. Im Jahr 2023 waren hierzulande rund 3,5 Prozent der Gesamtrebfläche, was knapp über 500 Hektar entspricht, mit robusten Sorten bepflanzt. Besonders stark gewachsen ist seit ihrer offiziellen Freigabe im Jahr 2013 die rote PiWi-Sorte Divico, die mittlerweile auf 80 Hektar kultiviert wird. Prognosen deuten daraufhin, dass in den nächsten zehn Jahren etwa ein Drittel der Neuanpflanzungen auf PiWi-Sorten entfallen wird.